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Sind Sie lebensmüde, Herr Hader?

Ist Suizid ein guter Stoff für eine Komödie? Wenn Josef Hader mitspielt, dann schon. "Arthur & Claire" zeigt ihn als einsamen Zyniker, dessen Weltbild sich wendet, als er einer jungen Frau begegnet. Der Kabarett-Star im Gespräch über Abgründe.

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Josef Hader

JOSEF HADER, 55, KABARETTIST UND AUTOR

© Getty Images

Ein Erfolgsgarant ist der Kabarettist Josef Hader auch als Filmschauspieler. Ob bei den Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis oder in "Die wilde Maus": Das Regiedebüt des kauzigen Künstlers lockte im Vorjahr 280.000 Zuschauer in die Kinos. Hader selbst meint, sein schauspielerisches Kerngebiet sei eher klein: "Das sind so gebrochene Typen, die das Herz nicht auf der Zunge tragen, kaum Dialog haben und viel schauen."

In "Arthur & Claire"(ab 16.2.) gibt er einen Mann in einer Extremsituation: Weil bei Arthur Krebs diagnostiziert wurde, begibt er sich in eine Amsterdamer Sterbeklinik. Als er Claire begegnet, einer jungen Frau, die sich ebenfalls umbringen will, erwacht sein Lebensmut. Die beiden durchleben eine bunte Nacht.

Das nächste Jahr will sich der Autor Hader wieder dem Kabarett widmen und ein neues Programm schreiben. Mit WOMAN sprach er über die Sinnsuche, seinen Narzissmus, vom Glück, verletzlich zu sein, und seine Lust, über den Tod Witze zu machen:

WOMAN: Herr Hader, wir treffen einander in einem Wiener Café. Stimmt es, dass Sie in Kaffeehäusern schreiben?
HADER: Ja, ich konzipiere gern meine Texte im Kaffeehaus. Für mich ist das eine Konzentrationshilfe, weil ich zu Hause zu viele Dinge mache, um nicht schreiben zu müssen. Unangenehme Dinge wie Aufräumen, Abwaschen oder Klavier spielen. Sachen, auf die ich nie käme, außer wenn ich schreiben sollte. Und ich schreibe gern auf Papier. Auf einem Computer kann man keine Pfeile und Kreise zeichnen oder etwas durchstreichen. Vielleicht kann man das, aber ich kann es nicht.

WOMAN: In "Arthur & Claire" spielen Sie einen Mann, der Krebs hat und sein Leben beenden möchte. Krebs kommt oft in Ihren Filmen vor!
HADER: Ja, der spielt oft bei mir mit! Ich fand die Figur anfangs nicht so aufregend, aber die Geschichte ist spannend: dass ein alter Mann, der sterben muss, eine junge Frau trifft, die nicht sterben muss, aber sterben will. Arthur empfindet es als Hohn, dass jemand, der so gesund ist wie Claire, sich umbringen will, und setzt alles daran, dass sie es nicht tut.

WOMAN: Glauben Sie, dass Empathie einen Menschen in der Krise wieder aufrichten kann?
HADER: Nein, der Film zeigt nur, dass wir bis zum Schluss einen Sinn im Leben suchen. Selbst wenn das Leben nur noch eine Nacht dauert, ergreifen wir die Gelegenheit, einen Sinn zu finden. Menschen sind so angelegt. Ohne Sinn wird es schwierig für uns. Dann weiß man nicht, warum man aufstehen soll...

WOMAN: Wissen Sie immer, warum?
HADER: Ich stehe ungern auf, bastle mir aber einen Sinn zusammen, der mich halbwegs am Leben hält.

WOMAN: Sind Sie lebensmüde?
HADER: Nein, niemals! Das ist interessant! Bei einem bestimmten Level von Unglück neige ich dazu, mir selbst zuzuschauen, als wäre ich eine Figur in einem Film. Dann muss ich ein bisschen lächeln und falle dadurch nicht in so ein tiefes Loch.

WOMAN: Was meinen Sie mit Unglück?
HADER: Das kann ein ganz narzisstisches Unglück sein, weil man eine schlechte Kritik bekommen hat, oder auch eine wirkliche Tragödie. Das ist egal, im Moment ist man unglücklich.

