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Job-Faktor Beauty: Haben attraktive Mitarbeiter mehr Erfolg in der Berufswelt?

Wer attraktiv ist, hat bessere Chancen im Beruf, behaupten verschiedene Studien. Aber ist das Aussehen wirklich so wichtig für den Erfolg? Ist Wissen heutzutage weniger wert als die Optik? WOMAN fragte bei ExpertInnen nach.


Job-Faktor Beauty: Haben attraktive Mitarbeiter mehr Erfolg in der Berufswelt?
© Corbis

Haben attraktive Mitarbeiter in der Berufswelt von heute die besseren Karten? Ja, sagen zahlreiche Studien: Wer gut aussieht, wird automatisch als glücklicher, intelligenter, beliebter, vitaler, kreativer und erfolgreicher eingestuft. Denn: Jeder Mensch will schön sein und sich mit Schönem umgeben – und Chefs und Personalmanager sind schließlich auch nur Menschen! Dazu kommt noch, dass zum Großteil unbewusst bewertet wird, was in die Kategorien "gut" oder "schlecht" fällt.

In den USA ist das Phänomen schon als "Beauty Premium" bekannt: 93 Prozent von 1.300 Personalchefs der führenden US-Unternehmen sind davon überzeugt, dass schöne Menschen schneller einen Job bekommen. Das Privileg eines hübschen Gesichts sorgt in Amerika sogar schon für ebenso große Einkommensunterschiede wie Hautfarbe oder Geschlecht. Der US-Ökonom Daniel Hamermesh kommt zu dem Ergebnis, dass attraktive Menschen um bis zu fünf Prozent mehr verdienen, laut anderen Studien bekommen überdurchschnittlich gut aussehende ArbeitnehmerInnen sogar um zehn bis fünfzehn Prozent mehr als äußerlich "nur" durchschnittlich erscheinende KollegInnen.

Eindruck macht auch, wer groß ist: Umfragen zufolge freuen sich Männer, die größer als 1,82 Meter sind, sogar über knapp sechs Prozent mehr Gehalt am Konto als kleinere Kollegen. Bei Frauen schlagen sich ein paar Zentimeter mehr mit durchschnittlich 0,6 Prozent mehr Gehalt nieder.

Auch die Studie "Beautycheck" der Universität Regensburg kommt zu dem Ergebnis: Gut ist, was schön ist. Und schön heißt, an wissenschaftlichen Maßstäben gemessen, vor allem, eine reine Haut zu haben, bei Frauen ein symmetrisches Gesicht mit kindlichen Zügen zu haben samt hohen Wangenknochen und schmaler Nase.

Die deutsche Ökonomin Sonja Bischoff, die bereits seit 20 Jahren die Wechselwirkung von Optik und Beruf untersucht, konstatiert: Die Bedeutung des Aussehens hat eklatant zugenommen! Gaben 1986 nur sechs Prozent der Befragten an, dass das Aussehen für die Karriere wichtig sei, waren es 1998 schon 22 Prozent und laut der aktuellen Erhebung 28 Prozent. "Das gute Aussehen hat praktisch selbst Karriere gemacht", resümiert Bischoff heute. Wieso es dazu kam, liegt auf der Hand: Wir leben heute schließlich zunehmend in einer Welt der Bilder, in der uns über Medien immer mehr angebliche Ideale "vorgeschrieben" werden.

Der zunehmende Beautywahn für die Karriere lässt auch immer mehr Männer nicht mehr kalt. Der Wiener Schönheitschirurg Jörg Knabl beobachtet, dass auch immer mehr Männer, die in höhere Positionen kommen wollen, dem Äußeren ein wenig nachhelfen: "Im Zeitalter der Jugendlichkeit sind es vor allem Merkmale der Jugend, die möglichst lange konserviert bzw. neuerlich hergestellt werden. Diese Merkmale repräsentieren Dynamik, Kraft und Gesundheit - das sind alles Eigenschaften, die die Gesellschaft von ihren Topleuten sichtbar einfordert." Immerhin verwenden bereits sechs Prozent der Männer regelmäßig Abdeckstifte und fünf Prozent Gesichtsbräuner. Auch wenn man es kaum glauben kann: "Sogar Lippenstift und Lipgloss finden bei vielen Vertretern des männlichen Geschlechts heute Anklang", zitiert Knabl eine aktuelle Studie.

