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Interview mit Mireille Ngosso: Das kann man tun, um aktiv antirassistisch zu sein

Mireille Ngosso ist Initiatorin der Anti-Rassismus-Demonstration, die am Donnerstag in Wien stattgefunden hat. Wir haben sie zum Interview gebeten.

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Interview mit Mireille Ngosso: Das kann man tun, um aktiv antirassistisch zu sein

Die Protestbewegungen, die in den USA ihren Anfang genommen haben, weiten sich global aus. Auch in Österreich wird demonstriert.

© Stefanie Waldecker

Der Mord an George Floyd ist weder ein Einzelfall, noch betreffen Rassismus und Polizeigewalt einzig und allein die USA. People of Color (POC) sind auch in Österreich täglich mit Alltagsrassismus – seitens der Polizei und der Bevölkerung – konfrontiert, das ist nun mal Fakt. Was wir alle tun können, ist nicht nur antirassistisch zu sein, sondern entschieden gegen Rassismus aufzustehen und zu handeln. Dass wir Österreicherinnen und Österreicher das können, hat die gestrige Demonstration bewiesen: 50.000 Menschen gingen am Donnerstagabend in Wien auf die Straßen und zeigten damit ihre Solidarität. Und was noch viel wichtiger ist: Rassismus und Polizeigewalt haben hierzulande keinen Platz.

Was wir alle weiterhin tun können? Ein guter Ally zu sein – ein Begriff, der aus dem Englischen stammt und soviel wie Verbündeter oder Verbündete bedeutet - trifft es so ziemlich. Allies sind zwar nicht selbst Teil einer marginalisierten oder diskriminierten Gruppe, machen sich aber aktiv für sie stark. Wie das im Genaueren aussehen kann, haben wir von Mireille Ngosso erfahren. Sie ist Ärztin, stellvertretende Bezirksvorsteherin des ersten Bezirks in Wien und Initiatorin der gestrigen Anti-Rassismus-Demonstration.

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Ich bin überwältigt über die vielen positiven Rückmeldungen zur Kundgebung blacklivesmatters. Ich habe aber auch einige Nachrichten erhalten und Kommentare gelesen, wo gefragt wird, ob man die Situation der schwarzen Menschen in der USA überhaupt mit Österreich vergleichen kann. So ein Mord passiert ja nicht bei uns in Österreich. Manche von ihnen meinten sogar, wir sollten dankbar dafür sein, hier sein zu dürfen und wurden beleidigend. Black und People of Color (BPoC) teilen weltweit eine Geschichte miteinander. Wenn ich in die Augen eines schwarzen Mannes oder einer schwarzen Frau blicke, weiß ich, dass er oder sie das gleiche durchmacht und mich versteht. Der strukturelle Rassismus, der durch unsere Hautfarbe entsteht, verbindet uns und macht uns betroffen. Natürlich ist Polizeigewalt in Österreich nicht mit der in den USA zu vergleichen. Statistiken in der USA zeigen, dass 24 % der Menschen, die durch die Polizei getötet werden, schwarz sind, während nur 13 % der Gesellschaft schwarz sind. Es geht bei den Protesten in der USA nicht nur um Polizeigewalt, sondern auch um strukturellen Rassismus. Ihn gibt es auch in Österreich und auch bei uns wurden einige Menschen, wie Marcus Omofuma, Opfer von Polizigewalt. Mit dieser Kundgebung soll nicht ein "wir" gegen "ihr" oder ein "schwarz" gegen "weiß" entstehen. Wir wollen ein UNS schaffen, in dem wir alle mit gleichem Respekt behandelt werden und uns auf Augenhöhe begegnen. Eine Gesellschaft, in der wir miteinander kommunizieren, aufeinander zugehen, uns zuhören und versuchen, einander zu verstehen. Damit hoffentlich auch Menschen, die noch nie Rassismus erlebt haben, ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, das Leben lang einzig und allein auf Grund der Hautfarbe diskriminiert, beleidigt und teilweise körperlich angegriffen zu werden. Dazu gehört aktives Zuhören und sich nicht vor unbequemen Tatsachen zu drücken. Wir haben, auch in Österreich, eine Menge aufzuarbeiten und es ist Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Ich hoffe, ich seh viele von euch am Donnerstag und verabschiede mich jetzt in den Nachtdienst! #blacklivesmatter #vienna #wien #österreich #austria #antirassismus #noracism

