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Klappe auf: In diesem Theaterstück spielen nur Frauen mit

Männer brauchen sie bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf nur im Publikum! In "Ernst ist das Leben" wurden alle Rollen mit Frauen besetzt.

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Klappe auf: In diesem Theaterstück spielen nur Frauen mit
© Sommerspiele Perchtoldsdorf

AUF DIE FRAUEN!

Vom 27. Juni bis 28. Juli wird bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf "Ernst ist das Leben" aufgeführt. Ein Stück von Oscar Wilde, bearbeitet von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Das Ensemble wurde ausschließlich weiblich besetzt - Maresi Riegner, Marie-Christine Friedrich, Miriam Fussenegger, Michou Friesz, Maria Hofstätter, Elzemarieke de Vos und Raphalea Möst (v. l. n. r.). Nicht am Bild: Karola Niederhuber.

Die Stimmung unter dem Cast muss leiwand sein. Immerhin prusten die drei Schauspielerinnen bei der Frage danach laut los. "Das hat uns vor Probenbeginn am meisten beschäftigt: Wie wird das mit lauter Frauen sein? Nach einer Woche hab ich mir gedacht: Eigentlich geht das ganz gut!", lacht Michou Friesz, 56. "Es ist interessant, wie sich ein Team entwickelt, wenn diese sexuelle Spannung -und die gibt es ja auch, wenn zwischen den Kollegen nichts läuft -wegfällt. Eine tolle Erfahrung, ohne Wadelbeißerei." Mit Miriam Fussenegger, 27, und Marie-Christine Friedrich, 38, spielt Friesz vom 27. Juni bis 28. Juli in Perchtoldsdorf "Ernst ist das Leben". Auch Friedrich steht auf das feminine Ensemble: "Ich habe zu Hause drei Männer -meine beiden Buben (drei und viereinhalb, Anm.) und meinen Ehemann. Für mich ist es ein besonderer Luxus, in dieser weiblichen Energieblase zu sein." Insgesamt stehen acht Ladies auf der Bühne. Mit Friesz, Friedrich und Fussenegger haben wir drei unterschiedliche Generationen getroffen und 75 Minuten über das gesprochen, was sie bewegt - als Schauspielerinnen und Frauen.

»Ein bissl Rebellion und Widerstand ist immer gut! «
Marie-Christine Friedrich, Michou Friesz und Miriam Fussenegger im Gespräch mit Melanie Zingl von WOMAN.

Sie spielen Oscar Wildes Komödie "Ernst ist das Leben". In welchen Lebensbereichen würden Sie sich mehr Leichtigkeit wünschen?

FRIESZ: Es gibt immer wieder Situationen, in denen man sich denkt: Jetzt muss ich meine Yoga-Atmung anwenden. Hat es mit dem Alter zu tun, dass ich oft weniger Nerven habe? Ich weiß es nicht Wenn mir nicht mit Wertschätzung begegnet wird, versuche ich den Leuten mit viel Liebe entgegenzukommen. Das ärgert sie dann viel mehr. Beim Autofahren zum Beispiel. Den (zeigt den Mittelfinger) habe ich mir abgewöhnt. Da kommen die Männer und beschimpfen dich. Ich zeige jetzt mit dem Daumen nach oben. (lacht)

FUSSENEGGER: Ich finde es aber auch vollkommen legitim, in manchen Momenten leidenschaftlich und emotional zu sein. Nicht alles erfordert Leichtigkeit. Man darf auch den Ernst im Leben kultivieren. Es ist vielleicht blöd, wenn man das mit 27 sagt, aber ich merke schon, dass ich mit dem Alter immer entspannter werde.

FRIESZ: Die Oma einer Kollegin ist gerade 80 geworden, und die meinte, dass sie mit Mitte 50 im schönsten Lebensalter war. Ist das nicht toll?

