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Karl Merkatz und Christine Ostermayer im WOMAN-Talk über Verluste, Viagra & Co.

In ihrem neuen Film "Anfang 80" zeigen die beiden Schauspieler, dass es für ganz große Gefühle keine (Alters-) Grenze gibt. WOMAN bat die Mimen zu einem Gespräch über Verliebtsein, Viagra und Verluste.


Karl Merkatz und Christine Ostermayer im WOMAN-Talk über Verluste, Viagra & Co.
© Stadtkino

Allein der Plot sorgt für Aufregung: der 80-jährige Bruno – gespielt von Karl Merkatz – verlässt seine Frau nach 55 Jahren Ehe, weil er sich in eine andere verliebt hat. Doch die Geliebte Rosa – verkörpert von Christine Ostermayer – ist kein „junger Hüpfer“, sondern ebenfalls reife 80. Und es kommt noch besser: Bruno entscheidet sich für Rosa, obwohl diese auf Grund einer Krebserkrankung nur noch ein halbes Jahr zu leben hat. „Ich wollte diese Figur unbedingt verkörpern, weil ich fest daran glaube, dass es so eine besondere Liebe nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im echten Leben gibt“, sagt Ostermayer, die in „Anfang 80“ mit Karl Merkatz sogar eine Bettszene drehen musste. Was ihr nicht ganz leicht fiel – Merkatz schon eher. Für ihn war vor allem die Situation des Ehepaars ein Grund, im Film mitzuwirken: „Sie haben sich einfach nichts mehr zu sagen und passieren tut auch icht mehr viel…“. Ein Problem, das heutzutage viele Ehen haben…

WOMAN: Herr Merkatz, wie vermeidet man es, dass nach über 50 Ehejahren Routine und Alltag die Oberhand gewinnen?

Merkatz: Das passiert nur, wenn man sich gegenseitig nichts mehr zu sagen hat und die Liebe ruhiger geworden ist. Man achtet sich zwar, aber man lebt nebeneinander her. Da muss man aufpassen, dass man das vermeidet. Ich kenne genug Paare, die sich damit abfinden, dass ihre Ehe langweilig geworden ist. – die nur mehr miteinander dahinleben, nur weil sie einmal zusammen waren und sich geliebt haben. Auf die Art: Warum soll ich mir jetzt noch die Mühe machen und jemand anderes suchen? Aber es geht auch anders. Ich kenne auch Paare, die ganz hoch sind in ihrer Verbindung zueinander.

WOMAN: Also ist es in Ordnung,auf Kosten des Partners einen Seitensprung zu haben, nur um sich selbst wieder "mehr zu spüren"?

Merkatz: Man entflieht de Alltag ja nicht mit Absicht. Das hat auch gar nichts mit Untreue zu tun. Das sind Momente, die einen so tief treffen, dass man nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist – man kann da einfach nicht mehr aus. Solchen Momenten muss man einfach folgen. Natürlich gibt es Menschen, die auch mit Absicht betrügen. Aber es ist nicht immer so, das wollten wir auch im Film zeigen. Die Liebe, die zwischen den beiden ist so groß, dass sie nicht anders können. Was toll ist: Im Film bringt Erni Mangold als meine Ehefrau ja sogar Verständnis dafür auf, dass so etwas passiert.

Ostermayer: Die meisten Frauen reagieren auf so eine Situation so emotional und verletzt, dass es der Beziehung nicht hilft.

Merkatz: Das gefällt mir irrsinnig gut. Weil es zeigt: ,Auch die beiden haben sich geliebt’. Sie nimmt es hin, dass er eine andere Frau kennengelernt hat – das zeugt von Respekt. Daran könnten sich viele ein Beispiel nehmen.

WOMAN: Im Film gehen Bruno und Rosa natürlich auch miteinander ins Bett. Sex im Alter ist ein Tabuthema obwohl es irgendwann einmal jeden betrifft.

Ostermayer: Ich verstehe gar nicht, wieso die Leute ausschließen, dass alte Menschen Sex haben? Eigentlich ist das so selbstverständlich, dass man das gar nicht thematisieren müsste. Aber man braucht offensichtlich diese Bestätigung. Sex ist das Selbstverständlichste auf der Welt, auch bei alten Menschen.

Merkatz: Wenn sich zwei Menschen lieben, ist Sex ja die logische Konsequenz. Im Film wollten wir das nicht auffällig machen, weil es nicht das Wichtigste war. Im Film soll die Liebe symbolisiert werden. Das zwei sich angeschaut haben und das war’s – und nicht, dass sie zusammen sind, weil sie zuerst miteinander ins Bett gegangen sind. Aber die Überwältigung der Zuneigung ist dann natürlich irgendwann so groß, dass man Sex hat. Aber wie gesagt, das ist der natürliche Vorgang der Dinge und ganz normal.

Ostermayer: Außerdem wird Kiloweise Viagra verkauft! Na für wen denn bitte? Damit die 18 Jährigen das schlucken? Sicher nicht (lacht). Der Wunsch nach Sex ist bis ins hohe Alter da. Und das ist auch gut so.

