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Interview mit Christopher Seiler: "Ich nehme mich nicht ernst!"

Ein teils launiges, teils tiefsinniges Gespräch mit Entertainer Christopher Seiler, über das Ausräuchern von Räumen, verdrängte Gefühle und verschobene Frauenbilder.

von

Seiler
© Oliver Topf

Das Mittelmäßige reizt ihn nicht. Auch er selbst ist ein Charakter zwischen zwei Extremen: Sein privates Ich beschreibt Kabarettist und Musiker ("Ham kummst") Christopher Seiler als verträumt, verständnisvoll und leiwand. Dass das durchaus stimmt, bewies er bei unserem Interview, in dem er unter anderem sehr leise, nachdenkliche, fast schon demütige Töne anschlug. Etwa, als es um seinen Kollegen Bernhard Speer, 34, ging, der bei einem Autounfall im Oktober letzten Jahres schwer verletzt wurde. Aber Seiler kann auch anders: Bei seinen öffentlichen Auftritten zeigt er sich derb, impulsiv, laut und provokant – zu sehen in seinem Comedy-Programm "#wastdueigentlichweribin", mit dem er zur Zeit durch Österreich tourt. Auch der Name der Show rührt von seinem ungehobelten Image: Beim Donauinselfest vergangenen Sommer wurde der Entertainer des VIP-Zeltes verwiesen. "Ich hatte ein, zwei, vielleicht auch zehn Bier zu viel getrunken. Wenn ich zu viel sauf, werde ich richtig deppat. Dann wollten sie mich rauswerfen. Spricht jetzt nicht für mich, aber ich hab die Security-Herrschaften dann gefragt, ob sie wissen, wer ich bin." Er lacht und klingt dabei ein wenig verlegen. Also wie tickt er nun wirklich? Wir starten unser Gespräch mit einer kleinen Selbstfindungsrunde!

»"Ich kann niemanden plärren sehen, weil ich meine eigenen Gefühle verdränge."«

WOMAN: Herr Seiler, nachdem Sie ein ganzes Programm danach benannt haben: Wer sind Sie?

SEILER: Laut Geburtsurkunde: Christopher Günther - G. - Seiler. Ich hab früher mal überlegt, mich auf der Bühne "G Punkt Seiler" zu nennen. Aber das war dann selbst mir peinlich Ich bin launisch, verträumt, sicher auch egoistisch - aber leiwand!

Und wer sind Sie definitiv nicht?

Ein schlechter Mensch.

Inwiefern schätzen Sie Fremde oft falsch ein?

Indem sie glauben, ich sei arrogant. Das bin ich nicht. Ich habe mir über die Jahre einen Abstandsblick angelernt. (runzelt die Stirn und kneift die Augen zusammen) Den setze ich auf, wenn ich irgendwo neu bin. So kann ich in Ruhe so lange die Lage checken, bis ich irgendwann nur noch besoffen im Eck liege.

Ihre Witze sind zum Teil ja extrem sexistisch. Welches Frauenbild haben Sie?

Die Figuren, die ich spiele, haben diese Art von Frauenbild. Nicht ich persönlich. Ich habe ein normales. Ein anderes Thema ist, dass es diese Charaktere in unserer Gesellschaft tatsächlich gibt.

Was sagt Ihre Mutter zu solchen Sprüchen über Frauen?

Sie steht da drüber. Sie hat mir den Zugang vermittelt, dass ein Mensch ein Mensch ist und wir nicht dauernd zwischen Mann und Frau unterscheiden sollten. Warum? Was soll das? Frauen sollten nicht ständig über ihre Rechte reden müssen. Es sollte selbstverständlich sein, dass wir uns alle auf Augenhöhe begegnen. Aber natürlich verstehe ich, warum es den Feminismus braucht. Es hat viel zu lange gedauert, bis Frauen überhaupt wählen durften. In manchen Ländern hast du auch heute noch keine Chance, wenn du nicht als Mann geboren wirst.

Worin ähneln Sie Ihrer Mutter?

Das Kreative hab ich von ihr, das Verträumte und das Verständnisvolle. Meine Mutter ist eine herzensgute Frau, auch wenn sie viel mit Eosterik zu tun hat. So heißt das doch, oder? Wenn man Räume ausräuchert und diesen Blödsinn Wobei, so ein Blödsinn ist das gar nicht. Vor ein paar Wochen ist mein Großvater gestorben. Ich hatte kein wirklich gutes Verhältnis zu ihm, war aber der Einzige, der sich um ihn gekümmert hat. Die im Spital haben mich gefragt, ob ich ihn noch einmal sehen will, also bin ich rein zu ihm. Da war nur mehr eine Hülle. Die Seele war weg. Deshalb glaub ich auch an diese ganze Energiescheiße.

Was fasziniert Sie an dem derben Schmäh, den Sie auf der Bühne präsentieren?

Er ist ehrlich, nimmt sich selbst nicht zu ernst. Er steht nicht moralisierend mit dem Zeigefinger da, sondern zeigt auf subtile Weise, wie scheiße unsere Gesellschaft ist.

Seiler C.

Sie haben aber auch eine Vorbildfunktion. Daraus ergibt sich eine gewisse Verantwortung. Hinterfragen Sie es denn nie, ob die Leute auch die Botschaft hinter Ihrer Art von Humor tatsächlich richtig verstehen?

