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Isabel Allende im Interview über das Altern, #MeToo & den Tod ihrer Tochter

Krimi, Flüchtlingsdrama, Lovestory: Im neuen Roman "Ein unvergänglicher Sommer" verbindet Isabel Allende Politik mit Romanze. Die in Chile geborene Autorin, die mit ihrer Stiftung illegal in die USA eingewanderte Kinder unterstützt, hat selbst vor zwei Jahren eine neue Liebe gefunden.

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Isabel Allende im Interview über das Altern, #MeToo & den Tod ihrer Tochter

IM GLÜCK! Privat hat die chilenische Autorin eine neue Liebe gefunden - Roger. Auch in "Ein vergänglicher Sommer" findet sich ein Paar!

© Lori Barra

Starke Frauen sind ihr Metier. "Mich hat das Leben stark gemacht", sagt Isabel Allende und verrät im Interview mit WOMAN, dass sie sich mit 74 Jahren frisch verliebt hat: Nachdem sie ihren neuen Roman, "Ein unvergänglicher Sommer", beendet hatte, hörte sie ein New Yorker Anwalt im Radio, verliebte sich in ihre Stimme und bombardierte die Chilenin mit Mails. Seit fünf Monaten lebt man glücklich und etwas beengt in Allendes winzigem Strandhaus in der Bucht von San Francisco. In "Ein unvergänglicher Sommer" geraten drei Personen in eine missliche Lage. Die illegal aus Guatemala eingewanderte Evelyn und der Uni-Professor Richard haben während eines Schneesturms in Brooklyn einen Autounfall. Was die Lage verschärft: Im Kofferraum der Immigrantin liegt eine Leiche. Richard bittet seine chilenische Untermieterin Lucia um Hilfe Isabel Allende, 76, startet ihre Romane immer am 8. Jänner. Denn an diesem Tag setzte sich die damalige Journalistin und TV-Moderatorin 1981 hin und begann "Das Geisterhaus" zu schreiben. Und das Buch über die patriarchalische Familienstruktur in Chile wurde ein Welterfolg. In ihren Romanen arbeitet sie seither persönliche Erlebnisse - wie den Tod von Tochter Paula - auf, die sie traurig, aber auch stark gemacht haben. Den Schwachen hilft Allende mit ihrer Stiftung. Die betreut Kinder aus Südamerika, die sich, oft ohne Eltern, in den USA auf halten.

»Ich glaube an die Liebe. Sie treibt uns an und gibt dem Leben Sinn.«

WOMAN: Der 8. Jänner ist Ihr Stichtag, ein neues Buch zu beginnen. Wie sieht so ein Tag aus?
Allende:
Ich stehe sehr früh auf, trinke Kaffee und beginne zu schreiben. Am 7. Jänner habe ich mein Arbeitszimmer schon gründlich geputzt und alle Recherchen zum Buch zusammengetragen. Dann zünde ich eine Kerze an und stelle Fotos meiner verstorbenen Tochter Paula auf. Ich schreibe jeden Tag, da bin ich sehr diszipliniert, sehr deutsch. (lacht)

Glauben Sie an Schicksal?
Allende:
Ich denke, wir werden mit gewissen Karten in der Hand geboren und müssen unser Leben mit diesem Blatt spielen. Dazu gehört natürlich das Geschlecht, die Ethnie, die Nationalität, der Zeitpunkt der Geburt und die Gesundheit. Die Bedingungen sind da, aber was man daraus macht, da beginnt das spannende Spiel. Ich denke also nicht, dass wir vom Schicksal vorbestimmt sind. Ich wurde in den 1940er-Jahren in Peru in eine konservative Gesellschaft hineingeboren, aber mein höchstes Ziel war und ist es, unabhängig zu sein.

Wenn Sie schreiben, kommen die Plots dann zu Ihnen, suchen Sie richtiggehend?
Allende:
Ja, doch. Ich habe eine Idee und schreibe, aber dann passieren Dinge, die ich nicht geplant habe. Am Anfang sind die Figuren nur Gestalten, später sprechen die Charaktere plötzlich mit mir. Ich höre ihre Stimmen und weiß alles über sie. Ob sie rauchen, vegetarisch essen, ob sie Sport treiben, Tiere mögen - das alles erzählen sie mir.

Die Liebe ist ein großes Thema in Ihren Büchern. Sie glauben an die wahre Liebe?
Allende:
Ja! Die Liebe treibt uns an und gibt dem Leben Sinn! Auch in Ihrem neuen Roman, "Ein unvergänglicher Sommer", verlieben sich ein Mann und eine Frau. Beide sind 50 plus und vom Leben schon ziemlich gebeutelt.

