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Ist's okay, den Nachwuchs anzulügen?

Der Alltag mit Kids ist nicht immer einfach. Aber muss man eigentlich die Bedürfnisse der Kleinen immer vor die eigenen stellen? Und ist's okay, den Nachwuchs mal anzulügen, um seine Ruhe zu haben? Vier Expertinnen beziehen ehrlich Stellung.

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Ist's okay, den Nachwuchs anzulügen?
© istockphoto.com

Das Baby zahnt, weint die ganze Nacht durch, und du kommst zusammengezählt auf gerade mal zwei Stunden Schlaf. Der vierjährige Sohn quengelt, weil er drei Stunden am Spielplatz noch immer viel zu kurz findet. Weil du dich nicht davon überzeugen lassen willst, länger zu bleiben, schreit er plötzlich vor allen anderen "Hilfe! Hilfe!" und gibt oscarreif vor, von dir gekidnappt zu werden. Und die pubertierende Tochter macht sowieso, was sie will, und lässt sich von dir nichts mehr sagen, weil du, wenn's nach ihr geht, ja überhaupt keine Ahnung vom Leben hast. Puh, der Alltag mit Nachwuchs kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Aber ist es in Ordnung, das auch laut zu sagen? Und wie egoistisch darf man sich als Mama und Papa eigentlich verhalten? Vier Expertinnen klären auf. Eins vorab: Ja, es ist okay, wenn Eltern ihre Kinder auch mal blöd finden …

Ist es legitim, die Kleinen anzulügen, um seine Ruhe zu haben?

"Wenn Sie Ihrem Kind Ehrlichkeit vermitteln wollen, sollten Sie sich selbstverständlich auch mit Schwindeleien zurückhalten", rät die diplomierte Elternbildnerin Katharina Ratheiser (eltern.land). Allerdings: "Im Ausnahmefall ist eine Notlüge wie etwa 'Der Spielplatz hat heute geschlossen' manchmal doch besser als eine schlecht gelaunte Mama, die ungeduldig an der Rutsche steht, weil zu Hause noch Arbeit wartet, die erledigt werden muss. Das führt oft besser zum Ziel als ein pampiges Nein."

Stimmt es, dass man als Eltern immer über den Dingen stehen muss?

Entwarnung: Nein, muss man nicht! Verhaltenstherapeutin Mareike Krieger (erziehenswert.at) beruhigt: "Sich überfordert zu fühlen, ist menschlich. Man holt seinen Spross nach einem stressigen Arbeitstag vom Kindergarten ab, muss noch schnell was zum Essen einkaufen, bevor die Geschäfte zusperren, und der Nachwuchs benimmt sich auch noch wie ein kleiner Satansbraten ... Natürlich fragt man sich in solchen Momenten, womit man das verdient hat, und würde sich am liebsten weinend in ein Eck setzen." Ihr Tipp: Es offen zugeben und immer wieder auch mal um Unterstützung bitten.

Kann ich mich in die erste Liebe einmischen, weil ich mir für mein Kind einen anderen Partner wünsche?

"Wegen Umbau geschlossen! – So in etwa lässt sich der Einfluss der Eltern auf Teenager beschreiben. Die Pubertät ist eine der anspruchvollsten Zeiten, weil hier der Prozess des Loslassens stattfindet", weiß Autonomie-Expertin Christine Edenstrasser (christineedenstrasser.com). Deshalb ihre Empfehlung: Die Jungen machen lassen, damit sie Erfahrungen sammeln können. Dabei auch mal auf die Nase zu fallen, gehört zur Persönlichkeitsentwicklung dazu. "Intervenieren sollte man als Elternteil dann, wenn man den Umgang als gefährlich einstuft. Nicht aber, weil man den neuen Freund nicht sympathisch findet ..."

Ist es okay, dem Nachwuchs einen Wunsch auszuschlagen, um sich einen eigenen zu erfüllen?

Folgendes Szenario: Du sparst auf eine Designertasche, dein Kind wünscht sich die neueste Spielkonsole. Beides geht sich finanziell nicht aus. Wer setzt sich durch? "Verzichten Sie nicht automatisch auf Ihre Wünsche. Kinder sollen nicht daran gewöhnt werden, alles zu bekommen, was sie sich wünschen. Sie müssen ebenso lernen, mit Frustration und Enttäuschung umzugehen bzw. auch längere Wartezeiten für einen Wunsch einzugehen", so Jugendcoach Nikola Krisch (erlernbar.at). "Sich aber durchzusetzen, weil man als Erwachsener über seinen Nachwuchs bestimmen kann, ist auch nicht fair!"

Was, wenn man seinen Spross mal peinlich findet?

Oh ja, es gibt sie, die Momente, in denen man am liebsten im Erdboden versinken möchte. Wenn etwa der Sohn mit dem Finger auf den fremden Mann gegenüber zeigt und sagt: "Wieso hat der so eine komische Hose an?" Erziehungsberaterin Krieger sieht's entspannt: "Sich für sein Kind mal zu schämen, ist natürlich. Die Frage ist: Wie gehe ich damit um? Was man niemals tun sollte: sein Kind bloßstellen. Dieser Schmerz sitzt tief und hat Spätfolgen für die Persönlichkeitsentwicklung."

Ist es verwerflich, Hausarrest zu geben, weil man über eine Entscheidung einfach nicht diskutieren möchte?

"Nicht jede Entscheidung muss diskutiert werden", so Ratheiser. Allerdings sollte man sie immer begründen können, damit das eigene Verhalten für das Kind nachvollziehbar bleibt. "Wenn Sie Hausarrest erteilen, weil Ihnen die Argumente fehlen oder Sie Ihre Macht demonstrieren wollen, ist das der falsche Weg. Besser: Motivieren Sie Ihr Kind dazu, Gründe aufzuschreiben, warum Sie ihm etwas Bestimmtes erlauben sollten."

Darf man sich bei erwachsenen Kids einmischen?

"Ja", sagt Krisch. "Wenn man möchte, dass sich die Kinder von einem entfernen." Deshalb empfiehlt die Expertin wertfreie Formulierungen: "Sagen Sie zum Beispiel: 'Ich erlebe dich zur Zeit zurückgezogen. Irre ich mich oder geht es dir tatsächlich nicht so gut?'" Sätze wie diese sind hilfreicher als Belehrungen oder Ratschläge, nach denen gar nicht gefragt wurde.

Darf man seine Mutterschaft manchmal auch bereuen?

"Sicher! Das ist eine menschliche Reaktion", findet Edenstrasser. "Im Vorhinein kann man sich nicht vorstellen, was alles auf einen zukommt. Da stellt man sich schon mal die Frage, ob es ohne Kinder denn nicht leichter gewesen wäre." Was hilft: "Frustabbau beim Reden mit anderen Müttern."

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