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Der Tag ist da, Baby ...

Nach ihrem YouTube-Hit musste die Poetry-Slammerin Julia Engelmann den plötzlichen Ruhm erst mal verarbeiten. Zum Erscheinen ihres Buches "Eines Tages, Baby" am 19. Mai fasst sie für WOMAN ihre Gefühle in Worte.

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Der Tag ist da, Baby ...
© VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE GMBH

Fünf Millionen Menschen sahen das Video ihres Slams "Eines Tages, Baby" Anfang des Jahres. Nun erscheint unter diesem Titel ein Buch mit 15 berührenden Texten der 22-jährigen Bremerin. Wir haben das Interview dazu und eine Leseprobe.

WOMAN: Dein Buch heißt "Eines Tages, Baby" – nach dem Slam, von dem sich fünf Millionen Menschen angesprochen fühlten. Darin ging es um die Routine, in die man verfällt, über die man versäumt, richtig zu leben. Was hat deiner Meinung nach dazu geführt? Der Erfolg deines Slams zeigt ja, dass die Sehnsucht nach "echtem" Leben da ist.

Engelmann: Was dazu geführt hat, dass es so viele Menschen gesehen haben? Ein bisschen Zufall und ein bisschen Zeitgeist vielleicht.

WOMAN: Du hast mit deinem Text Menschen dazu aufgeforert, ihre Träume in die Tat umzusetzen. Hast du das selbst auch getan?

Engelmann: Ja, zum Beispiel Gitarre spielen wollte ich unbedingt immer können, seit ich mit 13 "Freaky Friday" gesehen hatte – mit Lindsay Lohan, wo sie so Gitarre spielt und singt. Und dann hab ich mir eine Gitarre zum Geburtstag gewünscht und angefangen, mir das selber beizubringen.

WOMAN: Hattest du auch Reaktionen von Menschen, die dir erzählt haben, dass sie daraufhin etwas gewagt haben?

Engelmann: Ja, sogar eine ganze Menge. Mir haben viele geschrieben und das ist sehr schön. Ich freu mich, dass die das mit mir teilen.

WOMAN: Wenn man so nachdenkt ... was ist es eigentlich, was das Leben schön macht? Welche kleinen Momente sollte man zum Beispiel festhalten und ausbauen?

Engelmann: Immer die Momente mit Menschen, die man gern hat.

WOMAN: Wieso ist die Poetry-Slam-Bewegung deiner Meinung nach so stark geworden? So lange Texte in einer Zeit, in der die Menschen nur mehr über knappe Messages miteinander kommunizieren?

Engelmann: Ach naja, ich mein, es ist ja nicht so, dass Leute nicht trotzdem miteinander reden. Ich glaube nicht, dass es beim Poetry Slam um die Länge der Texte geht, sondern eher darum, das es so abwechslungsreich ist und unmittelbar.

WOMAN: Aus deinen Texten hört man auch, dass du kein Freund von Facebook & Co bist. Trotzdem hast du über Internet Millionen erreicht und berührt. Ist das ein innerer Zwispalt für dich? Siehst du einen Weg, vernünftig mit diesen Medien umzugehen?

Engelmann: Ich empfinde es schon als Herausforderung, das Internet immer so viel verfügbar zu haben. Solange man sich dessen bewusst ist und versucht, eine gesunde Balance zu finden zwischen echtem und virtuellem Leben, ist alles okay, denk ich.

WOMAN: Du beschreibst auch, wie sehr heute Wert darauf gelegt wird, "dazuzugehören", dass der Äußere Schein mehr wert ist als das, was man tatsächlich ist. Bringt das nicht viele Menschen in einen Zugzwang, bei dem sie sich als Versager fühlen?

Engelmann: Weiß ich nicht genau, das ist ja auch was, worüber ich viel nachdenke. Ich glaub halt, dass sich viele Menschen selber in einen gefühlten Zugzwang bringen, der eigentlich gar nicht notwendig wäre. Ja, ich glaube schon, dass man selber die Wahl hat, sich nicht als Versager fühlen zu müssen.

