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Interview mit einer Nothelferin in Krisengebieten: "Habe das Schlimmste und Schönste der Humanität gesehen"

Jennifer Bose ist als Nothelferin in den Krisenregionen dieser Welt unterwegs. Zuletzt war sie im Jemen, wo seit 4 Jahren die schlimmste humanitäre Krise der Welt herrscht. Aber auch in Bangladesch oder Nigeria war sie und hat vor allem von Frauen barbarische Geschichten über unfassbare Gewalt erfahren. Wie man so eine Arbeit überhaupt aushält und warum sie dennoch nicht den Sinn für die Alltagsprobleme ihrer Freunde verliert, erklärt Jennifer Bose im Interview mit WOMAN.at.

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Interview mit einer Nothelferin in Krisengebieten: "Habe das Schlimmste und Schönste der Humanität gesehen"
© CARE

In Aden, der fünftgrößten Stadt im Jemen, toben seit Tagen wieder schwere Kämpfe. Jennifer Bose, Nothelferin bei CARE Österreich, war bis vor einer Woche selbst vor Ort und was sie von ihrem einmonatigen Aufenthalt im Jemen erzählt, ist erschütternd. 24,1 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, davon sind 13 Millionen Kinder. Seit Beginn des Konflikts vor vier Jahren sind 3,65 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden, es gibt rund 3,3 Millionen Binnenflüchtlinge - also Menschen, die im Land auf der Flucht sind. 7,4 Millionen Personen brauchen Nahrungsmittelhilfe, 3,2 Millionen Menschen sind akut mangelernährt, davon 2,1 Millionen Kinder unter 5 Jahren und 1,1 Millionen schwangere oder stillende Frauen. Diese Zahlen sind mitunter das Resultat des seit 2015 andauernden Kriegs zwischen den von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und anderen arabischen Staaten unterstützten Truppen von Präsident Hadi und den Huthi-Rebellen.

Größte humanitäre Krise der Welt

"Im Jemen spielt sich die größte humanitäre Krise der Welt ab. Die Auswirkungen des Konflikts sind überall zu sehen, jede und jeder im Land ist davon betroffen. Die Infrastruktur ist komplett zerstört, die Bevölkerung lebt in extremer Armut. Zugang zu medizinischer Versorgung gibt es kaum, die Schulen sind längst geschlossen. Laut UN hat der Konflikt den Jemen in seiner Entwicklung 21 Jahre zurück geworfen", sagt Jennifer Bose. Sie war bis vor einer Woche im Jemen vor Ort, hat Flüchtlingslager und Krankenhäuser besucht und mit zahlreichen Menschen gesprochen. Was sie erzählt ist erschütternd - sie habe nie zuvor eine derartige Masse an Menschen in Armut gesehen. Dabei ist der Jemen nicht das erste Krisengebiet in das die CARE-Nothelferin gereist ist - davor war sie in Nigeria, Mosambik, Bangladesch und anderen Regionen, die von Konflikten oder Naturkatastrophen gebeutelt sind.

Aber: Wie lebt man eigentlich, wenn der Koffer immer gepackt ist? Wie schafft man es, all das Leid und die Gewalt zu ertragen? Und warum sucht man sich überhaupt so einen Job aus? Wir haben Jennifer Bose während eines kurzen Aufenthalts in Wien zum Interview getroffen.

Du bist aktuell kurz in Österreich, 60 Prozent der Zeit bist du aber im Ausland unterwegs, zuletzt im Jemen. Wie können wir uns deine Arbeit, dein Leben vorstellen?
Jennifer Bose: Ich reise meistens dorthin, wo es brennt. Also etwa an Orte, an denen Naturkatastrophen geschehen sind - wie jüngst in Mosambik. Da wurde am Vormittag um 11 Uhr entschieden, dass ich noch am gleich Tag hinfliege, fünf Stunden später war ich im Flieger. Bei langwierigen Krisen wie zum Beispiel im Jemen oder Nigeria, gibt es meist eine längerfristige Planung. Meistens werde ich an jene Orte geschickt, an denen das größte Leid herrscht, aber am wenigsten berichtet wird. Das trifft auf Nigeria genauso wie auf den Jemen zu.

