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Jetzt reden wir Klartext! Pädagoginnen erzählen WOMAN, was sie wirklich denken

Auf der Straße würden uns im Moment viele gerne mit Tomaten oder rohen Eiern bewerfen. Die Menschen schätzen unsere Arbeit nicht“, ist Barbara Binder, 35, sauer. Sie ist Sprachlehrerin an der Höheren Bundeslehranstalt im burgenländischen Oberwart – und damit eine von jenen knapp 200.000 Lehrern in Österreich, die für einige Wochen im Rampenlicht standen.


Jetzt reden wir Klartext! Pädagoginnen erzählen WOMAN, was sie wirklich denken
© WOMAN/Wurnig

Denn bei jedem Vorschlag der Politik blockierte die Lehrergewerkschaft – und umgekehrt. Sieben Verhandlungsrunden zwischen Bildungsministerin Claudia Schmied (SP) und dem Sozialpartner sind geschlagen. Ein Konsens fand sich aber erst, nachdem sich die Regierungsspitzen – Bundeskanzler Werner Faymann und Vizekanzler Josef Pröll – in die Endlosdiskussion eingeschaltet hatten. Das Wichtigste vorab: Lehrer müssen weder eine noch zwei Stunden mehr arbeiten! Damit hat sich die Gewerkschaft auf ganzer Linie durchgesetzt, musste die Bildungsministerin klein beigeben. Der neue Inhalt der Reform: Zulagen werden gestrichen (Wunsch des Finanzministers), für ältere Lehrer gibt es die Möglichkeit eines Teilzeitmodells, und schulautonome Tage sind Vergangenheit (beides Wünsche von der Gewerkschaft). Doch was hätten sich die Lehrer selbst an Änderungen gewünscht? Konnten sie mit ihrer Ministerin und deren Vorschlägen gar nichts anfangen? Und wären in Zeiten der Wirtschaftskrise und dramatisch anschwelenden Arbeitslosigkeit diese Kürzungen nicht wie Peanuts ausgefallen? WOMAN fragte fünf Lehrerinnen – aus verschiedenen Bundesländern und Schultypen, von der Volksschule bis zur berufsbildenden Oberstufe –, was ihnen den Arbeitsalltag erleichtern würde, wie Schule endlich erneuert werden könnte und wo sie bereit wären, zu verzichten.

Mehr Platz zum Arbeiten

Gudrun Seeber, 33, BORG-Lehrerin in Mittersill, Salzburg, hält mit ihrer Enttäuschung nicht hinterm Berg: „Verzichten? Wenn, dann auf eine Ministerin und die Partei, die die negative Stimmung gegen die Lehrer/innen dazu nutzt, bei den Umfragewerten zu punkten.“ Astrid Mann, 37, AHS-Lehrerin in Wolkersdorf, Niederösterreich, setzt nach: „Man hat von der Bildungsministerin nicht den Eindruck, dass sie auf uns Lehrer stolz ist. Was mich aber noch viel mehr frustriert: Ich muss mich dauernd rechtfertigen, dass ich eh etwas arbeite.“ Das bestätigt auch Gudrun Seeber: „Kein Journalist oder Arzt muss seitenweise darüber schreiben, was er macht, wenn gerade kein Patient in der Praxis ist oder die Zeitung im Sommer pausiert.“

Verständnis

Ingrid Gaida, 49, KMS-Lehrerin in Wien 10, hingegen konnte die Pläne von Claudia Schmied verstehen: „Es muss sich endlich etwas ändern. Wenn es auch schwierig ist wegen der Wirtschaftskrise und der budgetären Knappheit.“ Alle fünf Lehrerinnen, die wir zum Interview baten, meinten einstimmig, dass sie durchaus mehr Zeit in der Schule verbringen würden. Maria Raos, 44, Volksschullehrerin aus Schwarzach in Vorarlberg: „Dann, wenn Schulen freundlichere, offenere Orte wären.“ Und die Infrastruktur zeitgemäßer wäre. Barbara Binder: „Zwei Computer, noch dazu aus dem Jahre Schnee, für 60 Pädagogen sind einfach zu wenig. In skandinavischen Ländern hat jeder ein eigenes Büro, da lässt sich alles am Arbeitsplatz erledigen.“ Gaida: „Da hätte die Gewerkschaft schon viel früher für uns eintreten sollen!“

Schule schätzen

Was würde den Arbeitsalltag sonst erleichtern? Astrid Mann möchte die Administration abgeben können – vom Geldeinsammeln für Impfungen bis zum Organisieren von Skikursen. Maria Raos möchte Sozialarbeiter und Psychologen an den Schulen. Gudrun Seeber fände „Zuckerln“ für besonders engagierte Lehrer gut. „Denn jetzt verdiene ich gleich viel wie jemand, der Dienst nach Vorschrift macht. Das ist schon demotivierend.“ Genauso wie die Tatsache, „dass viele die Schule als Aufbewahrungsstelle sehen und nicht als eine Einrichtung, die aufs Leben vorbereiten sollte“, so Ingrid Gaida. „Wir müssen die Kinder wie rohe Eier behandeln. Nur – in der Geschäftswelt geht’s dann viel rauer zu!“

Redaktion: Katrin Kuba, Petra Mühr

LESEN Sie die detaillierten Statements und Vorschläge der Lehrerinnen in WOMAN 09/09!