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Jobwechsel in der Pandemie: Diese 6 Frauen haben es gewagt

Wir haben mit Bildungsberaterin Sandra Kapl über die Risiken und Chancen eines Jobwechsels in der andauernden Coronakrise gesprochen. Und sechs Frauen gefragt, wie sie den Umstieg geschafft haben.

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Es hilft nicht, um den heißen Brei herumzureden: Der Arbeitsmarkt leidet massiv unter der Coronakrise. Laut Beate Sprenger vom Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) "erreichte die Zahl der Jobsuchenden Ende Dezember 2020 mit rund 520.000 Personen den höchsten Wert seit dem Zweiten Weltkrieg, die Arbeitslosenquote für das Jahr 2020 war mit 9,9% die höchste Quote der Nachkriegszeit.". Durch Kurzarbeit habe das AMS die Jobs von rund 400.000 Menschen sichern können, sodass am Höhepunkt der Arbeitsmarktkrise mehr als eine Millionen Menschen in Kurzarbeit waren.

Veränderung statt Schockstarre

sandra kapl
Bildungs- und Berufsberaterin Sandra Kapl

Man könnte also meinen, dass viele Menschen in eine Art Schockstarre verfallen sind. Sprich: Sie harren in ihrem derzeitigen Job aus, um gut über die Krise zu kommen. Doch die Schockstarre ist längst vorbei, so Sandra Kapl im Gespräch mit WOMAN. Die Bildungs- und Berufsberaterin arbeitet schon seit vielen Jahren mit KlientInnen, die eine Karriere starten oder den Berufsweg ändern möchten. Sie hat den Verlauf der Krise folgendermaßen beobachtet: "Ganz zu Beginn, im März 2020, hat sich die ersten zwei bis drei Wochen kaum bis nichts getan. Alle waren in einer Beobachterposition. Bis zum zweiten Lockdown gab es dann bereits die ersten Arbeitslosen aber auch jene Menschen, die begannen, den Sinn ihrer Arbeit und/oder die Zufriedenheit darin zu hinterfragen. Und bis heute – im dritten Lockdown – ist der Bedarf an Berufsberatung enorm angestiegen. Denn die Arbeitsmarktsituation spitzt sich weiter zu."

»Wer seinen Job liebt, steht am Montag gerne auf!«

Die häufigsten Anfragen ihrer KlientInnen im Jahr 2020? Der Wunsch nach beruflicher Veränderung, die Frage nach dem "Sinn" hinter der Erwerbsarbeit, worauf man achten soll, wenn man sich selbstständig machen will, wie man sich am besten weiterbilden kann und wie die nächsten Schritte nach einer Kündigung aussehen können. In den Anfragen von Männern und Frauen beobachtete Kapl unterschiedliche Beweggründe: "Für die Frauen war ein wichtiges Thema, dass sie einen Job finden, mit dem sie Kinder und Haushalt unter einen Hut bringen können. Außerdem gab es einige Frauen über 45, die sich beruflich noch einmal neu orientieren wollten. Bei den Männern ging es eher darum, wie man in eine Führungsposition kommt. Aber es meldeten sich auch Männer über 50, die gekündigt worden waren und fürchteten, nie wieder eine Arbeit zu finden."

Worauf achten beim Jobwechsel in unsicheren Zeiten?

Die Devise der Berufsberaterin: "Wer seinen Job liebt, steht am Montag gerne auf." Und daran rüttelt selbst die aktuelle Lage nicht. Denn: "Ein Job kann nicht immer Spaß machen, aber wenn der Frust überhandnimmt, dann ist das nicht mehr OK. Der Frust beginnt, unser Privatleben zu beeinflussen, er demotiviert uns und er macht uns oft auch krank. Wenn eines dieser Gefühle – oder mehrere parallel – überhand nehmen dann ist der Moment der Veränderung auf jeden Fall gekommen."

Trotzdem solle man sehr methodisch und überlegt an die Sache herangehen, die Stellenausschreibungen genau durchforsten. Und um manche Branchen macht man derzeit, so die Expertin, lieber einen großen Bogen: "Gastronomie, Tourismusbranche, Veranstaltungsmanagement – da muss sich die Lage erst wieder beruhigen." Geeignetere Branchen für seien:

  • Berufe im Gesundheitswesen
  • Soziale Berufe
  • Alle Themen rund um Digital
  • Logistik, Disposition & Transport
  • Personalmanagement
  • Personalverrechnung und Buchhaltung
  • Informatik und technische Berufe

Doch was, wenn man keinen der aufgezählten Berufe gelernt oder studiert hat? Trotzdem nicht das Handtuch werfen, sondern Hilfe holen. "Es gibt 22 Berufsgruppen, ungefähr 1800 Berufe sowie 13 unterschiedlich kombinierbare Ausbildungswege. Ganz schön viel, um sich in diesem Dschungel allein zurechtzufinden.", so Kapl. Eine neue Orientierung ergibt sich häufig auch durch eine Weiterbildung, sagt Beate Sprenger vom AMS. Sie sieht positiv in die Zukunft: "Das AMS hat bereits im Herbst des Vorjahres mit der CORONA-Joboffensive die größte Weiterbildungsoffensive seiner Geschichte gestartet. Damit können Jobsuchende jetzt mit einer Ausbildung, Weiterbildung oder Umschulung beginnen und - wenn die Wirtschaft wieder in Schwung ist - mit sehr guten Jobchancen wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen."

Diese 6 Frauen wagten den Umstieg:

In der Theorie klingt es ganz leicht: Ist man dauerhaft unzufrieden mit dem Arbeitsplatz, kann man auch in dieser prekären, gesellschaftlichen Lage einen Jobwechsel wagen. Doch wie ist es wirklich, mitten in einer Krise diesen großen Schritt zu wagen? Wir haben mit sechs Frauen gesprochen, die 2020 aus verschiedenen Gründen Schluss mit ihrem Job machten.

Jobwechsel Pandemie

Sandra, 44, Personalberaterin:

"Ich habe in einem Start-Up im Bereich der Personalvermittlung gearbeitet. Nach 4 Jahren wollte ich aber einen Wechsel, da mir die Herausforderung gefehlt hat. Ich konnte mich intern nicht mehr weiterentwickeln. Ende Februar 2020 habe ich deshalb gekündigt. Damals war das Virus nur in Wuhan. Doch zwei Wochen später fing bei uns der erste Lockdown an. Eine Situation, die für mich komplett surreal war. Damals habe ich gekündigt, da ich sehr sicher war, dass ich sehr schnell wieder etwas finden werde. Im Lockdown habe ich mich allerdings sehr geärgert, dass ich das getan habe.

Dann habe ich mich bei einer Personalberatung, diesmal aber im Bereich Executive Search beworben. Obwohl ich gekündigt hatte, ohne einen fixen Job in Aussicht zu haben, war ich recht bald schon in der dritten Bewerbungsrunde und voller Zuversicht, dass das zu einer Anstellung führen würde. Das dritte Gespräch hätte am 18.03.2020 stattfinden sollen. Es wurde dann natürlich verschoben und hat erst am 14.09.2020 stattgefunden!

Mittlerweile arbeite ich seit drei Monaten in meinem neuen Job. Aber sich in das Team einzufügen, das ist immer noch sehr schwierig. Ich habe etwa noch nicht mal alle KollegInnen kennengelernt, da einige fast ausschließlich im Home Office sind. Da ich ein eigenes Büro habe, kann ich weiterhin in die Arbeit fahren. Allerdings gibt es kein gemeinsames Mittagessen, keine Kaffeetratsch-Pausen oder Unterhaltungen im Vorbeigehen.

Trotz vier Kindern, die in der Zeit meines Jobwechsels alle mit Distance Learning zuhause stationiert waren (und immer noch sind!), bereue ich die Entscheidung nicht. Dennoch würde ich allen, die jetzt einen ähnlichen Schritt wagen wollen, empfehlen, erst dann zu kündigen, wenn sie eine fixe Zusage haben. Ich fürchte, dass es zurzeit einfach noch schwieriger ist, seinen Traumjob zu finden."

Jobwechsel Pandemie

Jasmin, 31, Marketing-Managerin:

"Ich habe als Marketingleitung in einem IT-Unternehmen gearbeitet. Doch aufgrund der Pandemie ist es zu einem längeren Stillstand bei Projekten gekommen. Stark betroffen davon waren vor allem der Vertrieb und das Marketing. Schlussendlich wurde meine Abteilung dann auch über ein paar Monate in Kurzarbeit geschickt und der regelmäßige Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen dadurch sehr erschwert. Dieser länger andauernde Stillstand, der auch wenig Perspektiven für die kommenden Monate zeigte, hat mich schlussendlich dazu bewogen, Job zu wechseln.

Den endgültigen Entschluss habe ich dann aber erst im September gefasst, da ich in den ersten Monaten der Pandemie sicher war, dass Firmen gerade niemanden im Bereich Marketing anstellen würden. Außerdem erfuhr ich nicht gerade positive Rückmeldungen aus meinem Umfeld. Denn einige meinten, ich solle froh sein, dass ich überhaupt einen Job habe. Andere wiederum waren der Meinung, ich solle trotz allem wechseln, wenn ich so unglücklich sei.

Schließlich wechselte ich als Marketing-Managerin in eine Agentur. Sich dort einzufügen war schon eine spannende Erfahrung, weil ich meine Kolleginnen und Kollegen zum größten Teil online kennenlernte. An den wenigen Arbeitstagen im Büro hielten wir natürlich Abstand, was aber kein Problem war, da ich mich im Laufe der Monate schon daran gewöhnt hatte.

Wer sich heute auf einen Jobwechsel einlassen möchte, sollte meiner Meinung nach unbedingt die Jobchancen am Markt abwägen und offen kommunizieren, warum man Job wechseln möchte. Denn es kann sein, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, etwas an der eigenen Stelle zu ändern. Und: Berufliches Netzwerk und Umfeld nutzen – vielleicht tun sich hier ja neue, sicherere Jobchancen auf."

Jobwechsel Pandemie

Irmie, 56, psychologische Astrologin:

"Da ich schon lange als freie Lifestyle-Journalistin arbeite, war es leider schon länger absehbar, dass man im Lifestyle-Journalismus kaum mehr Existenzchancen hat. Viele Kolleginnen schreiben aus Not teilweise sogar gratis, etwa um Produkte zum Testen oder Referenzen zu bekommen. Für Trend- & Styling-Workshops ist die Nachfrage in Unternehmen, aber auch im privaten Bereich sichtbar gesunken.

Daher habe ich bereits im Herbst 2019 überlegt, welche Berufe zukünftig für mich interessant sein können – inhaltlich und finanziell. Astrologie erfüllt diese Kriterien und so habe ich begonnen, mich diesbezüglich „wieder“ einzuarbeiten. Ich habe 1990 eine fundierte Ausbildung als psychologische Astrologin gemacht und neben persönlichen Beratungen auch eine eigene TV-Sendung gemacht und Horoskope für etliche Magazine geschrieben.

Ich habe dann als selbstständige Astrologin bei Null angefangen. Dabei hat es mir die Pandemie nicht einfach gemacht, denn die meisten KlientInnen bevorzugen eine Präsenz für die Analyse. Zum Glück war mein Online-Workshop zum Thema Astrologie & Rauhnächte ein Erfolg. Und schön langsam werden virtuelle Veranstaltungen alltäglicher und den Interessenten auch die Vorteile wie etwa Zeitersparnis und gesundheitliche Sicherheit bewusster. Ich glaube, dass sich dieser Trend auch in den nächsten Jahren verstärken wird.

In einer Welt, die einem so massiven Wandel und vor allem Wertewandel ausgesetzt ist, kann auf keine fixen Strukturen aufgebaut werden. Deshalb braucht es viel Vertrauen! Es ist wichtig, sich Berufe zu suchen oder aber auch durchaus 'auszudenken', die neuen Tendenzen entsprechen und nicht nach dem „alten“ System ausgerichtet sind. Ich beschäftige mich als Trendexpertin schon seit Jahrzehnten mit gesellschaftlichen Entwicklungen – und es ist schon seit 2018 stark absehbar, dass unser System kollabieren wird. Corona hat aber alles vermutlich um einige Jahre beschleunigt."

Jobwechsel Pandemie

Ingrid, 48, selbstständige Marketing-Expertin:

"Ich bin seit 30 Jahren in der Marketingbranche, davon 10 Jahre Marketingleiterin in internationalen Unternehmen. Jetzt habe ich meine eigene One-Woman-Werbeagentur, spezialisiert auf Marketingberatung und -unterstützung für NeugründerInnen und EinzelunternehmerInnen. Den Plan, mein eigene Unternehmen zu gründen, hatte ich schon mehrere Jahre lang gehegt, aber mich einfach nicht getraut, ihn umzusetzen. Den endgültigen Entschluss habe ich dann zum Jahreswechsel 2019/2020 gefasst, weil ich „falsche“ Entscheidungen der Geschäftsführung satt hatte und wusste, dass ich das besser kann.

Vor der Entscheidung habe ich mich zusätzlich von einem Triumvirat aus Psychoanalyse, Astrologie-Beratung und Job Coaching beraten lassen. Und da mir alle drei unabhängig voneinander zu einer eigenen Firma rieten, ging ich mit Zuversicht an die Sache heran. Natürlich machte mir die Pandemie Angst, aber letztlich wächst aus jeder Krise etwas Neues und Gutes. Mein Motto in jener Zeit: Wenn nicht jetzt, dann nie. Also Augen zu und durch!

Ich war überwältigt über die neuen Möglichkeiten und Chancen, die sich so ergeben haben. Als ob das Universum darauf gewartet hätte, mir endlich helfen zu können. Alte Kontakte haben sich aufgefrischt und es kam Hilfe von Seiten, wo ich es gar nicht erwartet hätte. Plötzlich ging alles so leicht. Ich bin jeden Tag glücklich und habe keine Sekunde bereut, mich auf eigene Beine zu stellen. Allerdings rate ich schon zu einem ordentlichen Business-Plan und Ehrlichkeit zu sich selbst, vor allem im Bezug auf Finanzen."

Jobwechsel Pandemie

Verena, 51, Juristin:

"Ich arbeitete als Inhouse-Juristin in einem privaten Unternehmen. Im Laufe der Pandemie wurde die Situation des Unternehmens unsicherer und es musste mit einem Verkauf gerechnet werden.

Zwischen August und September 2020 habe ich dann den Entschluss gefasst, meine Lage zu ändern. Die unsichere Situation am Arbeitsmarkt hat mich natürlich mit Sorge erfüllt, aber ich hatte im Grunde ja keine Wahl. Und dann hieß es, 2021 werden noch viel mehr Unternehmen insolvent als 2020, wenn die Förderungen wegfallen. Und, dass viele Leute, die sonst wechseln hätten wollen, jetzt erstmal in der Kurzarbeit verharren und schauen, wie es weitergeht. Also dachte ich, ich gehe es lieber jetzt als später an.

Ich bewarb mich mit Initiativbewerbungen bei mehreren Stellen. Und diese Herangehensweise kann ich nur jedem empfehlen! Außerdem bin ich wirklich zu allen Bewerbungsgesprächen gegangen, zu denen ich eingeladen wurde. Dass ich ohne starre Vorstellung an die Sache herangegangen bin, hat sicherlich auch geholfen. Ganz wichtig: Ich habe mir nicht einreden lassen, dass ich zu alt für einen Wechsel bin!

Jetzt arbeite ich im Ministerium und kümmere mich um Ausbildungs- und Rechtsfragen. Anfangs war das wegen des Lockdowns sehr ungewohnt. Nach fast vier Wochen kenne ich erst wenige KollegInnen persönlich, aber zumindest telefonieren wir viel miteinander."

Jobwechsel Pandemie

Andrea, 40, Klinische Psychologin & Gesundheitspsychologin:

"Ich war Mitarbeiterin in einer Jugendberatungsstelle in Tulln. Im Herbst habe ich beschlossen, mich selbständig zu machen und bin im Unternehmensgründungs-Programm vom AMS aufgenommen worden. Am 1.1. habe ich gegründet und bin seitdem als Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin in einer Gemeinschaftspraxis tätig. Die Selbständigkeit war schon länger in meinem Hinterkopf und nachdem die Förderlage für die Jugendberatungsstellen in NÖ damals nicht sehr gut aussah und ich Angst hatte, dass meine Stelle nicht weiter finanziert wird, habe ich gekündigt. Besser, als ständig Angst um die Weiterfinanzierung haben zu müssen."

Die Pandemie hat mich insofern beeinflusst, dass ich gemerkt habe, wie wahnsinnig viel Bedarf nach psychologischer Unterstützung da ist. Studienergebnisse geben diesem Gefühl recht. Es müsste viel mehr präventiv getan werden und psychologische Behandlung muss endlich eine Kassenleistung werden.

Mein neues Team in der Gemeinschaftspraxis ist sehr nett, der Lockdown betrifft allerdings unsere gemeinsame Intervision. Mein erster Kontakt zum gesamten Team hat daher online stattgefunden, das war schon etwas ungewohnt. Ich arbeite allerdings auch viel online, also bin ich es gewohnt, online schnell in Kontakt und Beziehung zu gehen.

Mein Tipp für Frauen, die jetzt vor einer ähnlichen Entscheidung stehen ist es, sich die Für und Wider genau anzusehen. Was will ich wirklich? Was ist mein großes Ziel und wie kann ich es in kleine erreichbare Ziele unterteilen? Ich habe etwa mit meinen Blog angefangen und mich dann über alle möglichen Social-Media-Kanäle vernetzt. Dann erst kam der Entschluss, mich selbstständig zu machen. Sich zu vernetzen, gehört unbedingt dazu!"