Geht das so einfach?
Allende
: Ich bin 76 und so verliebt. Aber als ich das Buch schrieb, war ich allein, geschieden von meinem Ehemann. Als der Roman fertig war, hörte mich ein New Yorker Anwalt im Radio. Er wandte sich an mein Büro und schrieb mir jeden Morgen und jeden Abend eine E-Mail. Fünf Monate lang. Schließlich haben wir einander getroffen, und jetzt leben wir zusammen und sind sehr verliebt. Das Gefühl ist dasselbe, als wären wir 20 Jahre alt.

»Die meisten kennen eine emotionale Eiszeit. Aber unter der Eisdecke wartet ein Sommer.«

Schön, aber so unbeschwert geht man in einem gewissen Alter kaum durchs Leben!
Allende:
Stimmt. Es bleibt nicht mehr so viel Zeit, gerade deshalb freut man sich, einander gefunden zu haben. Nur nicht die Zeit für Eifersüchteleien, Engstirnigkeit und Kämpfe verschwenden. Denn nur die Liebe zählt.

Darüber sollten Sie ein Buch schreiben!
Allende:
(lacht). Ich dachte nach meiner Scheidung, ich bleibe allein für den Rest meines Lebens. Eine Freundin von mir hat mit 80 Jahren geheiratet, und jetzt macht das Paar eine Weltreise. Die Liebe macht alles möglich.

Leben Sie und Ihr Freund zusammen?
Allende:
Ja, als ich geschieden wurde, kaufte ich mir ein kleines Strandhaus. Es war nur für eine Person gedacht, hat auch nur ein Schlafzimmer. Aber wir wohnen dort. Roger arbeitet noch als Anwalt und geht ins Büro, da habe ich Zeit zu schreiben. Wir gehen aus, schauen uns Filme an, es ist alles sehr gemütlich und wunderbar.

Ist Ihr Buch ein Krimi, ein Immigrationsdrama oder eine Liebesgeschichte?
Allende:
Das Buch hat viele Themen, aber in erster Linie geht es ums Altern, Einsamkeit und Verlieben. Die meisten von uns kennen diese emotionale Eiszeit. Aber unter der Eisdecke wartet ein Sommer, und der hat eine Chance.

Waren Sie jemals depressiv?
Allende:
Nein, aber traurig. Der längste Winter meines Lebens war, als meine Tochter Paula starb. Ich dachte, ich wache aus der Trauer nie mehr auf, aber es war so. Alles andere Traurige, das mir passiert ist, wie meine Scheidung, war gar nichts gegen diesen Schmerz. Ich habe die Fähigkeit, zu überleben.

Sie sind eine der wenigen Frauen, die offen über ihre Schönheitsoperationen sprechen. Warum haben Sie sich liften lassen?
Allende
: Na weil ich besser aussehen wollte. Ich hatte ein Facelifting mit Mitte 50, habe nicht abstoßend ausgesehen und war glücklich. Natürlich kann ich den Alterungsprozess nicht stoppen. Aber ich passe gut auf meinen Körper auf.

Sie sind in den USA Mitglied der demokratischen Partei. Glauben Sie, dass Trump für eine zweite Amtszeit gewählt wird?
Allende:
Das weiß ich nicht. Natürlich schaden ihm die Bilder von der Grenze zu Mexiko mit den Kindern, die von ihren Eltern gewaltsam getrennt wurden. Auch seine Frauengeschichten kommen nicht gut an, ebenso seine ständigen Lügen. Dennoch glauben viele Amerikaner an ihn.

Ist für Sie als deklarierte Feministin die #MeToo-Debatte ein Erfolg?
Allende:
Sie ist wichtig, denn die Männer sind zum ersten Mal herausgefordert. Frauen sagen endlich, dass sie nicht mitmachen, wenn sie sexuell bedroht werden. Also jene Frauen, die eine Stimme haben, sagen das. Die südamerikanische Apfelpflückerin wird weiterhin sexuell missbraucht.

Sie und Ihre 97-jährige Mutter schreiben sich täglich. Ist sie Ihr Vorbild?
Allende:
Nein! Aber ich mag sie sehr. Sie war von ihren Männern abhängig, das wollte ich nie sein, ich wollte immer die Kontrolle über mein Leben haben.

Themen: Society,

WOMAN Community

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