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Bernhard & Bürger im Gespräch: "Vertraue keinem Politiker"

Nadja Bernhard und Hans Bürger moderieren ab 13. August die ORF-"Sommergespräche". Für ihn ist es das zweite Mal, für sie ist es eine Premiere. In WOMAN diskutieren sie vorab über feige Politiker, deprimierende Worthülsen und wessen Feedback sie am meisten fürchten.

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Bernhard & Bürger im Gespräch: "Vertraue keinem Politiker"
© Oliver Topf

Wenn ab 13. August die Parteichefs zu den ORF-"Sommergesprächen" erscheinen, stehen nicht nur die Politiker unter genauer Beobachtung. Auch ihr Gegenüber: Nadja Bernhard, 42, und Hans Bürger, 55, dürfen sich dann kaum Fehler erlauben. An der Taktik, wie sie mit möglichen Shitstorms oder Kritiken in den sozialen Medien umgehen werden, feilen sie noch. "Der Sommer bleibt twitterfrei. Du googelst meinen Namen und ich deinen, dann tut es vielleicht nicht so weh", überlegt Bernhard und lacht in Richtung ihres Kollegen. "Ich glaub, dass ich dieses Mal nicht lesen werde, was online nach den Sendungen geschrieben wird", schüttelt Bürger den Kopf. "Die Beschimpfungen sind zum Teil so tief. Warum sollte ich mir das antun?"

Einen Monat vor dem Start der Polit-Talks ist der Terminkalender der beiden Journalisten bereits straff: Recherchen, Drehs ... Wir treffen uns um 13 Uhr im Lokal "Marco Simonis" in der Wiener Innenstadt. Bernhard kommt pünktlich mit Hund Symi an der Leine. Bürger verspätet sich eine Viertelstunde: "Sorry, ich war noch in einer Besprechung." Danach müssen sie direkt weiter zu Aufzeichnungen ins niederösterreichische Rossatz, wo die "Sommergespräche" heuer stattfinden. Für WOMAN nehmen sie sich trotzdem zwei Stunden Zeit.

»Man muss schlagfertig sein!«

Ihre Einschätzung: Wovor werden Ihre Interviewpartner am meisten Bammel haben, wenn sie Ihnen gegenübersitzen?

Bernhard: Das sind Profis, die haben keinen Bammel bei solchen Terminen. Wir wollen auch kein Verhör mit ihnen führen, es sollen intensive Gespräche werden.

Bürger: Vor uns muss niemand Angst haben. (lacht) Aber in den letzten 26 Jahren gab es immer einen Interviewer, und da wir heuer zu zweit sind, wird das schon eine schwierigere Situation für die Politiker. Es ist bestimmt unangenehmer, wenn man sich auf zwei Fragesteller konzentrieren muss.

Herr Bürger, Sie haben 2015 schon einmal durch die ORF-"Sommergespräche" geführt. Frau Bernhard, Sie moderieren sie heuer zum ersten Mal. Von wem holen Sie sich dafür Tipps?

Bernhard: Vom Hansi natürlich. (lacht) Ich spreche auch mit anderen erfahrenen Kollegen. Es ist ja meine Premiere, und ich bin logischerweise noch keine derart erfahrene Innenpolitik-Journalistin.

Bürger: Nach 93 "Pressestunden" und über 500 "ZIB"-Analysen hole ich mir keine Ratschläge mehr, aber natürlich lese ich viel mehr als sonst -Tageszeitungen und Fachliteratur. Es ist nichts schlimmer, als mit Themen eines Gesprächspartners konfrontiert zu sein, in denen du nicht sattelfest bist. Gibt's die Panik, keinen Konter parat zu haben?

Bernhard: In so einem Gespräch geht es nicht um Konter. Aber eine gesunde Angespanntheit gehört schon dazu, bei mir ist vor allem Respekt vor dieser Sendereihe dabei. BÜRGER: Man muss schlagfertig sein. Alle, die jetzt kommen, sind das auch. Die Hoffnung, dass jemand kurz sprachlos bleibt, weil unsere Fragen so gefinkelt sind, die hab ich nicht. Gefährlich wird 's, wenn du dich mit den Fragen in eine Welt begibst, in der du dich nicht auskennst. Welche Bereiche das bei mir sind, bleibt mein Geheimnis.

Das Image der Politiker ist seit Jahren angeschlagen. Woher kommt diese Vertrauenskrise ?

Bernhard: Davon sind nicht nur Politiker betroffen. Ich glaube, Journalisten sind im Ranking ähnlich schlecht. (lacht) Trump hat mit seinen Fake- News-Vorwürfen sehr zum medialen Vertrauensverlust beigetragen.