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WOMAN: Wie kann man ein guter Ally werden / sein?
Mireille Ngosso: Ich denke, das Wichtigste ist, dem Thema und den Betroffenen Aufmerksamkeit zu schenken. Tagtäglich erfahren Schwarze Menschen und People of Color Rassismus auf ganz unterschiedlichen Ebenen und in den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft, zum Beispiel in der Schule, in der Justiz, aber auch in der Politik oder der Kulturbranche. Schon lange gibt es viele Betroffene, die über ihre Rassismus-Erfahrungen sprechen, Bücher schreiben, auf Social Media aktiv sind oder sonst irgendwie versuchen Rassismus zu thematisieren. Jetzt endlich bekommt das Thema Rassismus eine breite Öffentlichkeit. Das heißt, dass vor allem die Leute, die noch nie von Rassismus betroffen waren, jetzt mitbekommen, dass Rassismus existiert und was es für Auswirkungen auf das Leben von Betroffenen haben kann.
Das Wichtigste, was man als Ally tun kann, ist zuhören. Hört euch an, wie es Menschen geht, die diskriminiert werden, beleidigt werden und teilweise sogar mit physischer Gewalt gegen sie zu kämpfen haben. Wenn man zuhört, kann man verstehen, warum es sich hier um eine systematische Ungerechtigkeit handelt. Und wer versteht, kann sich dann auch aktiv gegen diese Ungerechtigkeiten engagieren.

Das können kleine Taten sein, wie im Freundeskreis klarstellen, dass rassistische Witze nicht lustig sind. Oder bei Familienfeiern Verwandte damit konfrontieren, dass ihre Aussagen mit Vorurteilen behaftet sind. Es kann aber auch politischer Aktivismus sein, auf der Straße bei Demonstrationen oder in den sozialen Medien. Ihr könnt auch sicherstellen, dass ihr Parteien wählt, die BPoC aufstellen. Allgemein, auch in den Medien, Zeitungen und Journalen Schwarze Menschen die hier in Österreich leben und arbeiten sichtbar machen und reden lassen. Aber wie bereits gesagt, ist das Allerwichtigste, dass man als Ally zuerst zuhört. Wenn man das macht, wird man verstehen, dass es sich hier um eine wirkliche Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung handelt. Und wenn dieses Verständnis einmal aufgebracht wurde, kann jeder und jede Teil dieser Bewegung werden. Denn am Ende kämpfen wir um Würde und Gleichbehandlung aller Menschen.

WOMAN: Was kann man tun, um nicht nur anti-rassistisch zu sein, sondern actively anti-rasict?
Mireille Ngosso: Genau das, zuhören, sich engagieren, POC Raum geben, aktiv die eigenen Privilegien hinterfragen, unterstützen und solidarisieren, wo es nur geht. Sich stark machen für die ganze “black lives matter”-Bewegung.

WOMAN: Es kann manchmal schwer sein, Mitgefühl richtig zu zeigen – was wären zum Beispiel Sätze, die man sagen könnte?
Mireille Ngosso: Wichtiger wäre für mich, dass mir geglaubt wird und dass mir meine Erfahrungen nicht abgesprochen werden. Es passiert leider noch oft genug, dass Leute nicht glauben wollen, dass es Alltagsrassismus gibt. Taten sind oft am wirksamsten. Aber wenn mir zum Beispiel wieder einmal Hass und Ablehnung entgegenschlagen aufgrund meiner Hautfarbe, ist es immer gut, wenn ich auch Unterstützungsnachrichten von weißen Menschen bekomme.

WOMAN: Wie schafft man es am besten, beispielsweise bei der Familie einzugreifen, wenn rassistische Begriffe fallen? Wie klärt man schnell und niederschwellig auf?
Mireille Ngosso: Dafür gibt es keine perfekte Strategie. Im Zweifel ist immer besser sich einzuschalten, als nichts tun – auch wenn einem in diesem Moment nicht die richtigen Sätze einfallen. Inzwischen gibt es viele Publikationen von BPoC, die man sich auch mal zur Hilfe holen kann, wenn die Diskussion eskaliert. Auf lange Sicht wäre es aber am wichtigsten, dass BPoC sichtbare Rollen in der Gesellschaft einnehmen. Wenn es normal ist, dass eine Schwarze Frau als Politikerin auftritt oder ein Schwarzer Mann die Nachrichten moderiert, werden auch die Vorurteile in den Köpfen der Menschen langsam bröckeln. Und auch für BPoC ist diese Vorbildfunktion unfassbar wichtig, damit wir uns gehört und gesehen fühlen.

WOMAN: Was ist der politisch korrekte Begriff für POC?
Mit People of Color sind alle Menschen nicht weißer Hautfarbe gemeint. BIPOC ist der erweiterte Begriff und erwähnt auch nochmal im Speziellen die Erfahrungen Schwarzer (black – dafür steht das B) oder indigener Personen (dafür steht das I).

Thema: Rassismus

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Ich kann mich noch gut an den "Skandal" in unserer Familie erinnern, als meine Cousine einen Ghanaer als Mann ausgewählt hat,ihr Vater hatte sie verstossen und kein Wort mehr mit ihr geredet bis zu seinem Tod. Bis heute (30 Jahre ist das her) verstehe ich das nicht. Woman (und alle Medien) könnte viel dazu beitragen - mehr POC vor den Vorhang - also im Heft bitte!!!!!

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