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Revolverheld im Talk

Rock’n’Roll & Familie: Geht das? Wir haben mit "Revolverheld"-Sänger Johannes Strate über das neue Album, Pärchen-Abende, Kindererziehung & Groupies geplaudert.

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Revolverheld im Talk
© Tim Kramer

WOMAN: Wie ist das so, eine MTV Unplugged Show zu spielen? Lebt da ein bisschen der alte MTV Spirit wieder auf?

Johannes: Also der Sender MTV spielt ja quasi keine Rolle mehr und ist auch mittlerweile PayTV. Aber das Label MTV Unplugged ist noch immer geil: Anfang der 90er war das für uns, als junge Band, das Tor zur großen, weiten Welt. Wo man Nirvana und Pearl Jam sehen konnte. Wir haben uns deshalb auch echt gefreut, als wir gefragt wurden. Das stand auf unserer Bucket-List schon noch weit oben! Haben dann natürlich auch sofort ja gesagt. Dann haben wir ein halbes Jahr Gedanken gemacht und ca. drei Monate geprobt…

WOMAN: Herausforderungen sind ja was gutes!

Johannes: Ja, macht halt Bock. Wir haben ja auch keine Lust, jedes Mal das gleiche Album zu machen. Sonst langweilst du dich irgendwann so unendlich, dass du einfach keinen Bock mehr hast. In Probephasen fragt man sich dann schon "Wieso spielen wir den Scheiß nicht einfach mit der Akustikgitarre runter?!", aber wenn du das Endergebnis dann hörst, dann hat sich der Stress echt gelohnt.

WOMAN: Seit 13 Jahren seid ihr jetzt schon eine Band: Was sind so eure Strategien, damit ihr euch gegenseitig nicht auf den Zeiger geht?

Johannes: Haha! Naja, dieses Jahr war einfach so eine Freude, wir haben so viele gute Konzerte gespielt, da geht man sich nicht auf den Zeiger. Aber jeder braucht halt seine Auszeiten, wenn man sich diese Pausen nimmt, kann man auch gut zusammen auf Tour gehen.

WOMAN: Johannes, wie läuft das mit Band und Family? Wie organisierst du dich da? Das muss ja ziemlich stressig sein…

Johannes: Es ist bei meinem Job echt kompliziert. Heute bist du hier, morgen bist du da - ich hab’ mir angewöhnt, in jeder freien Minute heim zu fliegen. Und dann bin ich auch Vollzeit-Papa: Dann bring ich ihn in die Kita, mach dann meinen Krams, hol ihn um Vier wieder ab, dann gehen wir schwimmen oder so. Dieses Jahr war’s halt schon echt intensiv und für meine Freundin auch anstrengend. Aber wir haben da einen ganz guten Weg gefunden, sie hat dann auch ihre Auszeiten und Zeit für sich, und ich dann eben auch.

WOMAN: Ihr habt ja nach der Geburt "Ohrstöpsel-Nächte" eingeführt, wo abwechselnd der eine und mal der andere wegen Emil, eurem Sohn, aufgestanden ist… Das wird jetzt sicher schon einfacher sein?

Johannes: Ja jetzt ist er drei und schläft schon seit einiger Zeit durch - manchmal steht er nachts dann zwar trotzdem noch da, aber im ersten Jahr war das echt wichtig, dass man das aufteilt. Damit jeder mal bisschen Schlaf bekommt. Wenn man Eltern wird, denkt man am Anfang noch ganz romantisch "Och, da stehen wir dann gemeinsam auf, der eine macht Tee, der andere kümmert sich um’s Kind", aber das macht man natürlich nicht. In dieser Zeit war ich auch öfter zuhause, da ging das auch besser. Aber ich muss sagen, ich hab’ schon wahnsinnigen Respekt vor alleinerziehenden Eltern. Wahnsinn.

Unsere Redakteurin Sinah mit einem Teil der Jungs von Revolverheld.

WOMAN: Wie stehst du dazu, wenn Eltern ihre Kinder ständig auf Instagram posten? Von Emil sieht man ja relativ wenig im Netz…

Johannes: Also ich könnte sagen, dass muss jeder für dich entscheiden, aber man entscheidet es ja für sein Kind. Wir haben gesagt, dass wir ihn schon fotografieren, aber halt nur von hinten. Das heißt, niemand kennt sein Gesicht. Mittlerweile sieht er markanter aus, dass man ihn schon erkennen würde - als Baby ist das ja mehr oder weniger noch egal. Aber die ganzen Mama-Blogs, zum Beispiel: Da fotografieren die Blogger ständig ihre Babies, nackt, mit Windel! Wenn die Generation dann mal 15 oder 16 ist, und das schnallt, dass von Anfang an Fotos von ihnen im Internet sind… Furchtbar. Ich finde das echt gefährlich, du musst ja für dein Kind Entscheidungen fällen, aber du entscheidest da über die Privatsphäre deines Kindes. Da sollte man sich schon Gedanken machen!

WOMAN: Darf Emil denn auch mit iPad, iPod, etc. spielen?