Bürger: Wir haben einen Vorteil und können viel mehr recherchieren als jemand, der zu Hause die Nachrichten konsumiert. Ich vertraue gar keinem Politiker -das verbietet mir meine Rolle als kritischer Beobachter. Wenn ich vertrauen würde, hätte ich den Beruf verfehlt.

"Macht die Politik den Journalismus kaputt?", wurde heuer bei den Medientagen diskutiert. Wie schwierig erleben Sie das Verhältnis zwischen Politik und Medien?

Bernhard: Viele Politiker, auch global, empfinden kritischen Journalismus fast schon als Beleidigung. Da sind wir gefordert. Es kann keine Demokratie ohne Journalismus geben, das muss Demokratie aushalten.

Bürger: Das Problem ist nicht neu. Viktor Klima hat 1999 im Wahlkampf eine Zeit gehabt, in der er ständig geantwortet hat: "Darum geht 's nicht, es geht um Neutralität und Beschäftigung." Das hat er konsequent durchgezogen. Nur mit solchen Worthülsen zu antworten - das geht einfach nicht. Damit schadet sich die Politik selbst. Aber jeder probiert 's mal. Politiker sind dann am erfolgreichsten, wenn sie dem nicht nachgeben und authentisch sind. Gerade die, die so viel eingelernt haben, sind oft sehr dünnhäutig und explodieren, wenn kritisch nachgefragt wird.

Bernhard: Wenn Leute NLP-geschult sind, bleibt das heute nicht mehr verborgen. Das Publikum ist emanzipierter geworden und erwartet sich mehr.

Nadja Bernhard: Ihre TV-Karriere startete sie 1999 beim ORF in Wien, später wechselte sie nach Rom, wo sie 2005 bis 2008 auch als Korrespondentin aktiv war. Danach berichtete die Journalistin aus den USA, unter anderem über die Präsidentschaftswahl von Barack Obama und die Erdbebenkatastrophe in Haiti. 2011 war sie als Reporterin in Ägypten, Libyen und dem Irak im Einsatz. Zurück in Wien, moderierte sie 2012 die Sendung "Kulturmontag", seit Dezember 2012 ist sie "ZIB"-Anchor. Im April 2018 erhielt Bernhard die Romy in der Sparte Information.

Welche Politikerphrase können Sie nicht mehr hören?

Bürger: "Am Ende des Tages " - Unfassbar! Wie kann man das so oft sagen? Es gibt auch richtige Darum-geht 's nicht-Politiker, die damit jeder Frage ausweichen.

Ist es nicht deprimierend, wenn man immer wieder mit den gleichen Floskeln und Textbausteinen konfrontiert wird?

Bernhard: Unser Anspruch ist, dass wir Neues herauskitzeln und der Ehrlichkeit so nah wie möglich kommen.

Bürger: Da bin ich skeptisch. (lacht) Weil die gar nicht mehr anders können. Wir schauen ja, was die Parteichefs bisher auf bestimmte Fragen geantwortet haben -es ist fast immer das Gleiche. Ich traue mir mittlerweile zu, die Rollen zu wechseln und für sie zu antworten. Es würde nicht auffallen. Jeder hat sich angewöhnt, diplomatisch zu antworten. Das kann bis zur totalen Verzerrung führen. Man spürt beispielsweise Antipathien, und trotzdem tun Politiker so, als würden sie den politischen Mitbewerber schätzen. Dann ist es unsere Aufgabe, zumindest diese Stimmung herauszuarbeiten, damit es der Zuseher auch merkt. In Deutschland scheint das anders zu sein. Dort finden Diskussionen oft härter und viel direkter statt.

Sind unsere Politiker feig?

Bernhard: Die Deutschen sind per se direkter und klarer. Sie haben eine ganz andere Kultur der konstruktiven Kritik und halten viel mehr aus. Das habe ich schon immer als Manko bei uns gesehen, auch im Vergleich zur USA oder Kanada, dort kann man auch unter Kollegen Kritik üben, ohne dass es gleich als Beleidigung empfunden wird. Es gab letztens einen Kommentar eines ARD-Korrespondenten, in dem dieser Angela Merkel öffentlich aufforderte: "Räumen Sie das Kanzleramt für einen Nachfolger!"

Sehen Sie offene Kritik als Verpflichtung der Journalisten oder geht das zu weit?

Bürger: Das geht gar nicht. Damit verliert man jede Objektivität. Man kann ansprechen, was einem an der jeweiligen Arbeit nicht gefällt, aber nicht so offensiv Stellung beziehen. Ihre Kollegin Corinna Milborn von PULS 4 hat erzählt, dass sie weiß wählt, weil sie so persönlich keinen Gewissenskonflikt hat.

Haben Sie eine Partei, der Sie Ihre Stimme geben?