Wie schwierig ist so ein Leben organisatorisch - ist dein Koffer stets gepackt?
Tatsächlich habe ich einen halb gepackten Koffer, der immer bereit steht. Ich habe einen rieisigen Vorrat an Müsliriegeln zuhause und schaue immer, dass die Wäsche einigermaßen gewaschen ist. Man ist mit einem Bein immer aus der Haustür. Mein Privatleben plane ich um den Job herum. Ich habe zum Beispiel kürzlich standesamtlich geheiratet, das war genau zwei Tage, nachdem ich aus Nigeria zurück gekommen bin. Da kann es manchmal schon eng bzw. schwierig werden mit der Planung.

Wie schaut deine Arbeit vor Ort aus?
Meine Aufgabe ist es, mir vor Ort ein Bild zu machen, mit den Menschen zu reden und herauszufinden, was benötigt wird. Und ihren Geschichten zu hören und weiterzugeben. Nach diesen Aufenthalten erstatte ich Bericht über die Lage vor Ort. Im Jemen war ich jetzt 1 Monat, dort war ich jeden Tag unterwegs. Teilweise auch komplett verschleiert - das war neu für mich. Das war nicht nur deshalb nötig, weil ich eine Frau bin, sondern auch um nicht als Internationale aufzufallen. Humanitäre Helferinnen und Helfer werden oft zur Zielscheibe, was unsere Arbeit zusätzlich erschwert. CARE ist eine der wenigen Organisationen, die überhaupt noch im Jemen tätig ist. Wir erreichen rund eine Million Menschen mit Nothilfe - das ist aber immer noch viel zu wenig.

Was kannst du nach deinem Aufenthalt im Jemen berichten, wie ist die Situation aktuell?
Wir sind im 4. Jahr des Konflikts, die Auswirkungen sind überall zu spüren und zu sehen. Die Infrastruktur ist komplett zerstört, die meisten Familien die ich kennen gelernt habe, haben keinen Zugang zu Elektrizität oder Wasser. Man sieht zerbombte und zerschossene Häuser, auf den Straßen liegen enorme Müllberge, weil es keine Müllabfuhr oder sanitäre Anlagen mehr gibt - dementsprechend der Geruch. Die Menschen sind komplett ermüdet und bettelarm. Die meisten sind vor den Luftangriffen nur mit den Kleidern, die sie am Leib trugen, geflüchtet. Insgesamt sind im Land 3,3 Millionen Menschen auf der Flucht, 80 Prozent der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Und das ist auch, was mich am Jemen im Vergleich zu anderen Konfliktregionen schockiert hat: Diese Masse an Not. Jeder ist vom Konflikt betroffen. Auch die eigenen Mitarbeiter, die Schüsse miterlebt haben, die gesehen haben, wie Menschen erschossen werden. Auch die Kinder, die nicht mehr zur Schule gehen können. Hinzu kommt: Niemand kann das Land verlassen, es gibt kein Entkommen mehr. Kommerzielle Flüge gibt es fast nicht mehr und die Flüge die es gibt, sind ohnehin zu teuer für die Menschen, die auch schon vor dem Konflikt arm waren.

Müll auf den Straßen, keine sanitären Anlagen: Die Infrastruktur im Jemen ist komplett zusammengebrochen.

Was benötigen die Menschen am dringendsten?
Das Grundlegende zum Überleben: Bargeld, Lebensmittel, medizinische Versorgung, sauberes Trinkwasser. Die Menschen, die am meisten leiden, sind Frauen und Kinder. Frauen mitunter auch deshalb, weil sich die Rolle der Frau durch den Konflikt stark verändert hat. Viele der Frauen, die ich kennen gelernt habe, sind durch den Krieg zu Alleinversorgerinnen geworden. Das führt zu einer Rollenverschiebung, mit der viele Männer nicht klar kommen. Auch die Gewalt innerhalb der Familien nimmt zu, Frauen haben insgesamt weniger Zugang zu finanziellen Mitteln und das ist ein sehr großes Problem. Langfristig versuchen wir etwa durch Finanzspritzen, Frauen dazu zu ermutigen, eigene Geschäfte aufzumachen und sie etwa durch Nähkurse und ähnliches auszubilden. Wir bieten auch "Cash for Work" - das bedeutet, dass Menschen Arbeit bekommen - etwa beim Wiederaufbau von Schulen und Krankenhäusern. Das fördert zumindest im Kleinen einen wirtschaftlichen Aufschwung. Aber all die Hilfe die, wir aktuell geben, ist wie ein Pflaster, das auf eine viel zu große Wunde geklebt wird.