Johannes: Naja, er sieht das ja, wenn ich eine Mail schreibe, dann will er natürlich auch irgendwas damit machen. Klar lass’ ich ihn dann mal damit spielen. Fotos gucken heißt für ihn, nicht mehr, wie für mich, das Umblättern von Seiten, sondern der schiebt die Bilder am Touchscreen einfach weiter. Also sicher lass’ ich ihn am iPad mal eine Folge "Feuerwehrmann Sam" oder "Die Maus" gucken, aber er hat das natürlich gerafft, dass man sich durchzappen kann. Und wenn das zu wahllosem Zappen wird, dann nehm’ ich ihm das iPad auch weg. Was mir aufgefallen ist: Wenn er länger als eine Viertelstunde davor sitzt und ich ihm das iPad dann wegnehme, dann wird er sauer. Also zu viel iPad macht Kinder dann schon ein bisschen aggressiv!

WOMAN: Er hat also kein eigenes?

Johannes: Nein, auf keinen Fall! Man kann das aber nicht vermeiden, dass die ab und an was darauf anschauen. Ich war gerade erst im Urlaub und mir ist aufgefallen, dass die Briten ihre Kinder immer vor’s iPad setzen: Film an, dann können die in Ruhe essen, sitzen dann da zwei Stunden, trinken eine Flasche Wein und die Kinder hängen ständig am iPad! Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gesund ist! Alles, was über eine Viertelstunde ist, ist echt nicht gut für die Kids.

WOMAN: Johannes, deine "wilden" Zeiten als Musiker sind ja wahrscheinlich schon vorbei - Groupies und so. Aber erlebt deine Frau nicht manchmal den ein oder anderen Eifersuchtsmoment, wenn du auf Tour bist?

Johannes: Haha, ja, also das mit den Groupies war schon vor zehn Jahren erledigt. Und meine Frau ist ja auch nicht mehr 15 oder verhält sich so - sie weiß, dass sie sich da keine Sorgen machen muss! Unsere Konzerthallen sind auch mittlerweile so groß, dass wir da schon gut abgeschirmt sind. Ich könnte da also nach dem Konzert gar nicht rausgehen und den Hallodri spielen. Wir gehen nach den Konzerten manchmal noch in kleine, verstecktere Bars und sind dann da mit unseren Freunden sehr unter uns. Und das ist vielleicht auch etwas, was ich im Gegensatz zu früher fast ein bisschen schade finde: Früher haben wir Shows vor 200 Leuten gespielt, sind nach dem Konzert noch raus, haben mit den zehn Verbliebenen noch was getrunken und sind von Kneipe zu Kneipe gezogen. Wenn wir heute eine Show vor 8000 Leuten spielen - was natürlich super ist - und da noch in einer kleineren Stadt in den drei möglichen Bars abhängen, dann wird das einfach stressig.

WOMAN: Kannst du uns noch deine Strategien für ein glückliches Familienleben verraten?

Johannes: Also da gibt’s einige! Ganz wichtig: Was nachts gesagt wird, zählt nicht. Die Nerven liegen so blank, man hat nicht geschlafen… Wenn man sich nachts die schlimmsten Sachen an den Kopf wirft, muss man sie sich morgens direkt verzeihen. Das abwechselnde Aufstehen in der Nacht hat bei uns auch echt gut funktioniert. Und wenn wir ruhigere Phasen haben, dann machen wir Überraschungsabende! Dann heißt es, "Dienstag um Sieben kommt der Babysitter, ich sag’ dir nicht, wohin es geht aber zieh’ dich Casual-Chic an!" und dann geht man zu der langen Nacht der Museen, oder in ein neues Restaurant oder sieht sich einen Film an. Sowas ist immer ganz nett, weil man dann auch andere Themen hat, außer "War er heute auf dem Töpfchen?". Das ist wirklich wichtig für Paare. Ich bin auch sehr froh um meine Eltern, die sehen ihn ca. alle zwei Wochen. Wir haben auch schon mal ein Wochenende in Istanbul verbracht, das funktioniert schon. Unser Sohn ruht auch sehr in sich, der weiß, wenn wir mal einen Tag oder eine Nacht weg sind, kommen wir natürlich zurück. Wir haben ihn noch nie hängen lassen, die Erfahrung wird er nie machen. Aber man muss sich einfach Zeit für sich nehmen. Ich weiß schon, das klingt so einfach: In Wahrheit ist das total schwer, die Leute werden das lesen und sich denken "So einfach ist es auch nicht, mein Freund!". Man lernt auch, mit weniger Regenerationszeit auszukommen. Früher kam ich von der Tour heim, hab mich aufs Sofa gelegt, den ganzen Nachmittag DVDs geguckt und am nächsten Tag bis zwei Uhr nachmittags geschlafen. Jetzt muss es reichen, zwei Minuten durchzuatmen und direkt weiterzumachen. Das ist hart - aber man gewöhnt sich dran und bekommt auch so viel zurück!

"Revolverheld - MTV Unplugged in drei Akten" ist am 9.10 erschienen. Im März gehen die Revolverhelden dann auf große Deutschland- und Österreich-Tour, im Wiener Gasometer sind die Herren dann am 25. März 2016. Weitere Termine auf revolverheld.de, Tickets gibt’s hier.