FRIEDRICH: Bei mir ist es mit zwei kleinen Kindern gerade so turbulent, dass ich mir in mehreren Bereichen Ruhe wünschen würde. Mal wieder ein bisschen durchlüften. Ich bin eigentlich ein freudiger und munterer Mensch, aber ich merke, dass das verloren geht, wenn mir alles zu viel wird. Als Frau, Mutter, Partnerin und Künstlerin ist man manchmal in einer verzwickten Situation. Die Emanzipation kam in den 70er-Jahren, aber wo stehen wir heute? Es wird viel zu wenig unterstützt. Jede Familie versucht, in ihrer kleinen Parzelle allen Ansprüchen gerecht zu werden. Es wäre doch viel schöner, wenn man da mehr zusammenhilft.

Michou Friesz (56), Miriam Fussenegger (27), Marie-Christine Friedrich (38) – (v.l.n.r.)

Michou, Ihre Tochter Marie ist 21. Wie hat sich das Frauenbild in den letzten 20 Jahren verändert?

FRIESZ: Ich bin noch mit der gesellschaftlichen Einstellung aufgewachsen, dass es reichen würde, wenn man heiratet und Kinder kriegt. Wahnsinn, oder?

FUSSENEGGER: Wurdest du im Beruf auf dein Äußeres reduziert und in bestimmte Rollen gepresst?

FRIESZ: Ich habe lange sehr jung ausgeschaut, dabei wollte ich viel lieber immer die alten, interessanteren Rollen spielen. So wie du sagst, dass du nicht immer nur die "Schöne" sein magst.

FUSSENEGGER: Man läuft so schnell Gefahr, dass man auf sein Aussehen reduziert wird. Ich hab oft den Wunsch, dagegen zu rebellieren und etwas ganz anderes zu machen. Dann würde ich mir am liebsten eine Glatze rasieren. (lacht)

FRIEDRICH: Mittlerweile gibt es zum Glück immer mehr spannende Frauenrollen. Früher war man meistens das Love Interest. Dabei ist das Frauenbild so viel mehr als das, was wir in den letzten 20 Jahren im Film und auf der Bühne darstellen durften.

Ein halbes Jahr nach der großen #MeToo- Bewegung: Was hat sich verändert?

FUSSENEGGER: Es ist ein neues Bewusstsein entstanden. Da ist jetzt mehr Sensibilität und Aufmerksamkeit für diese Themen. Es ist nichts mehr, das unter den Teppich gekehrt wird und eigentlich nicht existiert. Wobei ich auch nie mit Respektlosigkeit konfrontiert war. Mein Gefühl ist, dass Männer in meinem Alter da überhaupt ein anderes Auftreten haben. Ich kenne wenige Machos oder Chauvis. Aber vielleicht auch, weil ich mich mit solchen Typen nicht umgeben würde.

FRIESZ: #MeToo war wichtig, aber es gibt noch immer ein großes Ungleichgewicht. Wir werden nach wie vor schlechter bezahlt als Männer.

Regisseurin Sabine Derflinger hat in WOMAN erzählt, dass weibliche Darstellerinnen oft bis zu 40 Prozent weniger verdienen...

FRIESZ: Ich hab mich einmal am Theater aufgeregt, weil ich wusste, dass mein Kollege mehr bekommt. Dabei waren wir gleich alt und haben in denselben Stücken gespielt. Es wurde dann damit begründet, dass er schon ein Kind hatte. Wenn ich damals schon Mutter gewesen wäre, hätten sie eine andere Ausrede gefunden. Alles Mogelei! Und ein Tabuthema.

FUSSENEGGER: Deshalb versuche ich es anders zu praktizieren. Ich frage immer nach und spreche auch offen darüber, nur so kann Gerechtigkeit hergestellt werden. Früher dachte ich ja, dass es das heute nicht mehr gibt -bis ich selbst betroffen war.