WOMAN: Siehst du dich da auch als Außenseiterin? War das in der Pubertät oder als Teenager eine Belastung für dich? Und wie hast du es bekämpft?

Engelmann: Je mehr ich drüber nachdenke, desto schwerer finde es es, das zu definieren: Wer ist die Gruppe und wer ist ein Außenseiter? Weil es immer eine Frage der Perspektive ist. Von daher ist ja quasi jeder Mensch im Bezug auf verschiedene Gruppen mal Zugehöriger und mal Außenseiter, das passiert ja zwangsläufig.

WOMAN: Du beschreibst in dem Text "Erwachsenwerden" diese Angst, wenn man plötzlich Verantwortung für sein Leben übernehmen muss. Wo es doch noch gerade so nett war, sich als Kid zu langweilen, youzutuben, facebooken, vitage looken … Heute bist du 22. Wie ist deine Sicht auf die Dinge?

Engelmann: (lacht) Es macht mir keine Angst mehr, ich nehme mich gerne der Herausforderung an – und trotzdem glaube ich, dass man in gewisser Weise nie aufhört, sich noch irgendwie jung zu fühlen und nicht erwachsen.

WOMAN: Eine Textzeile in deinem Buch lautet: "Ich hab ein Gehirn mit Synapsen, die sich stündlich verknüpfen." Ist es manchmal auch ein Fluch, wenn man die Dinge für sich so auf den Punkt bringt und dann auch noch in Verse packt? Möchte man da nicht manchmal "Ruhe im Kopf"?

Engelmann: Das sind zwei verschiedene Sachen für mich. Also, ein gut funktionierendes, ein aktives Gehirn zu haben, empfinde ich als puren Segen, als Genuss und sehr schön. Aber klar, jeder kennt das doch, dass man manchmal über Sachen nachdenkt, über die man eigentlich grade nicht nachdenken will.

WOMAN: Du hast bereits mit 16 Abitur gemacht. Ist ein hoher IQ auch eine Belastung? Manchmal hört man aus deinen Texten heraus, dass du dich anders fühlst als andere und damit nicht immer unbedingt glücklich bist.

Engelmann: Ich war halt immer zwei, drei Jahre jünger als meine Mitschüler. Das war schon manchmal speziell. Aber der IQ ist ja nur ein Zahlenwert, um das Konstrukt Intelligenz messbar zu machen. Ich finde, dass man vorsichtig damit umgehen muss, dem zu viel Bedeutung beizumessen. Sich anders zu fühlen kann, aber muss ja nicht unbedingt was damit zu tun haben.

WOMAN: Es gibt doch auch diese Weisheit, dass Männer mit sehr intelligenten oder intellektuellen Frauen manchmal Probleme haben …

Engelmann: Es gibt doch auch die Weisheit, dass man Bier nicht auf Wein trinken soll.

WOMAN: Liebe und Beziehungen haben in deinen Texten oft diesen entsagenden Zugang. Dass es irgendwie nicht funktioniert und dass man sich damit tröstet, dass man "auch gut alleine sein" kann. Ist das typisch für eine Zeit, in der die Menschen immer mehr zu Egomanen werden? Oder ein unsicherer Versuch, für sich und die anderen cool zu wirken?

Engelmann: Unabhängig von unserer Zeit und von Beziehungen ist ja quasi jeder Mensch in seinem Kopf alleine und mit seinen Gedanken, was ja auch notwendig ist, um Gemeinschaft bedeutsam zu machen. Und deswegen denk ich, es ist eher typisch für den Menschen an sich, sich damit auseinander zu setzen.

WOMAN: Besonders berührend ist dein Text "Für meine Eltern" (siehe Leseprobe unten). Noch selten hat man so übergroße Liebe, Vertrauen und Dankbarkeit eines Kinds an seine Eltern niedergeschrieben gelesen. Wie bist du aufgewachsen?