Nein, denn würde ich das tun, dürfte ich nie wieder ein Wort sagen. Der Mensch trägt Eigenverantwortung, für sich und die Welt. Und wenn ich mir die Welt so anschaue, nimmt er seine Verantwortung nicht wirklich ernst.

Wie ernst nehmen Sie sich selbst?

Das, was ich mache, sehr. Mich selbst aber gar nicht.

Im Pressetext zu Ihrem Programm heißt es, Sie distanzieren sich von sich selbst. Welche Eigenschaften mögen Sie an sich selbst am wenigsten?

Man sagt mir nach, ich laufe vor Gefühlen weg. Vielleicht lerne ich das noch irgendwann Aber das ist mehr ein Thema für den Psychologen als für... Ich bin auch kein guter Zuhörer. Wenn mir jemand über längere Zeit, ein paar Minuten, etwas erzählt, taucht in meinem Kopf ein Affe mit Schellen auf, und ich drifte gedanklich ab

Und welche Ihrer Charakterzüge mögen Sie?

Ich bin sehr großzügig. Vor allem, wenn ich angesoffen bin. Ich hab einem entfernten Bekannten, der mal bei mir zu Besuch war, im Rausch eine Platinschallplatte von uns und einen Unikat-Kühlschrank geschenkt. Ich hab ihm sogar geholfen, das Teil aus der Wohnung zu tragen. Oder einmal hab ich beim Fortgehen mit einem Fremden geredet, der meinte, ob er mal als Support-Act bei einem unserer Konzerte auftreten dürfte. Meine Antwort: "Na, na, ich mach ein Album mit dir!" Ich hab ihn zum Glück nie wieder gesehen und gleich darauf auch meine Nachrichtenfunktion auf Facebook deaktiviert. Außerdem bin ich ein sehr großherziger Mensch. Ich kann zum Beispiel niemanden plärren sehen, weil ich meine eigenen Gefühle immer verdränge. Ich denk mir dann: Bist du deppat, was muss dieser Mensch emotional gerade durchmachen? Ich will ihn abbusserln!

In unserem letzten Interview haben Sie sehr offen über Ihre Depressionen gesprochen. Wie sieht aktuell das Verhältnis von Sonne und Schatten in Ihrem Leben aus?

70:30 würde ich sagen. Ich finde, ein bisschen Schatten brauchst es immer, sonst brennt es dich auf. Ich bin aber auch jemand, der sich immer wieder gern zurückzieht und in Selbstmitleid zerfließt.

Wie holen Sie sich aus so einer Phase wieder raus?

Ich bin ein Jetzt-erst-recht-Mensch. Ich bin irrsinnig angerührt, wenn etwas nicht funktioniert, und glaube, die ganze Welt ist gegen mich. Das ist ein bisschen mein Credo: Es sind immer die anderen schuld. (lacht) Aber genau diese Gedanken motivieren mich auch enorm. So rennt mein Motor, leider.

Ihr Freund und Kollege Bernhard hatte im Oktober einen schweren Autounfall, von dem er sich noch immer erholen muss. Was hat dieses Erlebnis mit Ihnen gemacht?

Es hat auf alle Fälle mein Bewusstsein dafür geschärft, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Nur ein Fingerschnipps. Ich weiß, dass etwas, was auch immer es ist, in dieser Nacht sehr gnädig war, dass alles noch halbwegs glimpflich ausgegangen ist.

Welchen offenen Wunsch haben Sie im Moment?

Ich war letztes Jahr auf den Malediven. Dort möchte ich unbedingt wieder hin. Man zieht die Schuhe aus, und alles hat plötzlich einen ganz anderen Rhythmus, einen völlig anderen Stellenwert. Ich war auf einmal komplett entschleunigt. Ich hab wieder angefangen zu fühlen, Mensch zu sein. Das einzig Blöde: Ich dachte, dort kennt mich keiner, und hab vergessen, dass wir ja von Wien wegfliegen Das erinnert mich an eine lustige Anekdote: Mein Manager ist letztes Jahr mit mir zu einer verlassenen Hütte mit einem kleinen Fischteich gefahren, damit ich ein bisschen runterkomme. Was passiert? Keine zehn Minuten später fährt ein alter Pritschenwagen vor, zwei Ang'soffene steigen aus und schreien: "Hallihallo, ist das eine Wirtschaft?" Ich geh raus und sag: "Heast, na, wos is los?" Einer von den beiden schaut mich fassungslos an: "Na, des is net wohr, des is da Horvath!"(eine von Seilers Kunstfiguren) Die sind wir nicht mehr losgeworden. Nicht mal am Arsch der Welt hat man seine Ruh! (lacht)

FACETTENREICH. Auf der Bühne ein Rebell, privat ein Träumer: Kabarettist und Musiker Christopher Seiler, 31, verrät im Interview mit WOMAN, was ihn ausmacht, was ihn antreibt und bewegt.
MULTITALENT. Mit Musiker und Videoproduzent Bernhard Speer, 34, (o.) hat Christopher Seiler den Hit "Ham kummst" gelandet. Außerdem tritt er als Kabarettist auf. "Dadurch habe ich zwei sehr verschiedene Zugänge zu den Menschen. Ich hab's als Künstler echt gut erwischt."

Themen: Musik, Society