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Manuela, warum war die künstliche Befruchtung das Beste, was dir je passiert ist?

Manuela Wengust wurde im November 2020 zum ersten Mal Mutter – für die 38-Jährige ein wahres Wunder. Sie leidet nämlich an einer schweren Form der Endometriose. Ihre Message: "Liebe Frauen, habt keine Angst vor der künstlichen Befruchtung!"

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Manuela Wengust
© Privat

Wenn Manuela Wengust an ihr Kind denkt, weiß sie, dass sie mit diesem Interview die richtige Entscheidung getroffen hat. "Irgendwann wird er von seiner 'künstlichen' Zeugung erfahren. Und das ist gut so. Denn es ist egal, wo unser Sohn herkommt. Hauptsache, er hat den Weg zu uns gefunden."

Die 38-Jährige hat sich vor unserem Gespräch Notizen gemacht und zu ihrer Krankheitsgeschichte und künstlichen Befruchtung. Denn mit ihrer sehr persönlichen Geschichte will sie anderen Frauen helfen. Frauen, die wie sie an Endometriose leiden und trotzdem einen Kinderwunsch hegen. Und Frauen, die sich schämen, oder sich unzulänglich fühlen, weil bei ihnen das mit der Schwangerschaft nicht auf "natürlichem" Wege klappt.

Stilles Leid, gedämpft durch Hormone

Ungefähr 300.000 Frauen in Österreich leiden an Endometriose. Bei der chronischen Krankheit treten Gebärmutterschleimhaut-artige Zellen außerhalb des Uterus auf, verwachsen dort und führen so zu entzündlichen Veränderungen. Manuela selbst leidet an einer nicht ganz so häufigen aber schweren Form – der tief-infiltrierenden Endometriose. Ihre Zellen "verirren" sich nicht nur, sondern dringen auch direkt in andere Organe ein und richten dort viel Schaden an.

Bei Manuela begann vermutlich alles in ihrer Jugend. Das erste Symptom: starke Regelschmerzen. Dagegen bekam sie die Pille verschrieben. Heute weiß sie, dass die darin enthaltenen Hormone bei der Endometriose auf Pause drücken. Den Namen ihrer Krankheit hörte sie aber erst 2016 zum ersten Mal. Da war sie 34 Jahre alt: "Als bei mir eine Zyste entdeckt wurde, klärte mich meine Gynäkologin endlich auf. Und sagte mir, dass ich es möglicherweise schwierig wird auf natürlichem Wege schwanger zu werden." Die Steirerin nahm nach dem Eingriff weiterhin Hormone und versuchte, nicht an ihr Leid zu denken.

Trotz unsäglicher Schmerzen, Müdigkeit, ständigen Magen-Darm-Beschwerden und Übelkeit bezwang Manuela weiter ihren Alltag: "Die Endometriose hing wie ein Damoklesschwert über meinem Leben. Aber ich legte mir bestimmte Tricks zu, um sie ignorieren", so die 38-Jährige. Zum Beispiel habe sie während ihrer Periode den Wecker immer früher gestellt, um ein Schmerzmittel nehmen zu können: "Ich wusste, dass ich sonst nicht aus dem Bett komme."

Ohne Operation kein Baby

Dann lernte sie ihren heutigen Partner kennen. Beide spürten einen starken Kinderwunsch. Doch vor der Erfüllung musste sich Manuela ihrer Krankheit stellen. So wandte sich das Paar an das Endometriosezentrum des LKH Villach. Beim 45-minütigen Ultraschall fiel es der 38-Jährigen wie Schuppen von den Augen: "Ich bin ja wirklich chronisch krank." Darm, Gebärmutter, Harnblase und -leiter sowie die Eierstöcke waren betroffen: "Das gesamte Team staunte, wie ich es geschafft hatte, mit solchen Entzündungsherden 'normal' zu leben", erinnert sich die Steirerin.

Es wurde ein Operationstermin ausgemacht, bei dem Teile des befallenen Gewebes entfernt werden sollten: "Ich wollte in meinem Körper ein positives Klima für ein Baby schaffen." Sie und ihr Partner waren sich einig: Sollte die Operation gut verlaufen, dann würden sie es mit einer künstlichen Befruchtung versuchen. Manuela freundete sich mit der Idee einer In-vitro-Fertilisation (IVF) an. Trotzdem plagten sie die Selbstzweifel: "Ich hatte das Gefühl, als Frau nicht gut genug zu sein. Und für meinen Freund tat es mir so leid, denn ich dachte immer, er hätte es mit einer anderen Frau sicher leichter gehabt. Er selbst hat mich aber immer unterstützt und mir versucht das Gefühl zu geben, dass wir gemeinsam alles schaffen, selbst wenn es mit einer Schwangerschaft nicht klappen sollte."

