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Intensivpflegefachkraft auf Twitter erzählt, wie schrecklich es wirklich um Covid-PatientInnen bestellt ist

Eine Intensivpflegefachkraft hat auf Twitter einen dramatischen und traurigen Thread geteilt. Über den derzeitigen Alltag im Krankenhaus. Lesen. Und teilen!

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Intensivpflegefachkraft auf Twitter erzählt, wie schrecklich es wirklich um Covid-PatientInnen bestellt ist
© iStock

Aktuell sind in Österreich über 60.000 Menschen am Coronavirus infiziert. Die Forderungen nach Schulschließungen werden lauter und Gesundheitsminister Rudi Anschober stellte am Sonntag Verschärfungen des Teil-Lockdowns in den Raum. In einer Presseaussendung bezeichnete Anschober den Zuwachs der COVID-19-PatientInnen auf Intensivstationen als "besorgniserregend". Es gelte dafür Sorge zu tragen, dass "die Grenzen des Gesundheitssystems nicht überschritten werden".

Dass die psychischen Grenzen bei vielen MitarbeiterInnen im Gesundheitssystem längst erreicht sind, macht einmal mehr der Text einer Intensivpflegekraft auf Twitter deutlich. Der Deutsche teilte einen dramatischen Ausblick auf seinen Beruf, die Pflege. "Ich bin müde" , beginnt er seine Gedanken aufzuschreiben. Und wir alle sollte ihm zuhören. Vor allem all jene, die weiter den Ernst der Lage nicht begreifen.

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Eine Intensivpflegefachkraft über den derzeitigen Arbeitsalltag

Wir sind, wenn man es mit etwas Pathos sagen möchte, die letzte Instanz vor der Ewigkeit.
Und das stimmt wirklich.
Covid-Patienten sind einsam.
Sie sehen wochenlang kein bekanntes Gesicht.
Sie sehen eigentlich gar kein Gesicht.
Sie sehen nur vermummte Menschen.
Sie sehen nur Augen.
Augen die durch Schutzbrillen gucken.
Covid-Patienten sind einsam.
Und sie sterben einsam.
Das Letzte, was sie in ihrem Leben sehen, sind vermummte Menschen.
Und Augen, die durch Schutzbrillen gucken.
Keine vertraute Stimme ist bei ihnen, kein vertrautes Gesicht, keine vertrauten Augen und Hände.
Kein Lächeln. Nur vermummte Gesichter. Fremde Augen.
Covid-Patienten leiden.
Wir leiden mit ihnen.
Sie kämpfen.
Wir kämpfen mit ihnen.
Wir kämpfen um sie.
Um jedes einzelne Leben.
Wir kämpfen einen Kampf, der keinen Sieger kennt.
Wir alle verlieren.
Unseren Verstand, unseren Beruf, unsere Gesundheit, vielleicht unser Leben.
Ich bin müde.
Müde vom Anblick der Coronaleugner.
Müde vom Anhören irgendwelcher kruden Ideologien.
Müde vom ganzen Hass und der Häme.
Müde von einer Gesellschaft, in der einige wenige so laut sind, dass sie die große Masse der Vernünftigen, der Leisen, völlig übertönt.
Ich bin müde.
Von Fake-News, verdrehten Fakten, Populismus und Verschwörungsphantasien.
Menschen wie bei den Querdenker-Demos in Berlin, in Leipzig und anderswo machen mich müde. So müde.
Wir kämpfen hier um jedes Leben. Nicht nur um das von Covid-19-Erkrankten.
Doch diese werden in den nächsten Wochen die Krankenhäuser dominieren.
Wir kämpfen, andere leugnen, relativieren, lügen.
Es ist ihre Welt. Ich lebe in meiner.
Und in meiner Welt möchte ich bald nicht mehr kämpfen.
Nicht für diese Menschen.
Nicht für diesen Teil der Gesellschaft.
Ich merke, wie ich mich so langsam innerlich von meinem Beruf verabschiede.
Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich Dinge ändern.
Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass mein Beruf noch etwas wert ist.
Er ist ramponiert. Absichtlich. Für Jahrzehnte. Vielleicht für immer.
Ich bin einfach nur so müde.
Ich werde mich bald umdrehen.
Und ich werde gehen.
Gehen aus meinem Beruf.
Ich bin seit 18 Jahren Intensivpflegefachkraft.
18 Jahre und 1 Monat.
6612 Tage. Unzählige Minuten.
Noch nie war ich so müde wie heute.

Es ist kein schönes Bild, dass da gezeichnet wird. Und auch wenn dieser Text vom Alltag in deutschen Einrichtungen erzählt, ist er in Österreich derzeit ein ähnlicher, wie auch dieser Arzt berichtet. Laut Dr. Nikzad wird das Pandemiegeschehen erst drei Wochen nach dem Beginn unseres Teil-Lockdowns sein Maximum erreichen. Man müsse davon ausgehen, dass die Intensivmedizin auch in Österreich an seine Kapazitätsgrenzen stoßen wird.

Was wir als Einzelpersonen tun können? Anschober appellierte am Wochenende wieder an die Bevölkerung, die Kontakte "zumindest zu halbieren", den Mindestabstand einzuhalten, Mund-Nasen-Schutz-Masken zu tragen, die Maßnahmen wie die nächtlichen Ausgangsbeschränkungen konsequent einzuhalten und die Stopp Corona App zu verwenden: "Bitte seien Sie jetzt ein Teil der Lösung und übernehmen Sie Mitverantwortung. Seien Sie besonders vorsichtig, wenn Sie Besuche in Alten- und Pflegeheime machen wollen. Melden Sie sich vorher telefonisch an, lassen Sie sich vorher testen, verwenden Sie eine Schutzmaske und beachten Sie die Vorgaben und Informationen der Heimleitung."

Wir schaffen das. Gemeinsam.