Bürger: Ja, aber man muss ja nicht sagen, wo man sein Kreuz macht. Wer weiß wählt, gibt eine ungültige Stimme ab. Das halte ich persönlich für undemokratisch.

Bernhard: Ich kann nicht nachvollziehen, warum man ungültig wählt. Sein Wahlrecht sollte jeder wahrnehmen. Während der Arbeit kann ich trotzdem objektiv sein. Letzte Woche waren Sie beide am ersten Sommerfest von Kanzler Sebastian Kurz.

Sind das berufliche Termine oder fühlen sich solche Events auch privat an?

Bernhard: Ein Kanzlerfest ist ein beruflicher Auftritt, auch um zu netzwerken. Und natürlich spricht man in diesem Rahmen auch mit Politikern, das ist ganz normal.

Bürger: Die Annahme, dass man jemandem nahe steht, weil man dort ist, halte ich für absurd. Da lernt man Regierungschefs bei Staatsbesuchen oder Hintergrundgesprächen viel offener kennen. Ich besuche ein Mal im Jahr von jeder Partei ein Event: Von der FPÖ gibt es immer ein Ganslessen, die Grünen haben irgendein Clubbing Es muss ohnedies alles ORF-intern genehmigt werden - sogar der Euro-Betrag wird definiert, den wir dort möglicherweise konsumieren werden. Das schreiben unsere Compliance-Regeln vor.

Hans Bürger: Von 1987 bis 1993 arbeitete der gebürtige Linzer im Landesstudio Oberösterreich, danach zog es ihn in die "ZIB"-Redaktion. Seit 2012 leitet er dort das Ressort "Inland / EU". Außerdem ist er stellvertretender Chefredakteur der ORF-TV-Information. Als Innenpolitik-Experte ist Bürger immer wieder vor der Kamera. Außerdem moderiert er die "Pressestunde" am Sonntag und hat 2015 schon mal durch die "Sommergespräche" geführt.

Würde Sie ein Job in der Politik reizen? Und sind Sie schon mal gefragt worden?

Bernhard: Dafür bin ich viel zu undiplomatisch.

Bürger: Ich möchte nicht in der Haut eines Spitzenpolitikers stecken. Sein Leben 24/7 in den Dienst des Staates zu stellen und ohne Unterbrechung zig Handys vor sich liegen zu haben, ständig läutet es wo und du musst Probleme behandeln. Da kannst du kaum noch Politik machen. Ich frage mich: Wann haben sie überhaupt Zeit fürs große Ganze?

Mit welchem Politiker würden Sie am ehesten abendessen gehen?

Bernhard: Ich hatte das Privileg, mal auf einen Ball eingeladen zu sein, auf dem auch Barack Obama war. Das war ein Highlight. Damals ging gerade diese Auf bruchsstimmung durch die USA. Man hat gedacht, die Welt wird jetzt besser durch ihn. Das habe ich wahnsinnig positiv in Erinnerung. Traurig genug, dass es anders kam.

Bürger: Da kann ich jetzt nicht mithalten, ich würde mich schon mit Angela Merkel zufrieden geben. (lacht) Es würde mich interessieren, wie sie das Leben so sieht. Sie ist eine starke Frau, weil sie es geschafft hat, über politische Grenzen hinweg einen Standpunkt durchzuziehen. Ich bewundere, wenn jemand mehr als nur das Links-Rechts-Denken drauf hat.

Welches Feedback fürchten Sie mehr:
Zuseher? Politiker? Kollegen? Oder das der Chefs?

Bernhard: Die Kollegen sind am wichtigsten. Wenn wir vor Politikern Angst hätten, wären wir fehl am Platz.

Bürger: Nachdem die "Sommergespräche" nur ein Mal im Jahr sind, schauen immer alle Branchenkollegen besonders genau hin. Eigentlich sollte aber das Publikum unser Maßstab sein. Das kommt mit Lob und Kritik auch direkt auf einen zu -wurscht, wo man gerade ist: U-Bahn, Skihütte Wie gut können Sie mit Kritik umgehen?

Bernhard: Früher habe ich mir viel zu viel zu Herzen genommen. Mit der Zeit relativiert man vieles und legt sich eine dickere Haut zu.

Bürger: Ich hab keine dicke Haut, ich weiß auch nicht, wo ich die kaufen kann. Diese Aggression, die aktuell durch die Gesellschaft geht, das habe ich noch nie erlebt. Vor allem online. Diese Kommentare haben ja auch Auswirkungen und etwa zur Kapitulation von Eva Glawischnig beigetragen. Matthias Strolz hat das nach seinem Rücktritt als NEOS-Obmann in einem Hintergrundgespräch gut erklärt und meinte, er wollte nicht den Punkt erreichen, an dem er in den sozialen Medien davongejagt wird. Weil das irgendwann so weh tut. Das kann einen brechen.

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