»Ich hatte das Gefühl, als Frau nicht gut genug zu sein.«

Trost fand sie in der Online-Endometriose-Community. Aktiv vernetzte sich Manuela mit anderen Betroffenen, fragte um Rat und tauschte sich aus: Dabei wurde ihr klar, dass viele andere Frauen sich ebenso vor der IVF fürchten. Oder moralische Bedenken haben: "Die Natur hat bestimmt, dass es einfach nicht sein soll", hieß es in den Foren. Und auch Manuela beschäftigte dieser Satz häufig – schließlich war sie katholisch erzogen worden. Die Steirerin fand für sich die perfekte innere Einstellung: "Wenn dieses Kind mein Herzenswunsch ist, warum soll ich dann nicht um Hilfe bitten und den Weg so beschreiten? Gott hat uns ein Gehirn gegeben und wir haben so viele medizinische Möglichkeiten entwickelt – warum soll dann genau die künstliche Befruchtung so falsch sein?"

Die Operation verlief trotz ihrer Schwere so gut, dass Manuela nach dem Aufwachen mit folgenden Worten von der Ärztin begrüßt wurde: "Liebe Frau Wengust, ich gratuliere Ihnen! Sie können schon einen Termin in der Kinderwunschklinik ausmachen." Die damals 36-Jährige war unheimlich erleichtert – aber auch überfordert. Drei Monate lang versuchte das Paar noch auf natürlichen Wege, ein Kind zu bekommen, dann entschieden sie sich endgültig für die IVF. "Ich glaube, viele Frauen sind unsicher, weil man als Laie so wenig über den Prozess an sich Bescheid weiß. Aber in der Kinderwunschklinik in Klagenfurt wurden wir so gut, so transparent beraten, dass mir jede Angst genommen wurde", so Manuela.

Manuela Wengust
Manuela Wengust und ihr Partner Christian.

Folgenden Rat des behandelnden Arztes hielt sie sich außerdem immer vor Augen: "Wenn sich die befruchtete Eizelle beim ersten Mal nicht einnistet, dann ist das ganz normal. Auch beim zweiten oder dritten Mal muss es nicht klappen. Da ist einfach die natürliche Selektion am Werk. Und die können wir nicht kontrollieren." Die Steirerin ist aber eine der in-Vitro-Lottogewinnerinnen: Sie wurde schon nach dem ersten Transfer schwanger. "Bei mir war es ein Bilderbuchverlauf. So saß ich ein Jahr nach meiner großen Operation kugelrund im Endometriosezentrum wohin ich dieses Mal nur eine Freundin begleitet hatte", erinnert sich Manuela. Weiterhin leidet sie an der Krankheit, die durch die Schwangerschafts- und Stillhormone seither Ruhe gibt: "Ich hoffe, dass sie bei mir gar nicht zurückkommt. Aber wenn, dann weiß ich jetzt, was ich tun kann."

Künstliche Befruchtung? Medizinische Hilfe!

Aus ihren Worten klingt eine tiefe Dankbarkeit. Denn die frischgebackene Mama – ihr Sohn kam im November 2020 auf die Welt – weiß, dass es nicht bei allen so schnell und unkompliziert klappt. Trotzdem möchte sie ihre Leidensgenossinnen ermutigen, es mit der künstlichen Befruchtung zu versuchen. "Ich hatte zum Beispiel großen Respekt vor der Hormonbehandlung. Aber wenn einmal erfolgreich Eizellen entnommen und befruchtet wurden, dann muss man diese Prozedur nicht unendlich wiederholen." Auch das genetische Material von Manuela und ihrem Partner – in Form der befruchteten Eizellen - liegt schockgefrostet bereit, falls noch ein zweites Kind gewünscht ist.

"Hin und wieder kommen komische Kommentare vom Bekanntenkreis", erzählt die 38-Jährige. “Da entsteht irgendwie das Gefühl, dass IVF weniger wert als eine "natürliche" Befruchtung ist.” Darauf hat Manuela Wengust eine deutliche Antwort gefunden: "Allein die Bezeichnung 'Künstliche Befruchtung' trägt zum Stigma bei. Es ist meine Eizelle und es ist der Samen meines Partners – wir haben nur etwas medizinische Hilfe gebraucht, damit daraus unser überaus erwünschtes und geliebtes Kind entsteht."

Themen: Eltern, Kinder

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