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Eine Reise in den Irak: Wie ist das Leben dort?

Laura Leyser ist Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen, sie war im Juli zwei Wochen im Irak unterwegs. Ein Land, das man hauptsächlich von Kriegsbildern kennt. Für uns hat sie ihre Eindrücke niedergeschrieben …

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© MSF Iraq

Ein betretener Blick. Ein schockiertes "Ich hab gehört, du musst in den Irak". So wurde mir von FreundInnen und Familie in den Wochen vor meiner Reise in den Irak begegnet. Meine Antwort, bei strahlendem Gesicht: "Nein, ich darf in den Irak". Und während bei weitem die Neugierde, Freude und Aufregung dominierte, war mir dennoch ein klein wenig mulmig zu mute. Wer kennt nicht die schrecklichen Kriegsbilder aus dem Irak. Wer hat nicht von der Islamischen Staat (IS) Gruppe und ihren Gräueltaten gehört … Wie es dort nun wohl ist?

Mein erster Eindruck: unglaubliche Hitze. Während meines zweiwöchigen Aufenthalts kletterte das Thermometer jeden Tag weit über 40 Grad, oft auch über 45 Grad. KollegInnen hatten mich vor dem "Heißluftbackrohrgefühl" gewarnt. Tiefen Respekt vor den Menschen, die bei dieser Hitze, teils sogar in der Sonne, arbeiten und körperlich tätig sein müssen. Glücklicherweise haben unsere Krankenhäuser Klimaanlagen, auch wenn diese viele Stunden am Tag von Generatoren betrieben werden müssen, weil es oft keinen Strom gibt. Und diese Situation wird immer schlimmer, weil Elektrizitätswerke ein neues beliebtes Anschlagsziel für terroristische Gruppierungen im Irak sind.

Mein zweiter Eindruck, zumindest in Erbil, der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan: viel entspannter als ich es erwartet habe. Ja, es ist eine Großstadt mit zirka einer Million EinwohnerInnen, aber es wirkt dennoch überschaubar und kulturell bunt gemischt. Mindestens genauso viele Frauen begegnen mir auf der Straße ohne Kopftuch wie mit. Das entspannt auch mich und gibt mir den Mut, im Gewusel unterzutauchen und die Stadt zu erkunden.

Bald geht es weiter in unsere Einsatzorte, dem eigentlichen Grund, warum ich im Irak bin. Der erste Stopp ist Mossul. Kurz nachdem wir Erbil verlassen, muss auch ich ein Kopftuch tragen. Heiß ist das. Aber irgendwie – unter Kopftuch, FFP2-Maske und Sonnenbrille – auch angenehm anonym.

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Laura Leyser mit Kopftuch, Sonnenbrille und FFP2-Maske.

Mehrere Checkpoints müssen passiert werden, aber wir kommen gut voran. Je näher wir an Mossul kommen, desto größer ist die Zerstörung. Die Flüchtlingslager, die ich im Vorbeifahren sehe, machen mich betroffen. Hunderte Zelte in der Mitte von nirgendwo, in der sengenden Hitze und nicht einmal ein einziger Baum. Was für ein hartes Leben, für die Menschen die hier leben müssen ...

In Mossul selbst gibt es kaum ein Haus, das keine Maschinengewehreinschüsse hat. Es ist sofort sichtbar, dass bereits unglaublich viel Schutt aus der Stadt weg geschafft wurde, aber es noch etliche Jahre dauern wird, bis auch das restliche Geröll und die ausgebrannten Autos wegtransportiert sind. Näher am Zentrum ist die Zerstörung fast unvorstellbar groß. Ganze Häuserblocks zerbombt. Moscheen. Kirchen. Sogar Synagogen soll es hier früher gegeben haben. Eine Stadt in etwa so groß wie Wien, die einen riesigen Alptraum hinter sich hat. Und dennoch ist überall neues Leben. Geschäfte sind offen, es gibt kleine Restaurants und Kaffees, Kinder spielen zwischen Trümmern eines Stadiums, nur Frauen sehe ich wenige in der Öffentlichkeit.

Das Spital von Ärzte ohne Grenzen steht in West-Mossul, dem Teil der Stadt in dem die IS Gruppe am längsten herrschte. Wo der Kampf und die Zerstörung am stärksten war. Viele meiner lokalen KollegInnen erzählen mir von der traumatisierenden Zeit unter der IS Gruppe. Unvorstellbar wie so etwas in unserer Zeit einfach "passieren" kann. Und wie dringend und wichtig dadurch auch die psychologische Unterstützung ist, die wir in unserem Spital für alle anbieten.

Im Spital helfen wir vor allem werdenden Müttern, Neugeborenen und Kindern. Zwischen 700 und 1.000 Kinder erblicken hier monatlich das Licht der Welt. Dank unseres Operationssaals können wir auch schwierigen Geburten zu einem glücklichen Ausgang verhelfen. Es herrscht reger Betrieb und ich bin zutiefst beeindruckt was unsere Teams hier leisten und wie wichtig unsere Arbeit hier ist. Ich bin aber auch betrübt, wenn ich sehe, dass wir nicht allen Babys und Kindern helfen können, weil wir hier einfach nicht die gleichen Möglichkeiten haben wie zum Beispiel in Österreich. Mir wird wieder einmal schmerzhaft bewusst, dass ich und meine Kinder die "Geburtenlotterie" gewonnen haben. Dankbarkeit. Aber auch ein Gefühl der Ungerechtigkeit.

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Nach einigen Tagen geht es dann noch weiter in den Westen, fast bis an die syrische Grenze, zum Sindschar Gebirge. Das Kopftuch darf abgenommen werden. Die Landschaft ist weiterhin karg, durchzogen von kleinen Schafherden mit ihren Schäfern. Sindschar war der Brennpunkt des Völkermordes gegen die JesidInnen durch die IS Gruppe. Es wurden Tausende ermordet, Tausende entführt, viele werden weiterhin vermisst. Hunderttausende wurden zur Flucht gezwungen. Nur zögerlich kehren manche JesidInnen zurück nach Sindschar. Zu schlimm waren die Erlebnisse. Die zirka 30.000 Einwohner:innen der Stadt Sinuni in Sindschar, sowie die BewohnerInnen umliegender Dörfer bekommen von Ärzte ohne Grenzen nicht nur dringend notwendige medizinische Versorgung, sondern auch psychologische Unterstützung zur Traumabewältigung. Die Selbstmordraten sowie psychische Erkrankungen, vor allem bei jungen Frauen, sind sehr hoch. Unser Team aus PsychiaterInnen, PsychologInnen und TherapeutInnen bietet oft lebensrettende Hilfe.

© Video: Ärzte ohne Grenzen

Zu schnell ist mein Besuch im Irak vorbei und ich muss wieder zurück in "meine" Realität. Allerdings mit tiefen Eindrücken. Einer geweckten Neugier dem wunderschönen und vielseitigen Land Irak gegenüber. Viel Respekt vor dem was unsere Teams vor Ort aber auch unsere PatientInnen schaffen. Und Dankbarkeit, dass uns so viele Menschen in Österreich unterstützen, damit wir genau diese Arbeit machen können.

Themen: Report, Reise