FRIEDRICH: Ich hab mal mit einem Bekannten von der Schauspielschule gedreht, und er hat mich nach meiner Gage gefragt. Damals war ich schon länger im Business, hatte auch schon Preise gewonnen. Er hat sich danach bei der Produktionsleitung beschwert, und ich habe eine Rüge von meinem Agenten bekommen. Bis dahin wusste ich auch nicht, dass man nicht darüber spricht. Er ist jedenfalls jetzt gut im Geschäft, und ich wurde einige Jahre nicht mehr von dieser Firma engagiert.

FRIESZ Über Geld spricht man nicht. Es gibt einen Verband für Filmschauspieler. Da gibt es jedes Jahr für "bedürftige Kollegen" einen Topf, aus dem pro Person 4.500 Euro entnommen werden dürfen. Und da meldet sich fast niemand. Oft müssen sie es Leuten, von denen sie wissen, dass sie seit zwei Jahren nichts gedreht haben, aufdrängen. Man traut sich nicht, diesen momentanen Missstand öffentlich einzugestehen.


FRIEDRICH:
Ich hab 's schon genutzt. Und es auch zwei Freundinnen empfohlen, bei denen es gerade nicht so gut läuft.

Noch einmal kurz zurück zu #MeToo: Wo fängt für Sie die Grenzüberschreitung an?

FRIESZ: Wenn du als Frau gezwungen wirst, dich zu fügen: "Wenn nicht, dann ..." Das muss nicht ausgesprochen sein, es reicht auch, wenn einem das Gefühl vermittelt wird. Ich war wahnsinnig dankbar, dass sich die Frauen so solidarisiert haben. Und es hat mich unglücklich gemacht, dass es ein paar Kolleginnen gab, die dann das Gegenteil behauptet haben. Es gibt eben ganz viele, die sich in bestimmten Situationen nicht wehren können oder sich nicht trauen. Die gehören geschützt. Die Männer raunzen jetzt halt: "Was darf ich eigentlich noch?"

FUSSENEGGER: Sorry, ich kann es nicht nachvollziehen, dass der Mann jetzt als armes, verstörtes Häschen dasitzt und nicht mehr weiß, wie er sich einer Frau nähern darf. Mir ist der Unterschied zwischen Flirt und sexuellem Übergriff nämlich ganz klar. Jeder halbwegs intelligente Typ wird da auch differenzieren können.

Mit dem Schmäh wird die gesamte Diskussion in eine andere Richtung gelenkt.

FRIEDRICH: Und eine ernsthafte Auseinandersetzung wird hintangestellt. Es geht um eine gesellschaftliche Weiterentwicklung, da war #MeToo ein wortstarker Schritt. Diese Debatte über die männliche Verunsicherung ist nur kontraproduktiv.

Welche Frage sollen sich Frauen in zehn Jahren nicht mehr stellen müssen?

FRIESZ: Können meine Kinder in Frieden aufwachsen? Werden meine Kinder Krieg erleben? Es wäre herrlich, wenn man sich das nicht mehr fragen müsste.

FRIEDRICH: Ein gemeinsames, liebevolles Miteinander

FUSSENEGGER: Ich fände es schön, wenn sich diese Geschlechteridentitäten ein bisschen auf heben. Dass es gar kein so großes Thema mehr ist, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist. Es ist ja ein Resultat des Missstandes, dass wir ständig darüber diskutieren müssen.

FRIESZ: Einen Wunsch hätte ich noch, ich bin dann ja schon 66: (lacht) Dass man im Alter so gezeigt werden kann, wie man eben ausschaut. Die Menschen, die vorm Fernseher sitzen, werden ja auch älter. Die interessieren sich nicht nur für die Geschichten von 20-Jährigen.

Die Darstellerin Thekla Carola Wied klagte unlängst in einem Interview über Altersrassismus. Sie ist 74 und meinte, oft blieben ihr nur noch die Leichen-Rollen. Ist es so schlimm?

FRIESZ: Ich habe vor 15 Jahren eine Großmutter gespielt, damals war ich 41.

