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Auf der Suche nach Gott: Diese Frau entschied sich für die Enthaltsamkeit

Ihr bisheriges Leben verlief im Turbotempo. Vor einem Jahr gab Cornelia Lauschmann alles auf und machte sich auf die Suche nach Gott.

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Auf der Suche nach Gott: Diese Frau entschied sich für die Enthaltsamkeit

Cornelia Lauschmann über ihren Alltag zwischen Berufung, Verzicht und wahrer Liebe.

© GERRY MAYER-ROHRMOSER

Cornelia Lauschmann begrüßt uns in der Lobby der Philosophisch-Theologischen Hochschule Heiligenkreuz. "Hallo! Kommt 's nur mit. Gehen wir in den Aufenthaltsraum. Der ist sehr stylish." Die Salzburgerin wirkt durchtrainiert, sehr lebhaft und fröhlich - eine anziehende Persönlichkeit. Und sie überlegt, ein Leben in Freiheit gegen eines hinter Klostermauern einzutauschen: "Wenn mir das vor zehn Jahren jemand erzählt hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt." Mit der katholischen Kirche konnte die 32-Jährige lange nichts anfangen: "Ich war sogar ausgetreten und hatte die gleichen Vorurteile wie die meisten. Gläubige rennen alle in Birkenstock-Sandalen herum und sind irgendwie nicht von dieser Welt."

Cornelias Alltag war lange Zeit ein ganz anderer: "In meiner Jugend habe ich fast nichts ausgelassen. Ich war auch viel auf mich allein gestellt. Meine Eltern waren voll berufstätig, und sie vertrauten mir. Mit 15 hatte ich meinen ersten Freund, der auch bei mir übernachtet hat." Bis 28 wechselte die junge Frau ihre Partner öfter: "Ich habe mich recht schnell verliebt." Gleichzeitig verwirklichte sie sich auch einen Kindheitstraum: den von einer Karriere beim Bundesheer. Nach der Matura 2005 absolvierte die sportliche Salzburgerin eine Ausbildung zum Berufsoffizier, später wurde sie dort Fluglotsin. Rückblickend meint Cornelia heute zu ihrem Jobwunsch: "Ich wollte etwas kompensieren. Meine Eltern haben mich sehr gut erzogen, aber es war immer alles locker. Zu locker. Mir haben klare Vorgaben und Regeln gefehlt. Ich bin jemand, der schnell viel Blödsinn macht. Heute sehe ich es zum Beispiel kritisch, dass ich mit 15 schon Sex hatte." Außerdem ist sie überzeugt, dass jeder eine Autorität als Vorbild braucht. Beim Heer hatte sie diese gefunden.

Ihre Ideologie: Sex lenkt vom Wesentlichen ab

Die heute 32-Jährige verliebte sich in einen Kollegen. Trotz starker Gefühle war sie von Anfang an irritiert: "Beim zweiten Date hat Stefan bei mir übernachtet, bestand allerdings auf ein Gästezimmer. Sex lehnte er ab, das fand ich irgendwie komisch." Nur wenige Tage später musste Cornelia zu einem Auslandseinsatz nach Bosnien. Unzählige Telefonate folgten: "Einmal fragte ich ihn, was er denn am Abend vorhabe.Er sagte: ,In die Kirche gehen.' Ich dachte nur: What? Echt jetzt? Ich war geradezu schockiert. Wie uncool ist das denn? Sonntags in die Kirche gehen ist schon seltsam, aber unter der Woche?" Eine Diskussion zwischen den beiden über Glaube und Gott begann. "Jetzt verstand ich auch, weshalb er nicht mit mir schlafen wollte. Er war für Enthaltsamkeit vor der Ehe. Alles in mir hat rebelliert, dennoch habe ich ihn sehr geliebt." Die damalige Soldatin konnte lange nicht begreifen, was in Stefan vorging: "Erst mit der Zeit verstand ich es besser. Statt Sex hatten wir viel Zeit zum Reden. Ihm zuliebe begann ich, sonntags die Messe zu besuchen.