Frauen und Kinder sind am stärksten vom Leid betroffen.

Politisch betrachtet: Hast du Hoffnung, dass sich die Lage in absehbarer Zeit entspannt?
Ich habe oft das Gefühl, dass diese Lösungsfindung als etwas betrachtet wird, das die Aufgabe des Jemens und der Konfliktparteien ist. Das ist aber nicht so. Viele andere Länder tragen zum Krieg bei - und somit sollten sie auch dazu beitragen, Frieden zu schaffen. Gleichzeitig ist es unabdingbar, die Menschen im Jemen mit zu involvieren, wir müssen ihnen zuhören.

Man braucht gar nicht so weit zu schauen, um skeptisch zu werden, was die Lösung von Konflikten durch internationale Organisationen bzw. Staatengemeinschaften betrifft: Vor den Toren Europas, im Mittelmeer ertrinken Menschen auf der Flucht, Seenotrettung wird kriminalisiert, Europa schottet sich ab. Wie schafft man es bei dieser politischen Weltlage optimistisch zu bleiben?
Die Krux an der Sache ist, über den Tellerrand zu schauen. Man muss sich dessen bewusst sein, dass auch unsere lokalen Entscheidungen internationale Auswirkungen haben. Es betrifft die Menschen im Jemen, welche Politiker wir in Europa wählen oder wohin wir unsere Steuern investieren. Und das beeinflusst wiederum einen selbst. Dafür müssen wir uns nur Syrien anschauen: 2015 kamen über eine Million Menschen nach Österreich und Deutschland - und das ist nicht von heute auf morgen passiert. Auch dafür tragen wir Mitverantwortung, sei es durch politische Entscheidungen oder Rüstungsexporte - wir beeinflussen, was auf dieser Welt passiert. Das gilt auch für den Jemen - dort fällt es uns nur noch nicht auf, weil wenig berichtet wird und keine Menschen von dort zu uns flüchten können.

Ein Flüchtlingslager am Geländer einer ehemaligen Schule: 26 Millionen Menschen sind innerhalb des Jemens auf der Flucht, die wenigsten können das Land verlassen, es gibt kein Entkommen vor dem Krieg.

Ein österreichischer Asylanwalt hat kürzlich seine Kanzlei geschlossen, weil er den Glauben in das Rechtssystem verloren hat. Wie erhältst du deinen Glauben an die Menschheit aufrecht?
Das Rechtssystem kommt den Problemen auf der Welt oft nicht hinterher. Gerade bei Flucht und Migration sieht man das: Es wird noch gar nicht an Klimaflüchtlinge gedacht. Es gibt auch kein Gesetz, das besagt dass du Flüchtling werden darfst, wenn du deine Kinder nicht ernähren kannst. Das kann schon sehr frustrierend sein. Gleichzeitig sehe ich aber auch, was kleine Hilfe bewirken kann. Ich sage immer: Ich sehe das Schlimmste und das Schönste der Humanität.

Was wäre etwa ein schönes Beispiel?
Die Geschichte von Iftikar und ihrer Tochter: Weil sie nicht genug Geld hatte um die Familie zu ernähren, bekam Ifitikar ein paar Schafe von ihrem Bruder, um sie zu hüten. Sie hatte aber keine Türen für den Stall, die Schafe hätten abhauen können. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre Tochter mit den Schafen zur Großmutter zu schicken. Sie konnte nachts nicht mehr schlafen und hat nur mehr geweint, weil sie ihre Tochter so sehr vermisst hat. Mit ein bisschen Bargeld, das wir ihr zur Verfügung gestellt haben, konnte Iftikar dann Türen für den Stall kaufen - und ihre Tochter zurück holen. Etwas so banales wie Türen, hat das Leben dieser Frau nachhaltig verbessert. Ich werde so oft gefragt, wie man helfen kann, meine Antwort ist immer: Mit Geld. Das bringt den größten Unterschied. Butter und Schmalz wie damals in den CARE-Paketen bringt heute nichts mehr.

