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#jedegeburtzaehlt - Warum sich keine Frau für einen Kaiserschnitt schämen oder schuldig fühlen sollte

Geburtshaus oder Kreißsaal? Kaiserschnitt oder Spontangeburt? PDA, Saugglocke, Dammschnitt? Ganz egal! Die Kampagne #jedegeburtzaehlt möchte Müttern vor und nach der Geburt Mut machen. Es gibt kein Richtig oder Falsch, es ist dein Weg, die Geburt deines Kindes und für uns ist jede Mama eine Heldin – egal wie ihr Kind das Licht der Welt erblickt.

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#jedegeburtzaehlt - Warum sich keine Frau für einen Kaiserschnitt schämen oder schuldig fühlen sollte
© Photo by Patricia Prudente on Unsplash

Viele Mütter fühlen sich schlecht für die Art, wie sie ihr Kind zur Welt gebracht haben. Sie haben das Gefühl, keine "richtige" Geburt erlebt zu haben – und werden sogar offen dafür diskriminiert oder ausgegrenzt. Die Rede ist von einem Geburt via Kaiserschnitt.

70 Prozent der Mütter, deren Kind ungeplant per Kaiserschnitt geholt werden musste, hatten schon einmal das Gefühl keine "richtige" Geburt erlebt zu haben. Selbst bei den Müttern, die den Kaiserschnitt von vorneherein gewollt und geplant hatten, geben 43 Prozent aller Mütter dasselbe Statement ab. 55 Prozent der Mütter, bei denen die Geburt nicht lief, wie geplant und bei denen eine Saugglocke oder ein Notkaiserschnitt zum Einsatz kamen, haben das Gefühl, unter der Geburt versagt zu haben.

Diese Zahlen sind Ergebnisse einer Umfrage, zu der das Unternehmen Joolz im Jahr 2019 aufgerufen hat. 923 Frauen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden hatten sich an der anonymen Umfrage beteiligt.

#jedegeburtzaehlt: Kampagne gegen Vorurteile zur Geburt

Die Umfrage ist in enger Zusammenarbeit mit der Hebamme und inzwischen dreifachen Mutter Franziska Luck entstanden. Die Ergebnisse überraschen sie leider nicht: "Wenn es um das Thema Geburt geht, leben wir in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft: Eine spontane Geburt gilt bei uns als 'natürlich' und somit 'richtig', der Kaiserschnitt als 'falsch'. Viel zu viele Frauen müssen sich dafür rechtfertigen, wo und wie sie ihr Kind bekommen haben oder bekommen möchten – selbst vor engsten Freunden und der eigenen Familie."

Beim Thema Geburt wollen alle mitreden – selbst Fremde

Auch die Ergebnisse der Umfrage bestätigen: Schwangere Frauen müssen sich immer wieder für ihre Entscheidungen rund um die Geburtspläne erklären. 98 Prozent der Umfrage-Teilnehmerinnen wurden während ihrer Schwangerschaft gefragt, wo und wie sie ihr Kind bekommen möchten. 77 Prozent von ihnen gaben an, dass sie regelmäßig von sehr vielen Menschen in ihrem Umfeld oder sogar von ihnen völlig fremden Personen zu diesem Thema befragt wurden. Unabhängig von ihren Geburtsplänen gaben 69 Prozent an, dass ihnen diese Fragen meistens oder gelegentlich unangenehm waren. Jede dritte Teilnehmerin hat im Zusammenhang mit Fragen nach der Geburt oder den Plänen zu der Geburt Grenzüberschreitungen erlebt.

»Einer Frau die Schuld an einem ungeplanten Ereignis unter der Geburt zu geben, ist aus meiner Sicht grob fahrlässig«

Kaiserschnitt-Mütter müssen sich oft rechtfertigen

51 Prozent der Mütter, die einen Kaiserschnitt geplant hatten, mussten ihre Entscheidung vor ihrer Familie oder ihren FreundInnen verteidigen. Und sogar 31 Prozent der Mütter, bei denen es ungeplant zum Kaiserschnitt kam, mussten sich für diesen Ablauf ihrer Geburt rechtfertigen. Ein Ergebnis, das der Hamburger Frauenarzt Kai Bühling alarmierend empfindet: "Eine Geburt anhand ihres medizinischen Ablaufes zu bewerten, ist für mich als Arzt schon unverständlich. Aber einer Frau die Schuld an einem ungeplanten Ereignis unter der Geburt zu geben, ist aus meiner Sicht grob fahrlässig. Ein Kind zu bekommen ist Extremsituation genug. Keine junge Mutter sollte zusätzlich mit ungerechtfertigten Schuldgefühlen belastet werden. Eine Geburt ist eine Geburt. Und jede Geburt ist ein Wunder. Ganz einfach."

"Die 'selbstbestimmte Geburt' zählt nur, solange es um eine vaginale Geburt geht."

Auch der Zusammenhalt unter den Müttern selbst ist diesbezüglich gering: 45 Prozent der Mütter, die einen geplanten Kaiserschnitt hatten, fühlten sich deshalb schon einmal ausgegrenzt von anderen Müttern. Bei den Müttern mit ungeplantem Kaiserschnitt sind es 42 Prozent.

55 Prozent der Mütter, die ihren Kaiserschnitt geplant hatten, geben an, dass es Menschen in ihrem Umfeld gab, die sie von ihren Plänen abbringen wollten. 49 Prozent geben an, schon einmal für ihre Entscheidung diskriminiert worden zu sein. Besonders erschreckend: 20 Prozent gaben an, dass selbst ihr Arzt, ihre Ärztin oder ihre Hebamme sie für diese Entscheidung diskriminiert haben. Für Hebamme Franziska Luck sind auch diese Zahlen keine Überraschung. Sie selbst hat ihre Kinder per geplantem Kaiserschnitt zur Welt gebracht und musste sich daraufhin sehr negativen Reaktionen stellen: "Ich wurde regelrecht angefeindet. Am meisten aber hat mich schockiert, dass mir meine Kompetenz als Hebamme abgesprochen wurde – im privaten und auch beruflichen Umfeld. Leider zählt die ‚selbstbestimmte Geburt‘ wohl nur, solange es um eine vaginale Geburt geht."

Auch Schmerzmittel werden negativ bewertet

Nicht nur der Kaiserschnitt, auch das Thema Schmerzmittel steht in der Diskussion: 25 Prozent der Mütter, die ihr Kind spontan geboren haben und sich dabei für Schmerzmittel (zum Beispiel eine PDA) entschieden haben, fühlten sich schon einmal schlecht aufgrund der Entscheidung. 21 Prozent geben an, dass andere Menschen in ihrem Umfeld die Entscheidung für Schmerzmittel negativ kommentiert haben. Und 29 Prozent geben sogar an, dass es Menschen in ihrem Umfeld gab, die ihnen die Schmerzmittel unter der Geburt ausreden wollten.

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