Bei richtigen Schönheits-OPs beträgt der Männeranteil allerdings nur 15 Prozent - den Gang zum Schönheitschirurgen treten nach wie vor hauptsächlich Frauen an. Und die Karriere ist ein zunehmend hoher Motivationsfaktor geworden, um tief in die Tasche zu greifen und sich unters Messer zu legen. Besonders hoch im Kurs stehen Lidplastiken: Wurden 2006 in Deutschland noch 2.435 solcher Eingriffe durchgeführt, waren es 2007 mit 4.638 schon doppelt so viele! In Branchen wie Public Relations, Medien und Consulting sei die Nachfrage nach "schönen" Menschen besonders groß, sagt Forscherin Bischoff. Auch im Verkauf schickt man attraktive Leute gern an die Front. Dementsprechend groß ist in diesen Berufsgruppen auch die Bereitschaft, in verschönernde Maßnahmen zu investieren.

Natürlich gibt es auch zunehmend Menschen, die den Ausuferungen dieses Trends ablehnend gegenüberstehen. Nicola Lederer etwa, Brand Manager bei einem führenden Spirituosenkonzern, ist beruflich bedingt viel auf Abendveranstaltungen unterwegs. "Hippes Aussehen gehört zu meinem Job", sagt die 34-jährige Tirolerin, "ich achte aber sehr genau darauf, wann ich welches Outfit anziehe. Bei Business-Meetings hat sich immer noch Schwarz bewährt, sonst gebe ich gerne Geld für Kosmetik und Kleidung aus." Ein chirurgischer Eingriff oder eine Botox-Korrektur kommt für sie aber nicht infrage. "Meine persönliche Mimik ist mir wichtiger als eine künstliche Fassade."

Dazu kommt: Es gibt auch ein Zuviel des Guten für die Karriere. Stellen Sie sich vor, eine Frau mit Modelfigur, hübschem Gesicht und wallenden Haaren regiert in der obersten Etage eines Großunternehmens: Die Gerüchteküche brodelt! Zu viel Schönheit kann sich gerade bei Frauen auch nachteilig auswirken, weil man geneigt ist, ihnen durch zu viel Weiblichkeit Kompetenz abzusprechen. Frauen mit glatten, zurückgekämmten oder zurückgebundenen Haaren überzeugen in Verhandlungen erfahrungsgemäß mehr als solche mit Lockenmähne.

Auch Lucia Horaczek, Businesscoach und Recruiting-Expertin, steht der Entwicklung zum vorgegebenen Schönheitsboom kritisch gegenüber: "Wie wichtig das Aussehen für die eigene Karriere ist, entscheidet jeder für sich selbst. Man sollte sich nicht von den zunehmenden Bildern, die uns vermittelt werden, beeinflussen lassen." Wie jemand wirkt, ist schließlich ein Mix aus Optik, Auftreten, Erscheinungsbild, persönlichem Ausdruck und Ausstrahlung - und außerdem nur einer von vielen Aspekten, die neben den fachlichen Qualitäten die Karriere mitgestalten können. "Sogar in Berufen, in denen Optik wichtig ist, etwa in einem Kosmetikinstitut, muss jeder für sich entscheiden dürfen, inwieweit er oder sie ein attraktives Erscheinungsbild repräsentieren will. Für wie wichtig er oder sie ein spezielles Aussehen für den beruflichen Erfolg hält."

Attraktiv zu sein heißt schließlich, anziehend zu sein. Jemand ist nicht attraktiv, wenn er Masken trägt, sondern wenn er Persönlichkeit hat, die er in einem stimmigen Bild aus Mimik, Gestik, Stimme, Ausdruck der Augen, in Worten und Taten nach außen bringt. Schließlich gibt es genügend Menschen, die zwar nach äußeren Kriterien alles andere als "schön" sind, aber andere anziehen wie ein Magnet. Wer mit guter Figur, aber mieser Laune oder arrogantem Gehabe den Arbeitstag verbringt, wird wenig Sympathiepunkte bekommen. Denn erfolgreich ist letztendlich nur der, der Menschen für sich gewinnen kann.

Redaktion: Susanne Prosser