WOMAN: Sind Sie für Kritik so anfällig?
HADER: Ich bin für alles anfällig, was mich infrage stellt. Privat wie beruflich. Ich habe keine dicke Haut. Wenn man die nicht hat, ist man verletzlicher. Gleichzeitig will man Verletzungen vermeiden und ist vorsichtiger, umsichtiger und fleißiger. Die dünne Haut hat mir auch manchmal geholfen.

WOMAN: Inwiefern?
HADER: Weil man im Vorfeld Verletzungen vermeiden möchte oder den einen oder anderen Blödsinn nicht macht. Die dicke Haut ist ein Vorteil, die dünne aber auch.

WOMAN: Sie bezeichnen sich in Interviews oft als narzisstisch. Ist das ein Markenzeichen?
HADER: Eine gesunde Portion davon habe ich schon, aber für einen Künstler nicht krankhaft. Für einen normalen Menschen wäre es schon zu viel. Irgendeinen kleinen Hau muss man schon haben, sonst würde man nicht vor lauter fremden Menschen auf die Bühne gehen. Ohne Narzissmus wäre das seltsam. Am Anfang kann man es nicht erwarten, Applaus zu bekommen.

WOMAN: Und was ist Ihr Hau?
HADER: Genau weiß ich das nicht, außer, dass ich es offenbar spannend finde, von Menschen, die ich nicht kenne, gelobt zu werden. Es gibt viele Leute mit der gesunden Ansicht, dass ihnen die Meinung von Menschen, die sie nicht kennen, völlig wurscht ist.

WOMAN: Jetzt treten Sie schon so lange auf, da kann Ihnen die Meinung des Publikums doch egal sein.
HADER: Das denkt man sich, aber das ist nicht so. Jemand, der eine dünne Haut hat, bekommt keine dicke. Und wenn er eine bekommt, ist das schlecht! Ein Zeichen, dass einen nichts mehr interessiert.

WOMAN: Wie steht es um Ihre Selbstkritik?
HADER: Ich denke, dass die ganz ausgeprägt ist. Ich höre auch auf ein paar Leute, denen ich vertraue und die mir Feedback geben.

WOMAN: Wenn Sie durch Wien spazieren oder im Kaffeehaus schreiben, werden Sie dann oft angesprochen?
HADER: Das ist bei mir in einem angenehmen Bereich. Ich werde selten angesprochen. Vielfach erkennen mich Leute und freuen sich, mich zu sehen. Ich bin kein Fernsehstar, der belästigt wird. Als TV-Star kommt man ins Wohnzimmer der Leute, das mache ich selten. Als Kinoschauspieler wird man mehr respektiert.

WOMAN: Sie sind eine Kultfigur geworden, kürzlich ist ein Buch über Sie erschienen!
HADER: Das habe ich nicht initiiert. Ich wollte es aber nicht verhindern, weil ich dachte, dann kommt der Nächste. Mein Beitrag war ein mehrstündiges Gespräch und mich nicht einzumischen. Der Hintergedanke war: Wenn es ein Buch gibt, dann ist Ruhe!

WOMAN: Noch einmal zum häufigen Todesthema in Ihren Filmen: Sind Sie selber hypochondrisch veranlagt und setzen Sie sich viel mit dem Tod auseinander?
HADER: Nein, ich bin gesund hypochondrisch, das heißt, wenn mir etwas weh tut, gehe ich zum Arzt. Aber ich mache gern Witze über abgründige Themen. Ich selber habe weder viel Angst vor dem Tod, noch denke ich dauernd an ihn. Ich mache nur gern Witze über ihn.

WOMAN: Das ist auch Ihr Beruf?
HADER: Ja, wahrscheinlich! Wenn man den Beruf beschreibt, unabhängig von allen Genres, dann ist das jemand, der gern Witze über Krankheit und Tod macht. Das könnte ich auf meine Visitenkarte schreiben.

Josef Hader
Bei Arthur und Claire hat das Leben Wunden hinterlassen, Selbstmord scheint der einzige Ausweg zu sein. Zuerst streiten sie, dann freunden sie sich an. Hannah Hoekstra ist in Holland ein Shootingstar, Josef Hader spielt wieder den Wiener Grantscherben.


Thema: Kino & TV