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Ist Frieden für die Menschheit überhaupt möglich?

Bürgerkrieg in Syrien, Auseinandersetzungen in der Türkei, Kämpfe in der Ukraine - die vielen politischen Spannungen beherrschen die Schlagzeilen. Aber eine Welt ohne Gewalt wäre möglich! Ana Mijić arbeitet als Konfliktforscherin und erklärt, wie.

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Ist Frieden für die Menschheit überhaupt möglich?
© iStockphoto.com

Auf fünf Kontinenten von sieben gibt es bewaffnete Auseinandersetzungen. Einzig in Australien und der Antarktis lebt man ohne. Konkret: 2015 wurden insgesamt 409 Konflikte ausgetragen, 43 Kriege wurden erfasst. Über fünf Milliarden Menschen waren davon betroffen. Ist halt so? Oder geht uns das alle an?

Es gibt einen schönen Cartoon", beginnt Soziologin Ana Mijić gleich zu analysieren, warum jeder für das friedliche Zusammenleben auf dieser Welt verantwortlich ist. Und die Geschichte geht so: "Ein großer und ein kleiner Mensch wollen über einen Zaun blicken. Gleichheit wäre, wenn beide die gleiche Kiste bekommen, um sich daraufzustellen. Dann sieht der Große weit darüber, der Kleine hingegen blickt immer noch gegen die Wand. Gerechtigkeit ist etwas anderes: Nämlich, wenn man dem Kleinen die Kiste des Großen dazugibt. Der eine sieht sowieso drüber, man nimmt ihm also nichts weg. Aber dafür kann auch der Kleinere drüberschauen."

Mijić ist gebürtige Deutsche und erforscht seit 2007 an der Uni Wien, wie Konflikte entstehen und warum physische und psychische Grenzen gezogen werden. Davor war die 37-Jährige am Institut für Friedenspädagogik in Tübingen und traf am Balkan und in Sri Lanka Einheimische, die sich für mehr Frieden in ihren Regionen einsetzen.

WOMAN: Ist eine Welt ganz ohne Krieg eine Illusion?
MIJIĆ: Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann in einer Welt leben, in der es keine kriegerische Gewalt mehr gibt. Dafür müssen wir anerkennen, dass Frieden kein Zustand ist, der plötzlich eintritt. Es ist ein Prozess. Frieden ist nicht einfach da, Frieden wird gemacht. Und zwar jeden Tag. Man muss ihn sich erarbeiten.

"Leider gibt es aber immer auch gesellschaftliche und politische Kräfte, die keinerlei Interesse an der Lösung von Auseinandersetzungen haben, weil sie vom Konflikt profitieren."

WOMAN: Wie geht das genau?
MIJIĆ: Es ist gut, dass es Konflikte gibt. Hätten wir keine, gäbe es auch keinen Fortschritt. Probleme dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden. Schwierigkeiten, die mal da waren, können jederzeit wieder auf brechen. Wichtig ist, dass sie konstruktiv und gewaltfrei gelöst werden. Leider gibt es aber immer auch gesellschaftliche und politische Kräfte, die keinerlei Interesse an der Lösung von Auseinandersetzungen haben, weil sie vom Konflikt profitieren. Etwa wenn sie vor Wahlen auf Stimmenfang sind, ihre politische Macht etablieren wollen oder finanziellen Profit daraus schlagen. In vielen Ländern werden diese Personen sogar vom Volk gewählt. Weil es ihnen gelingt, im Vorfeld Ängste zu schüren und sich als Sicherheitsanker zu präsentieren.

WOMAN: Der Glaube ist da ein Diskussionspunkt. Würde sich eine Welt ohne Religion friedlicher gestalten?
MIJIĆ: Religionen werden häufig instrumentalisiert. Es liegt in der Verantwortung von Religionsgemeinschaften, dafür zu sorgen, dass dieser Instrumentalisierung der Nährboden entzogen wird. Das ist der wesentliche Punkt. Aber ob es ohne Religionen weniger Kriege geben würde? Das verhält sich ähnlich wie mit Nationen: Würde es ohne Nationen weniger Kriege geben? Das Problem ist, dass sich solche Unterscheidungen, bei denen Leute in Kategorien eingeteilt werden, immer gut dazu eignen, Feindbilder zu schaffen und Parteien gegeneinander zu mobilisieren.

