Ressort
Du befindest dich hier:

Jen Davis: Mein Körper und ich

Jahrelang haderte Jen Davis mit ihrem dicken Körper. Bis sie ein erstaunliches Foto-Projekt startete. Im Bildband Eleven Years zeigt sie sich ungeschützt - in Unterwäsche, am Strand oder neben einem schlanken Liebhaber.


Jen Davis: Mein Körper und ich

Jen Davis: Ungewöhnliches Projekt einer ungewöhnlichen Frau

© Jen Davis/Eleven Years

"Ich fühle mich unwohl in meiner Haut." Das ist nicht unbedingt der Satz, den man von einer international anerkannten Spezialistin für Selbstporträts erwartet. Einer Fotografin, die seit 11 Jahren vor allem Bilder von sich selbst knipst. Die sich in Unterwäsche zeigt, am Strand, auf dem Bett neben einem jungen, schönen Liebhaber, beim Duschen.

Doch dieses "Unwohlfühlen" ist das Lebens- und Werksthema der amerikanischen Fotografin Jen Davis. Davis wiegt 122 Kilo, hat starkes Übergewicht. Auf ihren Bildern setzt sie sich mit ihrem Körperbild auseinander. Auf vielen Fotos schaut Jen direkt in die Kamera. Manchmal sehnsüchtig, traurig, oft stolz und ein wenig trotzig. "Ich zeige mich und meinen dicken Körper," sagt sie. "Und mit ihm meine Unsicherheiten, meine Sehnsüchte, meine Fantasien." Nun ist die beeindruckende Serie an Selbstporträts im Buch "Eleven Years" im Kehrer Verlag erschienen.

"Bereits als Teenager," erzählte Jen in einem Interview mit US-Talk-Ikone Oprah Winfrey, "habe ich versucht, über meine Bilder zu kommunizieren." Zunächst fotografierte sie die anderen Kinder auf dem Schulhof, dann verlassene Häuser, kaputte Autos. "In Wahrheit habe ich mich immer mehr isoliert. Ein trauriges Kind, das mit seinem Fotoapparat durch Brooklyn läuft."

Mit 23 Jahren liest Davis ihre alten Tagebücher und erkennt: "Meine Gedanken und Fantasien kreisten immer nur um zwei Themen: meinen dicken, unansehnlichen Körper und meine Sehnsucht nach romantischer Liebe."

Ein Wendepunkt für die Amerikanerin. "Ab dem Augenblick richtete ich die Kamera nicht mehr nach außen, sondern auf mich selbst. Mit dem Medium Fotografie wollte ich meine Lebensgeschichte erzählen. Sie diente mir als Ventil, meine Gedanken und Ansichten über unsere Gesellschaft mitzuteilen. Eine Gesellschaft, die Schönheitsideale nur über die äußere Erscheinung festlegt. Mit meinen Bildern, die sich auf eine Betrachtung meiner persönlichen Geschichte konzentrieren, will ich allgemeine Fragen zu Schönheit, Sehnsucht, Körperbild und Identität aufwerfen."

Die Bilder sind für den Betrachter irritierend. Davis traurig-herausfordernder Blick, ihr dicker Körper, ihre Cellulite – in Zeiten von Photoshop und gewünschter Perfektion sind Davis' fast schon schmerzhaft ehrliche Bilder eine Seltenheit.

Eine künstlerische Leistung, die zum Karriere-Turbo für Jen Davis wurde. Sie bekam ein Stipendium an der renommierten Yale University School of Art's Master of Fine Arts ; Galerien in Spanien, Frankreich und Italien stellten ihre Werke aus. Auch das New York Times Magazine publizierte eine Serie, die Sir Elton John Photography Collection nahm einige ihrer Bilder in die Sammlung auf.

Doch trotz des Erfolges ist es für Jen Davis nach wie vor ein schmerzhafter Akt, sich mit ihren Selbstporträts auseinander zu setzen. "Als ich nach zehn Jahren in einer Galerie meine Bilder an die Wand hängte, musste ich plötzlich weinen. Mir wurde bewusst, dass sich in all den Jahren mein Körper nicht verändert hat – und ich selbst mich auch nicht. Ich habe mich zwar für die Kamera verwundbar gemacht. Doch das war nur ein Schutz. Denn was ich wirklich wollte, war, mich für einen anderen Menschen angreifbar zu machen."

Jen Davis unterzog sich vor wenigen Monaten einen Magenband-OP (einer chirurgischen Therapie des krankhaften Übergewichts). "Mit der Fettschicht will ich auch meinen emotionalen Schutzschild abbauen."

Ihr Buch "Eleven Years" von Jen Davis ist im Kehrer Verlag erschienen.

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .