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Johanna Basford: Die Frau, die Malbücher sexy macht

Johanna Basford ist Bestseller-Autorin. Dabei schreibt sie keine Romane, sondern entwirft Malbücher für Erwachsene. Gespräch mit der Erfolgs-Zeichnerin.


Johanna Basford: Die Frau, die Malbücher sexy macht

Johanna Basford in ihrer Wohnung, die auch ihr Atelier ist

© Penguin Randomhouse

Umsatteln. Was Neues machen. Ehe wir uns das trauen, braucht es manchmal einen Tritt in den Hintern. Die Geschichte von Johanna Basford zeigt, dass Schicksalsschläge auch Chancen sein können.

Die Schottin war lange Zeit eine der gefragtesten Expertinnen für Siebdruck, entwarf im Auftrag nobler Inneneinrichter oder großer Unternehmen aufwendige Prints und Muster für Stoffe und Tapeten. Doch 2007 kam die Finanzkrise, die Bank Lehman Brothers musste Insolvenz anmelden, nix war da mehr mit Dekadenz wie handgearbeiteten Luxusausstattungen für Büros oder Villen. Johanna Basfords Telefon klingelte nicht mehr, die Aufträge blieben aus.

Was tun? Die Schottin entsorgte die Siebdruck-Gerätschaften und setzte sich an ihren Zeichentisch. "Ich habe gekritzelt, Muster, Figuren. Ich habe das immer schon gemacht, es entspannt mich." 2011 trat ein Verlag an sie heran. Ob sie sich vorstellen könnte, Malbücher zu gestalten. Aber nicht für Kinder, sondern für Erwachsene. Basford sagte zu.

Und legte damit den Grundstein für ein kaum für denkbar gehaltenes Phänomen: Malbücher für Erwachsene wurden auf einmal zu Bestsellern. Basford zeichnet mit ihrem Tuschestift Pflanzen, Tiere und Landschaften – und Banker, Managerinnen oder Hausfrauen weltweit malen die Basford'schen Konturen dann mit Farbe aus. Schon ihr erstes Malbuch, "Secret Garden - Mein verzauberter Garten", verkaufte sich weltweit mehr als 1,5 Millionen Stück, der Nachfolger "Enchanted Forest - Mein Zauberwald" war über Wochen ausverkauft, das dritte, "Lost Ocean" ist kürzlich erschienen. Bislang haben sich die drei Malbücher über 15 Millionen Mal verkauft.

Ein Hype, mit dem Basford nie gerechnet hätte. "Anfangs wollte ich sogar einen Rückzieher machen. Ich dachte, meine Bücher würden ein Flop, weshalb dann meine Mutter die halbe Auflage wegkauft. Dass sie zu Bestsellern werden, das hat mich überwältigt." Wir haben mit der 32-Jährigen über ihren unglaublichen Erfolg gesprochen:

Johanna Basford an ihrem Arbeitstisch: Mit Umrissen zum Erfolg

WOMAN: Wie kam es dazu, dass du ein Malbuch für Erwachsene gezeichnet hast?
Johanna Basford: Ich habe vor ein paar Jahren einige meiner Illustrationen auf meine Website gestellt, damit Leute sie als kostenlose Wallpaper downloaden können. Eine der Frauen, die sich die Zeichnung "Eulen in Bäumen" runtergeladen haben, arbeitete für einen Verlag. Sie hatte dann die Idee, ein Malbuch für Erwachsene auf den Markt zu bringen. Nicht alle Menschen im Verlag waren überzeugt, einige meinten, dass Erwachsene NIEMALS ein Malbuch kaufen würden. Doch am Ende haben sie es riskiert, wir gingen in Druck! Und das tintige Abenteuer begann...

WOMAN: Woran liegt es, dass auf einmal Erwachsene kleine Bildchen ausmalen wollen?
Johanna: Ich glaube, früher haben Erwachsene einfach gewartet, bis ihre Kinder im Bett waren – und dann deren Malbücher vollgekritzelt. Jetzt können sie ihre Neigung endlich offen ausleben... Nein, Spaß beiseite. Das Erfolgsgeheimnis liegt sicher darin, dass man sich beim Ausmalen völlig entspannen kann. Der Stress fällt ab. Wir sind alle so digital und dauernd von Screens umgeben, da wirkt eine analoge Tätigkeit einfach unglaublich entstressend. Dann ist es natürlich eine kreative Tätigkeit, bei der man sich ausleben kann. Und drittens ist da natürlich Nostalgie dabei...

Johanna Basford: "Inspiration? Kann einfach alles sein!"

WOMAN: Was inspiriert dich zu deinen Büchern?
Johanna: Die Frage ist wahnsinnig schwer zu beantworten. Es gibt nämlich nicht DIE EINE Inspiration, sondern ganz viele Augenblicke, die zu Ideen führen. Das können Bilder, Töne, Gedichte, Gespräche und manchmal kann es sogar der Geschmack von Speisen sein. Dazu habe ich viel Fantasie, was ich meinen Eltern zuschreibe. Ich durfte als Kind nämlich überhaupt nicht fernsehen. Statt auf einen Bildschirm zu starren, haben sie mich und meine Geschwister nach draußen geschickt. Wir haben Baumhäuser gebaut, uns Monster vorgestellt, gegen die wir kämpfen oder Burgen, die wir verteidigen. All das hat meine Vorstellungskraft und meine Kreativität verstärkt.

WOMAN: Wie sieht dein üblicher Arbeitstag aus?
Johanna: Meine kleine Tochter Evie wacht um 6.30 Uhr morgens auf. Dann gibt es Porridge und Tee. Wenn sie ab 8 Uhr im Kindergarten ist, schnapp' ich mir meinen Laptop und beginne zu arbeiten. Alle Mails und den ganzen digitalen Kram erledige ich als erstes. Dann gehe ich in mein Studio. Dort reicht unser Wlan-Signal nicht hin, ich kann also ungestört zeichnen, ohne dass ich ständig meine Mails checke. Ich mag den Gedanken: kaum bin ich die Stufen nrauf und setze mich an meinen Schreibtisch, kann mich das Internet nicht einholen!

WOMAN: Du zeichnest ja auch lieber mit der Hand, als deine Skizzen digital anzufertigen...
Johanna: Viele meiner Kollegen fertigen ihre Illustrationen bereits am Computer an. Aber ich mag das nicht ganz Perfekte viel lieber. Einen kleinen Wackler in einer Linien, einen nicht ganz geraden Strich. Ich habe das Gefühl, dass dies meinen Zeichnungen mehr Seele gibt, als eine exakt gezogene Vector-Grafik.

WOMAN: Dein letztes Buch "Lost Ocean", so habe ich gehört, ist deinen Eltern gewidmet...
Johanna: Meine Eltern arbeiten beide als Meeresbiologen, meine Schwester und ich haben als Kinder viel Zeit auf Forschungsschiffen oder vor wissenschaftlichen Aquarien verbracht. Wir konnten abends keine Meeresfrüchte essen, ohne dass irgendjemand sofort einen Vortrag gehalten hätte! Das Buch ist aber auch ein wenig für meinen Mann. Als ich ihn kennenlernte, arbeitete er als Fischer auf einem Trawler. Manchmal war er wochenlang unterwegs, um Makrelen und Heringen zu jagen. Ich saß in den Morgenstunden zeichnend vor dem Radio und habe die Wetterprognosen gelauscht und mich gefragt, wo auf dem Meer er jetzt gerade ist. Machen wir es kurz: Das Buch war einfach eine logische Folge meines Lebens ...

WOMAN: Du bist wahnsinnig aktiv auf Social Media-Kanälen, obwohl du das Internet gar nicht so magst. Warum?
Johanna: Social Media kennt keine Grenzen - und es ist für mich eine wahnsinnig tolle Möglichkeit, mit den Leuten, die meine Bücher mögen, zu interagieren. Sie posten mir ihre ausgemalten Bilder, sie beschreiben, welche Stifte sie benutzen, oder was meine Bücher für sie bedeuten. Irgendwann war mein Facebook-Account so voll, dass ich eine virtuelle Fan-Galerie unter JohannaBasford.com eingerichtet habe. Vom Investement-Banker, der zwischen zwei Terminen kurz durchatmet, über die Mutter, die auf diese Weise abends eine Stunde für sich findet oder dem Krebs-Patienten, der sich so in den Phasen zwischen der Bestrahlung beschäftigt... all diese Geschichten sind herzerwärmend und bestärken mich.

WOMAN: Letzte Frage: Wenn du selbst eine deiner Illus ausmalst – kritzelst du da auch manchmal über die Linien?
Johanna: Ich bin eine Katastrophe! Ich male ständig drüber und ziehe dann die Außenlinie dick mit Schwarz nach, damit es nicht auffällt! Aber ehrlich: ich finde, dass das Ausmalen nichts mit Perfektion zu tun haben sollte. Es geht darum, Spaß zu haben und zu entspannen. Und um nichts mehr...

Thema: Internet-Hype

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