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"Integration geht uns alle an!"

Ein Thema, das gern auf Ausländer reduziert wird, aber die gesamte Gesellschaft betrifft: Integration. Die Zwillinge Mirnesa & Mirneta Becirovic kamen als Flüchtlinge nach Österreich. Heute sind sie sechsfache Kampfsport-Weltmeisterinnen, arbeiten bei der Polizei und engagieren sich als Integrations-Botschafterinnen.

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Interview Integration
© Ernst Kainerstorfer

Der einzige Unterschied zwischen uns: Ich hab ein Nabel-Piercing, Mirnesa nicht." Nachsatz: "Weil ich es ihr rausgeboxt habe", lacht Mirneta Becirovic, 26. Ihre Schwester "schlägt" gleich zurück: "Dafür habe ich dir die Nase gebrochen!" Was brutal klingt, ist bei den Zwillingen Alltag -sie trainieren seit 20 Jahren Jiu-Jitsu, eine spezielle Selbstverteidigungskunst. Sechs Mal sind sie darin sogar schon Weltmeister geworden. Trainingsverletzungen, "die gehören zum Berufsrisiko". Gleichzeitig haben die Niederösterreicherinnen die Ausbildung zu Polizistinnen gemacht: "Da staunen die Jugendlichen bei unseren Schulbesuchen immer, wenn sie das hören, weil sie uns nie diese Jobs zuschreiben würden. Wenn wir sie anfangs raten lassen, kommen meistens eher so Sachen wie Synchronschwimmen oder Ballett."

Mit Vorurteilen zu spielen und sie aufzubrechen, das gefällt den Schwestern. Deshalb engagieren sie sich für die Initiative "Zusammen: Österreich". Denn dass Teamplay nicht nur im Sport wichtig ist, haben sie früh gelernt. Mit acht Monaten kamen die beiden mit ihren Eltern und dem um vier Jahre älteren Bruder nach Österreich. Sie flüchteten vor dem Bürgerkrieg in Bosnien und mussten sich hier ein neues Leben auf bauen. Integration ist für sie aber mehr: "Es geht nicht immer nur darum, sich in einem neuen Land zurechtzufinden. Integrieren muss man sich auch in der Schule oder einem Verein. Überall, wo man neu dazukommt. Wenn man sich gegen die Regeln, die dort herrschen, querstellt, kann man nur verlieren. Wie im Wettkampf."

Was haben Sie vom Sport noch fürs Leben mitgenommen?

Mirneta: Das Wort Integration fällt oft nur im Zusammenhang mit Ausländern. Dadurch hat es in den letzten Jahren auch irgendwie einen negativen Touch bekommen. Dabei ist es viel umfassender: Es geht uns alle an. Jeder, der neu wo dazukommt, muss sich irgendwo in ein System eingliedern. Und da tut man sich immer leichter, wenn man es zulässt und sich nicht gegen Neues verschließt.

Mirnesa Respekt steht an erster Stelle. Wenn man wo dazugehören will, muss man bestehende Regeln befolgen. Dafür braucht 's auch Disziplin. Der Sport ist da eine gute Schule.

Mirneta: Dabei lernt man auch viel über Zusammenhalt. Wir haben alle unsere Geschichte, aber wir kämpfen gemeinsam als ein Team.

»Vorbilder sind ganz wichtig!«

Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Mirnesa Weil wir uns auch selbst hier zurechtfinden mussten -im Land, im Sportverein, in der Schule, im Beruf. Wir waren da immer sehr offen. Und haben uns gefreut, wenn wir neue Kulturen oder Mentalitäten kennengelernt haben. Wie spannend das ist, wollen wir jetzt anderen Kindern zeigen.

Mirneta: Als unsere Eltern vor 25 Jahren nach Österreich gekommen sind, hatten sie nichts. Keinen Job, kein Geld, keine familiäre Unterstützung. Wir sind in Pressbaum aufgenommen worden und haben die ersten 13 Jahre im Pfarrhaus gelebt. Die Kids beeindruckt, wie man sich ein Standbein auf bauen kann.

Mirnesa Unser Vater hat relativ schnell eine Stelle als Einzelhandelskaufmann gefunden, unsere Mutter hat die Ausbildung zur Heimhelferin gemacht. Sie hatten den Ehrgeiz, hier Fuß zu fassen. Und das hat ihnen auch bei der Sprache geholfen. MIRNETA: Es läuft dir keiner nach, um dich etwas zu lehren. Da muss man schon selbst dahinter sein. Und wollen.

Was kann einen da motivieren?

Mirnesa Da sind Vorbilder ganz wichtig. Unser Jiu-Jitsu-Trainer war bei der Polizei, das fanden wir immer toll. Deshalb haben wir den gleichen Weg eingeschlagen.

Mirneta: Jeder identifiziert sich mit anderen Dingen: Sport, Wirtschaft oder Musik Hauptsache, man nimmt sich ein Beispiel an jemandem, der ambitioniert ist.

Apropos Vorbilder: Die türkischstämmigen Fußballer Mesut Özil & Ilkay Gündogan haben in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt, weil sie sich mit Recep Tayyip Erdoğan trafen. Ist das vertretbar?

Mirneta: Zu Politischem äußern wir uns nicht. Aber: Als Sportler hast du eine Vorbildfunktion und musst aufpassen, was du tust.

Mirnesa Wir würden uns öffentlich nicht positionieren.

»Wir haben alle unsere Geschichte, aber wir kämpfen gemeinsam als ein Team.«

In Ihrer Arbeit sind Sie immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. Wie thematisieren Sie diese mit Jugendlichen?

Mirnesa Wir besuchen hauptsächlich Schulen und mit "Teamplay ohne Abseits" auch Sportvereine. Dann starten wir meistens mit einem Fragespiel, in dem Klischees aufgezählt werden: "Alle Brasilianer sind gute Fußballer." Oder: "Menschen mit Migrationshintergrund haben schlechte Deutsch-Noten." Die Schüler sind gefordert: Wie sehen sie das? Anschließend diskutieren wir.

Mirneta: Man sieht dabei auch ganz gut, dass viele einfach nur mitziehen, wenn sie bemerken, dass die Mehrheit zu einer bestimmten Seite tendiert. So ist es ja auch oft bei den Erwachsenen. Wir möchten die Kids dazu ermutigen, sich ihre Meinung zu bilden. Nicht mit der Masse zu schwimmen und einfach zu verurteilen, sondern zu hinterfragen, den anderen kennenzulernen, bevor man sich seine Meinung bildet.

Mirnesa: Und da muss man eben ganz früh anfangen. Hellhörig machen und sensibilisieren. An ältere Menschen ist es immer schwieriger heranzukommen.

Wäre das alles einfacher, wenn es keine Religionen gäbe?

Mirnesa: Es ist wurscht, woran man glaubt. Letztlich geht es um den Menschen und seinen Charakter. Wenn man nicht offen und respektvoll ist, wird es immer Diskussionspunkte geben. Dann wäre eben etwas anderes der Aufhänger: das Alter oder Geschlecht.

Einen Tag lang Integrationsminister sein: Wofür würden Sie sich starkmachen?

Mirneta: Vieles, das schon gemacht wird, ist sehr hilfreich. Deutschkurse oder auch Events, bei denen Themen diskutiert werden, die uns als Gesellschaft beschäftigen. Der persönliche Kontakt ist so wertvoll. Ich würde regelmäßige Stammtische einführen mit durchmischten Teilnehmern: verschiedene Herkunftsländer, Generationen, Jobs. Nur durch persönlichen Kontakt kann man Vorurteile aufbrechen.