Cornelia wohnt mit einer Studienkollegin in einer WG. In ihrem Zimmer hat sie einen kleinen Altar aufgestellt: "Ich bete täglich mehrmals."


Plötzlich sprang der Funke über." Die 32-Jährige fand zunehmend Gefallen am Glauben und auch am keuschen Lebensstil ihres Freundes: "Ich habe viel nachgedacht. Meine früheren Partner hatte ich aus beruflichen Gründen meist nur am Wochenende getroffen. Dann schliefen wir miteinander. Kleine Missverständnisse oder auch Verletzungen, die bei Telefonaten unter der Woche passiert sind, wurden lieber ausgeklammert. Nichts wurde aufgearbeitet, weil keine Zeit blieb." Heute ist Cornelia überzeugt, dass es sinnvoller ist, Probleme anzusprechen und nicht mit Sex zu verdrängen. Natürlich gab es in ihrer Beziehung zu Stefan auch Zärtlichkeit und Lust: "Intimität ist auch durch Kuscheln oder Berührungen möglich. Wir haben schon mal beide gesagt: ,Ich würde jetzt gerne mit dir schlafen.' Aber es ist nie so weit gekommen. Eine Ermutigung war, dass ich mir vorgestellt habe, wie wahnsinnig toll dann die Hochzeitsnacht sein würde." Dass die dann eventuell zur großen Enttäuschung werden könnte, weil bestimmte Hoffnungen nicht erfüllt würden, war nie ein Thema.

2005 wurde Cornelia an der Militärakademie zum Berufsoffizier ausgebildet.


Vom Bundesheer ins Kloster

Ende 2015 ging die Beziehung in die Brüche: "Für ihn ist Gott an erster Stelle gestanden, für mich er. Wir haben erkannt, dass das keine Zukunft mit uns hat. Obwohl ich damals schon regelmäßig in die Kirche gegangen bin und nach Antworten gesucht habe." Zwei Monate habe sie geschmollt und dann überlegt: Habe ich diese Gottesbeziehung wegen ihm aufgebaut oder ist es doch für mich? Eigentlich hatte die angehende Theologin wenige Monate davor den Job gewechselt, von der Bundesheer-Soldatin zur Stewardess. In der Schweiz war sie sogar für 200 Flugbegleiter verantwortlich. Doch die Glaubensfrage ließ sie nicht los.

Nach zwei Jahren im Business wollte es Cornelia 2017 wissen: "Ich bin ein rationaler Mensch, der alles erklärt haben möchte. Also wollte ich dem Glauben auf den Grund gehen und habe mich für das Theologiestudium angemeldet." Seit einem Jahr studiert sie im Stift Heiligenkreuz in Niederösterreich. Ihre Familie stehe hinter ihr, der Freundeskreis hat sich aber verändert, denn "nicht jeder ist damit klargekommen". Der straffe Tagesplan stört sie nicht: Um 6 Uhr aufstehen, 6:30 Uhr Morgenmesse, danach studieren, Mittagspause, wieder lernen, dazwischen beten. Abends stehen meist kirchliche Veranstaltungen auf dem Programm, aber jeden Freitag fährt sie zu ihrer Familie nach Salzburg: "Am Samstag arbeite ich in einem Trachtenmodengeschäft, und Sonntagabend geht es wieder zurück."

Warum dieser radikale Schritt? "Nur so kann ich mich voll auf die Religion einlassen", erklärt es Lauschmann. "Ich habe das Gefühl, schon alles erlebt zu haben, auch sexuell. Heute weiß ich, das ist nicht der Sinn meines Lebens." Ihre Zukunftsvision: Militärseelsorge. Aber auch ein Leben als Klosterschwester käme für sie infrage: "Man braucht dort kommunikative, fröhliche Frauen."