FRIEDRICH:
Und ich mit 24 zum ersten Mal eine Mutterrolle. Es geht einfach immer noch viel zu sehr um das perfekte Aussehen - Instagram und Facebook verstärken das. Dann liften sich alle hoch bis ins Alter ...

FRIESZ:
Ich hab jetzt eine ganz naive Frage: Werden Jungstars wie Emilia Schüle oder Jella Haase bevorzugt engagiert, weil sie viele Follower auf Instagram haben?
FUSSENEGGER: Klar! In Österreich weniger, aber in Deutschland ist das normal. Die schauen, wer im Gespräch ist, wer die Projekte promoten kann Wobei Jennifer Lawrence, die gerade der internationale Überstar ist, gar kein Instagram hat. Das ist mir total sympathisch.

Wie aktiv sind Sie online?

FUSSENEGGER: Ich habe weder Facebook noch Instagram. Ich finde es schwierig, dass man gezwungen wird, teilweise Privates zu veröffentlichen, um in dem Beruf arbeiten zu können. Das verweigere ich.

FRIESZ: Ich poste schon, aber ich habe bei Weitem zu wenig Fans, als dass man mich deswegen engagieren würde. Na ja, im Notfall kann man sich welche kaufen (lacht)

Oscar Wilde meinte: "Leben -es gibt nichts Selteneres auf der Welt. Die meisten Menschen existieren, weiter nichts." Wie erleben Sie das?

FRIEDRICH: Mir fällt dazu ein Satz ein, den Manuel Rubeys Vater zu mir gesagt hat: "Nicht wohnen soll man, sondern leben." Ich würde gern noch 50 andere Leben ausprobieren. Weil ich mir so vieles vorstellen kann, aber im Grunde will ich es dann wahrscheinich eh nur spielen. Eine Kollegin hat ein Café in Leipzig aufgemacht, und als sie dann zum ersten Mal drinnen stand, kam ihr plötzlich der Gedanke: Scheiße, ich muss jetzt jeden Tag hier sein. Sie hat es dann nicht lange geführt. Da lebe ich diese Träume doch lieber in meinen Rollen aus.

FUSSENEGGER: Ich lebe ziemlich intensiv. (lacht) Weil ich früh gemerkt habe, dass ich in einem System, in dem mir Dinge oktroyiert werden, nicht funktionieren kann. Das war schon in der Schule so. Die Entscheidung für den künstlerischen Beruf war eine Entscheidung für ein intensives Leben. Das bedingt für mich auch, dass man wach bleibt. Weil es viele Unsicherheiten mit sich bringt. Anders würde ich verkümmern wie eine Blume ohne Wasser.

FRIESZ: Ich hatte gerade zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder frei. Und nachdem ich eine Person bin, die sich schon sehr über ihre Arbeit definiert, kommt dann so eine innere Unruhe hoch: Was bringt der Tag? Wo gehöre ich hin?

Was sind da Ihre eigenen Ansprüche?

FRIESZ: Ich möchte so leben, dass jeder Tag erfüllt ist. Mich begleitet eine unendliche Dankbarkeit. Mir ist bewusst, dass ich unendliches Glück habe. Wenn es mal schlecht läuft, nehm ich die Sache in die Hand und versuche etwas zu ändern.

FUSSENEGGER: Das spürt man bei dir auch. Das strahlst du aus. So eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Welt finde ich auch sehr wichtig. Ich nehme die Dinge nicht leichtfertig hin, sondern bin gern skeptisch. Nicht bequem werden. Ich will nicht gefällig sein. Ein bissl Rebellion und Widerstand ist immer gut.

FRIEDRICH: Meine Ansprüche liegen im Jetzt. Mein Alltag ist gerade so vielfältig, da bin ich total gefordert. Also versuche ich, mich damit auseinanderzusetzen, wo ich aktuell bin. Dann kommt das nächste.

Thema: Feminismus