Iftikar und ihre Tochter wieder vereint: "Durch so etwas banales wie Türen, konnten wir das Leben der beiden nachhaltig verbessern."

Im Gegensatz zu dieser Geschichte, bekommst du sicher auch schreckliche Fälle von Gewalt gegen Frauen mit.
Ja, ich habe wirklich schon die absoluten Horror-Geschichten gehört. In Bangladesch habe ich mit einer Frau gesprochen, die mit bis ins kleinste Detail geschildert hat, wie 10 bewaffnete Männer sie vergewaltigt haben. In Nigeria habe ich mit einer 17-Jährigen gesprochen, die mit 12 entführt wurde, 5 Jahre lang in einem Käfig eingesperrt war und sich von Blättern ernährt hat. An dem Tag, an dem sie ermordet hätte werden sollen, ist ihr die Flucht mit ihrem 1-jährigen Kind gelungen. Das sind Sachen, die jenseits unserer Vorstellung liegen. Es ist sehr schwierig, solche Geschichten den Menschen in Europa überhaupt näher zu bringen, weil es zum Teil so barbarisch und entfremdend ist, wie schlimm Frauen behandelt und als Kriegswaffe missbraucht werden. Deshalb sehe ich es auch als meine Verantwortung als Frau, ihre Geschichten weiterzutragen und Gehör dafür zu finden.

Jennifer Bose im Jemen, teilweise musste sie sich auch komplett verschleiern. "Das war einschränkend, gleichzeitig habe ich mich auch sicherer gefühlt, da ich nicht als internationale Helferin aufgefallen bin. Wir werden auch oft zur Zielscheibe."

Wie kommst du selbst mit alle dem psychisch zurecht?
Das schafft man nur, wenn man sehr stark ist, zuhause fest verankert ist und ein gutes Support-System hat. CARE bietet den Miarbeitern auch psychologische Unterstützung an, das habe ich nach Nigeria zum ersten mal in Anspruch genommen. Es ist sehr schwierig, die Brücke von den schlimmsten Krisenregionen zu einer relativ heilen Welt im westlichen Europa zu schaffen. Aber ich glaube, es ist sehr wichtig, den Sinn für den Alltag nicht zu verlieren. Die Alltags-Sorgen der Freunde kommen einem relativ banal vor, wenn man Menschen in so extremen Ausmaß hungern hat sehen. Aber es ist für mich sehr wichtig, auch diese vermeintlich "banalen" Alltags-Probleme ernst zu nehmen - damit ich nicht komplett die Verbindung meiner eigenen Realität verliere.

Warum hast du dich überhaupt für diese Arbeit entschieden?
Mir war von Anfang an klar, dass wir sehr viel Zeit mit Arbeiten verbringen und wenn ich schon 8-9 Stunden täglich am Schreibtisch sitzen soll, dann wollte ich zumindest was sinnvolles machen. Meine Eltern sind selbst Migranten, sie sind aus Indien nach Deutschland gekommen, aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Wir sind jedes Jahr nach Indien gefahren und ich sah jedes mal diesen krassen Kontrast zwischen der westlichen Welt und Indien, den Kontrast zwischen mir und meinen Cousins: Die mussten darum kämpfen, zur Schule zu gehen. Die mussten zu fünft in einem Zimmer wohnen, in einem Bett schlafen. Die mussten alle zu früh anfangen, zu arbeiten. Das hat mich sicher mit dazu bewogen, etwas sinnvolles machen zu wollen: Das Leid der Welt zumindest mit einem kleinen Beitrag zu verändern.

Wer mehr über die Arbeit von CARE erfahren oder auch spenden möchte, findet hier alle Informationen.