Merkatz: Der Trieb ist uns einfach gegeben, der Mensch ist ja dafür geboren worden, dass er sich fortpflanzt. Und das Gefühl ist so intensiv, dass man es nicht beherrschen kann.

WOMAN: War es für Sie schwierig, die Sex-Szene zu drehen?

Ostermayer: Ich habe da große Schwierigkeiten, mit der heute oft so inflationär gewordenen Zur-Schau-Stellung von Sexualität. Im Film fielen mir die Szenen auch nicht leicht, doch Karl Merkatz war mir bei der Umsetzung ein großer Schutz..

Merkatz: Wir haben es aber nicht bis zum Exzess ausgespielt, wie es bei anderen Filmen oft der Fall ist. Und ich finde, das ist wichtig. Ich mag mir die Filme alle nicht mehr anschauen. Jeder österreichische Liebesfilm beginnt mit einer Sex-Szene, damit man danach auch ja noch genug Stoff hat, den man weitererzählen kann. Es läuft überall gleich ab.

WOMAN: Das jemand eine 55-jährige Beziehung aufgibt, um zu einer Frau zu gehen, die nach einem halben Jahr ab dem Zeitpunkt des Kennenlernens sterben wird – ist das realistisch?

Merkatz: Ja, wenn sich so eine starke Zuneigung zeigt, dass die Krankheit sekundär wird. Allerdings ist das Liebe, wie man sie heutzutage leider fast nicht mehr kennt.

Ostermayer: Die Liebe schaltet den Intellekt aus. Bequeme Leute würden so eine Entscheidung nicht treffen. Die bleiben lieber in ihrem „sicheren Hafen“. Dabei sollte man doch auf sein Herz hören. Aber ich glaube daran, dass es so eine besondere Liebe auch im wirklichen Leben gibt.

Merkatz: Ich möchte noch die Rolle von Ethik und Moral ansprechen. Bei mir wurden bereits in der Schule Grundlagen gesetzt. Wir wurden über die Verhältnisse zwischen Mann und Frau aufgeklärt. Was Liebe bedeutet und was alles dazugehört. Wir haben Dinge zu hören bekommen, die uns auf dieser Ebene gebildet haben. Und das habe wir weitergeführt. Alle meine Freunde von damals sind lange verheiratet. Heutzutage fehlt einfach die richtige Grundlage.

WOMAN: Verändert sich das Verliebtsein im Alter?

Ostermayer: Nein, man ist dann genauso glücklich und kindisch (grinst)

WOMAN: Leben ältere Menschen Romantik anders aus als junge?

Ostermayer: Ja, das ist sicher eine Generationenfrage. Und es hängt auch davon ab, wie man großgeworden ist. Auch in 30 Jahren wird der Romantikbegriff ein anderer sein, als er es heute ist.

WOMAN: Rosa sagt im Film oft, dass sie sich „unsichtbar“ und „vergessen“ fühlt als alter Mensch. Ist es Ihnen auch schon einmal so gegangen?

Ostermayer: Nein, wir bewegen uns ja öffentlich ganz anders. Aber ich denke, dass es vielen Menschen so geht. Besonders Frauen ziehen sich im Alter sehr zurück und vergessen, dass sie ja auch Menschen mit Bedürfnissen sind. Alte Menschen fphlen sich sicher auch oft unterdrückt und nicht ernstgenommen. Viele ältere Frauen denken auch gar nicht mehr an Sexualität und fragen sich: „Wen soll ich in dem Alter noch finden“? Diese Frauen geben sich selbst auf.

Merkatz: Es liegt sicher auch daran, dass Sex früher ein Tabuthema war. Ich kann mich noch erinnern, als meine Tante schwanger war. Die Erwachsenen haben mich wirklich rausgeschickt, als sie darüber gesprochen haben. Obwohl ich schon längst wusste, was los war. Ich war ja wiff (lacht) . Sex wurde überhaupt nicht besprochen. Aber heutzutage ist die Gesellschaft schon wieder übersexualisiert – vielleicht auch ein Phänomen, das nicht gut ist.

WOMAN: Der Film endet tragisch. Wie weit darf man für Liebe gehen?

Ostermayer: Das ist schwierig zu sagen, das kann man nicht verallgemeinern. Ich finde, dass sogar Sterbehilfe legitim ist. Und ich hoffe, dass die Gesellschaft irgendwann soweit ist, den Wunsch eines kranken Menschen zu respektieren.

Merkatz: Ich lehne das ab. Wir werden unfreiwillig ins Leben geboren und scheiden auch unfreiwillig aus diesem Leben. Wir können nichts dafür, dass wir leben und dann vielleicht krank werden und sterben.

Ostermayer: Aber es kommt doch auf die Situation an. Lehnst du es auch ab, dass jemandem geholfen wird, dass zumindest der Schmerz erträglicher wird?

Merkatz: Ja. Ich kann nicht beurteilen, wie schlimm die Schmerzen mancher Menschen sind. Aber ich finde, dass man den Weg, den man angefangen hat auch beenden muss – egal, was einem widerfährt. Selbst die Schranke setzen möchte ich nicht. Denn im Grunde gehört der Schmerz dazu.

Interview: Sandra Jungmann