Engelmann: Meine Familie ist unglaublich wichtig für mich. Ich bin sehr schön aufgewachsen, meine Eltern gehören zu meinen besten Freunden, meine Mama schreibt auch Bücher und ich hab mit ihr viel gesprochen. Wir sind viel umgezogen früher und dadurch ist für mich einfach klargeworden, dass da, wo meine Eltern sind, Zuhause ist.

WOMAN: Du hast nach deinem großen YouTube-Erfolg keine Interviews gegeben, du musstest das alles erst verarbeiten. Wie ging es dir in dieser Zeit?

Engelmann: Na, überwältigt, ich war auf jeden Fall überwältigt. Und auch gespannt, was passiert und neugierig. Aber es war, glaub ich, ganz gut, erst mal in mich zu gehen.

WOMAN: Im Februar warst du als "Vorprogramm" mit Tim Bendzko auf Tour. Wie hast du das empfunden? Das Publikum war doch sicher anders als bei Slams. Hast du etwas davon mitgenommen?

Engelmann: Ja, ich bin sehr dankbar für die Tour, das war eine schöne Zeit für mich. Ich hab vor allem mitgenommen, wie viel Freude es macht, wenn Livemusik Menschen zusammenbringt.

WOMAN: Wie war es eigentlich für dich, mit deinem intelektuellem Zugang zu den Dingen zwei Jahre lang in der Soap "Alles was zählt zu spielen"? Lustig oder auch mühsam?

Engelmann: Das war spannend für mich, ich wollte das ja machen. Ich wollte schon immer unbedingt wissen, wie Fernsehen gemacht wird und es war toll, das zu erfahren.

WOMAN: Heute studierst du Psychologie. Fühlst du dich angekommen?

Engelmann: Hmm … ich fühl mich immer mal wieder angekommen … und immer mal wieder nicht … im Schnitt also vielleicht meinem Alter entsprechend.

WOMAN: Drei Dinge, die du unbedingt noch machen willst?

Engelmann: Käptn Peng (Anm.: Berliner Hip Hopper) live sehen, Musik schreiben, einen Marathon laufen.

Hier ein Auszug aus dem Text "Für meine Eltern" als Leseprobe:

FÜR MEINE ELTERN

Ich will euch zwei Sachen sagen.

Erstens:

Ich als vollmündiger, volljähriger Bürger dieses Landes und freier Mensch räume mein Zimmer erst genau dann auf, wenn mir bock- und impulsmäßig danach ist.

Zweitens:

Ihr seid mein Ursprung, mein Vertrauen, meine Insel und mein Schatz, mein Mund formt euer Lachen, mein Herz schlägt euren Takt.

Ich bin 9 Jahre alt, für mich ist selbstverständlich: Ihr seid immer da, und Zeit ist unendlich.
Ihr seid da, wenn ich aufstehe, seid da, wenn ich schlafen gehe.
Ihr baut mir ein Bett, ihr deckt mich zu, und dann stellt ihr euch an die Tür, und dann schlaf ich, weil ich weiß:
Ihr beschützt mich, ihr seid hier.
Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn ich euch mal verlier, weil – ich gehör zu euch, und ihr gehört zu mir.
Ich singe die euch entsprungenen Lieder, und was ihr macht, mach ich auch.
Falls ich mich verliere, ihr findet mich wieder, und wenn ihr lacht, lach ich auch.
Ihr gebt mir Wurzeln in die eine und Flügel in die andere Hand und einen Kuss auf meine Stirn,
sagt mir, ich bin nicht alleine, dann legt ihr zwischen uns ein Band. Sodass wir uns nie verlieren, sagt ihr, und dass ich gehen kann, wenn ich will.
Und dann irgendwann geh ich raus, aber hier draußen ist es still so ohne euch.

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