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Kann man Herzschmerz tatsächlich mit Scherben bekämpfen?

Hoch die Tassen! Und an die Wand damit! In speziellen Workshops darf nach Lust und Laune Porzellan kaputt gemacht werden. Warum? Soll glücklich machen! Wie das funktioniert und wie sich's anfühlt, hat WOMAN-Redakteurin Angelika Strobl getestet. Ready, steady, go!

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Happy Shards

HERZSCHMERZ ADE. Gefühle, Träume und Wünsche können vorher auf die Teller geschrieben werden. Soll beim Verarbeiten helfen.

© Woman/ Wolfgang Wolak

Zehn weiße Porzellanteller, fünf rote Untertassen, drei Prosecco-Flöten, fünf Weingläser. Das ist meine Munition für heute Vormittag. Ich soll die Teile mit vollem Karacho an die Wand ballern. Und mich nachher superhappy fühlen. So steht's zumindest auf der Website von happyshards.at geschrieben.

Happy Shards? Ja, genau. Glückliche Scherben. Weil - eh schon wissen - Scherben bringen Glück. Genau das nahmen Raffael Tannheimer und seine Geschäftspartnerin Kerstin Ehrengruber sehr wörtlich, als sie Anfang dieses Jahres in einem kleinen Kellerlokal in Wien-Meidling ihre Workshops erstmals für Menschen mit Herzschmerz (und/oder sonstigen emotionalen Baustellen) angeboten haben.

"Es ist einfach ein unglaublich befreiendes Gefühl, wenn du einen Teller mit voller Wucht an die Wand schmetterst. Am besten, du schreibst vorher noch ein Thema, das dich beschäftigt, aufs Geschirr - und los geht's", schwärmt Tannheimer, 36, während er mir Schutzbrille und Handschuhe überreicht. "Und für den Notfall haben wir auch Pflaster auf Lager", schmunzelt er und Ehrengruber nickt mir aufmunternd zu. Ähm, Notfall? Hilfe! Für einen kurzen Augenblick sehe ich mich schon mit aufgeschlitzten Wangen verzweifelt meine Chefin anrufen. Aber okay, nach ein paar tiefen Atemzügen kann ich mich wieder auf meine Mission konzentrieren. Also: Fokus auf Liebeskummer, Herzscheiße, Drama und alles, was sich da so an Emo-Müll angesammelt hat in den letzten 36 Jahren. Ich male ein Herz auf den Porzellanteller, Raffael schickt ein Kommando an Alexa, seine sprachgesteuerte Jukebox: "Alexa, spiel uns "The Final Countdown". Lautstärke 7."

HER MIT DEN FEELINGS. Das dudelnde Synthesizer-Intro tut ein bisschen weh in den Ohren, und nach einem kurzen nostalgischen 80ies-Moment (Hach, diese Vokuhilas!) schnappe ich mir einen Teller und schleudere ihn mit zusammengepressten Lippen Richtung Eisenwand. Nimm das, du blöde Waaaaaaand!

Happy Shards
ECHT JETZT? Gründer Raffael Tannheimer erklärt Angelika Strobl, welche Packages (r.) bei Happy Shards gebucht werden können.


Leider knapp daneben. Okay, nicht einmal knapp, eigentlich habe ich nur den Plakatständer erwischt, der neben der drei Meter langen Mauer steht. Ähm, ja. Noch ein Versuch! Noch immer daneben. "Versuch den Teller mal so wie ein Frisbee zu werfen", flüstert mir Tannheimer zu. Beim dritten Anlauf endlich - KAWUSCHHHHHHH - der Teller zerspringt. Weiter mit den Untertassen. Ich steigere das Tempo. Jepp, das fühlt sich nicht falsch an. Zack, zack zack! Noch mehr Scherben! Jetzt kommen die Gläser dran. Klirr! Erste Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn, die Schutzbrille sitzt vor lauter Baller-Action schon etwas schief, und ja, ich fühle mich so richtig stolz beim Anblick des Scherbenmeeres vor mir. Läuft! "Du gehst dabei über deine Grenzen. Im echten Leben kannst du nicht so einfach einen Teller an die Wand schmeißen", erzählt Tannheimer später bei einem Kaffee. Wie kam er überhaupt auf diese crazy Idee?

Happy Shards
SCHERBENMEER. Die Teller, Gläser und Tassen beziehen die Happy-Shards-Macher von Flohmärkten und Wohnungsauflösungen.


Die Inititalzündung zu Happy Shards passierte beim Schauen der Serie "Pretty Little Liars"."Eine Mutter schmettert in einem Rage-Room mit ihrer Tochter Teller und Tassen an die Wand, um Liebeskummer zu bekämpfen. Ich wusste sofort: Das ist unser Ding!", erinnert er sich.

Sogenannte Wuträume gibt es schon seit zehn Jahren, 2008 eröffnete in Dallas der erste, inzwischen gibt es auch welche in Japan, Kanada, Deutschland, Singapur oder Serbien. Der gemeinsame Nenner? Mit Baseballschläger ausgestattet, dürfen die Kundinnen und Kunden alles im Raum zerstören. "Wir haben uns aber ganz bewusst für ein sanfteres Konzept entschieden. Ein Baseballschläger wäre uns zu brutal."

Seit Jänner waren es schon über 100 Menschen, die ihre Wünsche, Träume und (Herz-)Schmerzen über ein paar Scherben ins Universum katapultieren durften. Und was passiert eigentlich mit den Scherben? "Die schicken wir an Kunstschulen. Dort entstehen dann kreative Dinge wie zum Beispiel Schmuck." Und diesen kann man auch gleich vor Ort bei Happy Shards erstehen. Irgendwie praktisch, denn sollte das mit der versprochenen Endorphin-Dusche nicht gleich auf Knopfdruck einsetzen, kann man sich zumindest schon mal mit neuen Ohrringen glücklich machen. Und das funktioniert - gerade bei Herzschmerzen - garantiert immer!

Happy Shards
FLIEGENDE UNTERTASSE. WOMAN-Redakteurin Strobl hat mehrere Anläufe gebraucht, um etwas kaputt zu machen.

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