WOMAN: Verstärken soziale Medien den zwischenmenschlichen Hass?
MIJIĆ: Es wurde dadurch auf jeden Fall eine ganz neue Ebene geschaffen - Hasspostings sind ein komplett neues Phänomen. Das hat Dimensionen angenommen, die vor ein paar Jahren noch gar nicht denkbar gewesen wären. Und da muss man klar handeln: Anzeigen! Konfrontieren! Nicht hinnehmen! Auch Menschen, die unbedacht Beschimpfungen schreiben, muss man aufzeigen, dass es nicht ohne Konsequenzen bleibt.

Was kann ich tun?

WOMAN: Was kann jeder Einzelne außerdem zu einem friedlichen Miteinander beitragen?
MIJIĆ: In unserem Alltag sind wir mit unserem Leben beschäftigt und mit den Sorgen, die wir haben. Trotzdem ist es wichtig, zwischendurch auch innezuhalten, das Leben anderer anzuschauen, sich mit deren Schwierigkeiten zu beschäftigen. Facebook gaukelt uns da was vor. Es entsteht der Schein, dass man mit der ganzen Welt in Kontakt ist, dabei ist man in seiner Freundesblase, in der die eigene Meinung immer nur wiederholt wird. Das hat wenig mit Respekt vor anderen Lebenswelten zu tun. Wir müssen sehen und akzeptieren, dass unsere Gesellschaft sehr stark durch Ungleichheiten bestimmt ist: arm/reich, Migranten/Einheimische, Frauen/Männer Und wir müssen uns dafür einsetzen, dass diese verkleinert anstatt vergrößert werden. Es ist unsere Verantwortung, weniger privilegierte Menschen zu unterstützen.

WOMAN: In den Medien liest man auch immer wieder von Friedensverträgen. Was bringt das wirklich?
MIJIĆ: Zuerst einmal muss natürlich bei allen verfeindeten Parteien das Interesse da sein, die Auseinandersetzungen zu beenden. Je komplizierter ein Krieg, desto komplizierter auch die Friedensverhandlungen. Denn: Wie bei allen Verhandlungen versucht jede Partei das Optimum für sich rauszuholen. Im besten Fall entsteht am Schluss ein Kompromiss. Und je besser dieser gelingt, desto nachhaltiger wird der Friedensschluss sein. Wenn sich eine der Konfliktparteien benachteiligt fühlt, wird es nicht zum Friedensschluss kommen oder es besteht immer wieder Gefahr, dass die Kampfhandlungen erneut aufflammen.

WOMAN: Wer hilft da?
MIJIĆ: Es gibt unterschiedliche internationale Organisationen und Staaten, die hier versuchen, als Vermittler aufzutreten. Friedensverträge beenden zunächst einmal die Kampf handlungen. Danach muss die Arbeit weitergehen. Der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza hat gesagt: "Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg." Das trifft es gut. Denn um von Frieden zu sprechen, muss man nicht nur einen Krieg beenden, man muss daran arbeiten.

WOMAN: Wie geht es dann weiter?
MIJIĆ: Wenn der Friedensvertrag unterschrieben und die gewaltsamen Handlungen eingestellt wurden, geht 's ums Verzeihen. Dafür müssen sich die ehemaligen Konfliktparteien auf eine gemeinsame Geschichte einigen. Das klingt leichter, als es ist, weil tatsächlich alle Parteien immer sich selbst als zentrales Opfer wahrnehmen. Und die jeweils anderen als Täter. Kriege beginnen in den Köpfen. Und zwar wenn Andersartigkeit wie Nation, Religion oder Ethnizität mit Ungleichwertigkeit einhergeht: "Ich bin besser als du, weil " Genau so entsteht auch Frieden - in den Köpfen. Indem gegen diese Vorurteile gearbeitet wird.

WOMAN: Der Traum vom Weltfrieden ist durch Miss-Wahlen und TV-Filme zu so etwas wie einem Running Gag geworden. Ist es okay, darüber zu lachen?
MIJIĆ: Humor hilft, mit den ganzen Problemen und Ängsten, mit denen wir konfrontiert werden, umzugehen. Ja, man darf lachen.

Friedensforscherin Ana Mijic
Mutmacherin: Wie frustrierend ist der Job, wenn es weltweit so viel Hass gibt? Mijić: "Bei allen schlechten News gibt es auch Lichtblicke, die Mut machen, seinen Beitrag zu leisten."
Thema: Report