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"Gedanken bewirken Wunder"

2013 wurde ihr Auftritt im Hörsaal von Bielefeld zum YouTube-Hit. Drei Jahre & zwei Bücher nach "One Day, Baby" geht Poetry-Slammerin Julia Engelmann auf Tournee.

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"Gedanken bewirken Wunder"
© Marta Urbanelis

Bei ihren Auftritten ist Julia Engelmann, 23, en famille: Ihre Mutter, Glückspsychologin und Julias Managerin, betreut die Publikumsfragerunde, der Vater kümmert sich als Tourmanager ums Merchandising. "Sie sind mit meinem Bruder und meinen Großeltern die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Wir sind alle Optimisten und stecken uns damit gegenseitig immer wieder an", freut sich die Poetry-Slammerin über das enge Verhältnis. Trotzdem ist die "Stimme" einer Generation, die aus ihren vielen Möglichkeiten wenig macht, erwachsener geworden. Ihr zweiter Gedichtband "Wir können alles sein, Baby" beschäftigt sich mit Beziehungen, auf der Bühne steht eine elegante junge Frau, die auch zur Gitarre greift und singt – mit schöner, klarer Stimme. "Mehr Musik zu machen, ist schon lange mein Traum", sagt Engelmann, wenn sie das Gedichteschreiben dadurch auch nie ersetzen würde. "Ich hab gelernt, dass es sich lohnt, wenn ich ergebnisoffen an meine Zukunft rangehe, und dass ich die positive Überraschung immer auf meiner Seite habe." Wir baten zum Gedankenaustausch.

WOMAN: Ihr zweites Buch heißt "Wir können alles sein, Baby" – was sind Sie heute, das Sie vor zwei Jahren noch nicht waren?

Engelmann: Glücklich, dass ich auf meiner ersten, eigenen, ausverkauften Tour sein kann, das hätte ich mich so nie erträumt. Ich bin außerdem kurzhaariger, mittlerweile Instagrammerin und hab mir letzten Sommer den Traum erfüllt, nach Hawaii zu reisen.

WOMAN: Sie schreiben in der Einleitung von zwei Leben, ein echtes und eines in der Fantasie. "Ich lass alles raus, das befreit mich so sehr. Doch das alles ist nicht echt, daher will ich das nicht mehr." Wie geht das mit dem Wesen einer Poetry-Slammerin zusammen?

Engelmann: Für mich passt das sehr gut mit dem Wesen einer Poetin und mit mir zusammen. Ich habe diesen ständigen Wunsch, das Leben aus meinem Kopf, aus meiner Fantasie auf die Wirklichkeit übertragen zu wollen, das ist auch einer meiner größten Treibstoffe fürs Schreiben.

WOMAN: Im Gedicht "@ROMEO W/<3" wird das Liebespaar zwar vom iPhone statt von der Nachtigall geweckt, doch die moderne Julia ist nicht weniger romantisch als die bei Shakespeare. Ist trotz Tinder oder Schlussmachen per SMS der Wunsch nach ewiger Liebe über die Jahrhunderte gleich geblieben?

Engelmann: Ich denke, dass uns Menschen Epochen- und Altersunabhängig die gleichen Wünsche, Bedürfnisse und Fragen verbinden. Warum sonst ist die Literatur voll davon und Shakespeare immer noch so beliebt? Ewige Liebe ist darin ein zentrales Element und vereint die Wünsche nach Zugehörigkeit, Unsterblichkeit und nach etwas wortwörtlich Wundervollem. Moderne Kommunikation kann tricky sein, aber eine SMS ist vielleicht nur die notwendige Weiterentwicklung einer Brieftaube.

WOMAN: Bei den Beziehungsgedichten fällt auf, dass Sie sich einerseits nach jemandem sehnen, der ein "Zuhause" gibt, der "immer für mich da" ist – andererseits dem anderen versichern, er "müsse sich nicht um Sie kümmern". Wäre es nicht schön, wenn man einfach zugeben dürfte, dass man "klammern" will?

Engelmann: Jeder sollte seine Gefühle frei äußern und "zugeben" können, aus meiner Sicht gibt es da nichts, was verheimlicht werden sollte, grade, weil wir alle die gleichen Sehnsüchte teilen. In dem Gedicht verlangt Julia von Romeo, dass er ihr Halt, Treue und Zuspruch verspricht – da würde ich eher von der Suche nach Halt sprechen würde. Die aufrichtigen Bedürfnisse nach Geborgenheit und gleichzeitig nach eigener Unabhängigkeit gehören für mich zusammen und schließen aus meiner Sicht eine gesunde Beziehung auf Augenhöhe nicht aus - vielleicht sind sie sogar notwendige Bedingungen.

WOMAN: Sie haben ein sehr enges Verhältnis mit Ihren Eltern, die Sie auch auf Tournee begleiten. Ihr Vater betreut das Merchandising und Ihre Mutter betreut im Saal die Fragerunde mit dem Publikum (ist das so richtig formuliert). Hat diese Geborgenheit dazu geführt, dass Sie letztendlich immer wieder so positiv denken?

Engelmann: Meine Eltern sind mit meinem Bruder und meinen Großeltern die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Wir sind alle Optimisten und stecken uns damit gegenseitig immer wieder an. Meine Mutter ist Glückspsychologin und auch meine Managerin, mein Vater ist mein Tourmanager. Ohne die beiden wäre ich nicht die, die ich bin, und auch nicht da, wo ich bin. Am Schönsten ist, dass wir diese besonderen Erfahrungen teilen.

WOMAN: Hat es ein potentieller Partner bei so großen Vorgaben von harmonischem Miteinander vielleicht schwer, diese zu erfüllen?

Engelmann: Also für mich ist ein harmonisches Miteinander etwas sehr Schönes und immer inspirierend...

WOMAN: Jedenfalls werden Ihre Liebeskummergedichte viele trösten, weil sie so herrlich aus dem Leben gegriffen sind – und trotz allem Schmerz am Schluss immer ein "heilendes Pflaster" aufkleben. Wollen Sie anderen Mut machen?

Engelmann: Ja, absolut. Ich bin sehr happyend-affin. Ich glaube an das Gute und daran, dass immer alles gut wird, weil alles gut ist. Ich bin selber andauernd auf der Suche nach meinem eigenen Mut und einer motivierenden Weltanschauung – und immer wenn ich zu neuen Erkenntnissen oder Ideen gelange, dann möchte ich sie festhalten und mit anderen teilen, denen das vielleicht hilft.

WOMAN: Herzlich lachen kann man über die Selbstironie, mit der Sie Ihren – zeitweisen – Messie. Haushalt beschreiben, in dem "nur Ihre Sprache protzt und schillert". Gibt es Momente, in denen Sie lieber weniger "kopflastig" wären und mehr praktisch veranlagt?

Engelmann: Ich bin durchaus gerne ordentlich auch praktisch veranlagt, ich habe zum Beispiel die Bühnendeko-Sterne selber gebastelt. Aber ja, manchmal frage ich mich schon, wie sich wohl jemand fühlt, der nicht andauernd alles in Frage stellt. Aber dann frage ich mich, ob es so jemanden überhaupt gibt und ob das eine Relevanz für mich hätte. Und letztlich will ich mich so kopflastig annehmen, wie ich bin, und daraus eine Stärke machen, denn Gedanken können nicht nur Zweifel, sondern auch Wunder bewirken.

WOMAN: Dazu "alles sein zu können" gehört bei Ihnen auch – in Gedichtform – eine Bestandaufnahme, was man alles nicht kann. Wäre das ein guter Rat auch an andere, seine eigentlichen Möglichkeiten besser zu erkennen?

Engelmann: Ich glaube nicht unbedingt ans "Tipps-geben", aber ich kann unverbindlich sagen, dass es sich für mich immer lohnt, genauer hinzugucken, was ich alles Gutes habe. Im Grunde hilft mir jede Form der Introspektive, meine Möglichkeiten besser zu kennen – das muss keine Bestandsaufnahme sein. Wenn ich meine Gedanken aufschreibe, dann werden sie wahrhaftiger, dann komme ich nicht an mir vorbei, dann erkenne und verstehe ich mich selbst besser. Das kann ich durchaus empfehlen.

WOMAN: Unter den Dingen, die Sie nicht können, führen Sie "Singen wie Florence". Bei Ihrer neuen Tournee singen sie aber und Ihre Stimme beschreiben Kritiker als klar und schön. Könnten Sie sich vorstellen, immer mehr in Richtung Sängerin zu gehen? Wäre das ein Lebensziel?

Engelmann: Ich singe super gerne, ja. Mehr Musik zu machen ist schon lange mein Traum. Gedichte schreiben würde ich dadurch aber nie ersetzten wollen, weil es für mich die unmittelbarste Form vom Gedanken zur Bühne ist. Ich hab aus der Vergangenheit gelernt, dass es sich lohnt, wenn ich ergebnissoffen an meine Zukunft rangehe und dass ich die positive Überraschung immer auf meiner Seite habe :-)

WOMAN: Bei Ihren Auftritten fällt auch optisch ein neuer Stil, eine gewisse Eleganz auf. Wo im Sommer noch ein Mädchen war, ist eine junge Frau. Eine Veränderung, der Sie sich bewusst sind?

Engelmann: Ja. Die Veränderung hat aus meiner Sicht schon lange vorher begonnen, meine Erscheinung bekommt immer ein zeitversetztes Update. Und jetzt sind mein Inneres und Äußeres im Einklang miteinander und ich bin gespannt, wohin ich mich als nächstes entwickele.

WOMAN: Dass die Zeit vergeht, die Dinge sich ändern und alles ein Ende hat, das wird in Ihren Texten immer wieder thematisiert. Machen Ihnen diese Veränderungen Angst? Und wie kann man die bekämpfen?

Engelmann: Veränderungen sind das einzige, was ständig passiert, die kann man nicht bekämpfen, man sollte es auch nicht wollen. Ich mag Veränderungen und Neuanfänge. Die sind für mich wie inneres Silvester. Ich liebe diese Energie und diesen Aktionismus, den sie freisetzen können. Das ist meine Strategie: sie immer als Chance zu begreifen.

WOMAN: Als Sie bekannt wurden, standen Sie symbolisch für eine Jugend, die viele Möglichkeiten hat, aber wenig daraus macht. Glauben Sie, dass sich das durch die Ereignisse – Krieg und Flüchtlingsstrom – des letzten Jahres verändert hat? Dass viele sich durch das Leid anderer ihrer Chancen mehr bewusst sind?

Engelmann: Das ist natürlich ein komplexes Ding. Es ist unbegreiflich für mich, wie unsicher alles ist und zu was für Finsteren Dingen Menschen in der Lage sind. Trotzdem oder vielleicht grade dann ist es aus meiner Sicht notwendig, bei sich zu bleiben und gut auf sich zu achten. Für mich sind Dankbarkeit und Proaktivität mit die besten Wege, das eigene Leben und die Möglichkeiten konstruktiv zu betrachten – und das auch unabhängig von den äußeren Umständen.

Mit Texten, die Mut machen sollen, kommt Engelmann nach Österreich: 16.2. Wien, Stadtsaal; 17.2. Wien, SimmCity; 19.4. Lustenau, Reichshofsaal; 20.4. Linz, Posthof; 21.4. Graz, Congress.