Ressort
Du befindest dich hier:

Sie hört nichts - und tanzt wie eine Weltmeisterin

Kassandra Wedel ist eine der besten Hip-Hop-Tänzerinnen Europas. Dabei hört sie die Musik nicht. Sie spürt sie. Im WOMAN-Talk verrät sie, welches Geräusch sie gerne wahrnehmen würde.

von

Kassandra Wedel - gehörlose Hip-Hip-Tänzerin

Auch im Leben von Kassandra gibt es oft Lärm!

© via instagram.com/kasscalldance

Schon im Alter von 3 Jahren begann Kassandra Wedel zu tanzen - und konnte seither nicht damit aufhören. Selbst der Autounfall, durch den sie ihr Gehör verloren hatte, konnte sie nicht davon abbringen. Heute ist Kassandra Weltmeisterin in Hip Hop und ist Tanzlehrerin in München. Für viele ist es nicht nachvollziehbar, wie man als Gehörlose seinen Körper zu Musik bewegen kann. Doch Kassandra hat ihre eigenen Techniken. WOMAN sprach mit der wunderschönen Tänzerin und Schauspielerin über ein Leben, das alles andere als still ist.

WOMAN: Kassandra, ich habe in einem Interview gelesen, dass du im Alter von 4 Jahren dein Gehör verloren hast. Wie ist das passiert?
Kassandra Wedel: Durch einen Autounfall, ich habe ein Trauma und höre deshalb nichts.

WOMAN: Trotzdem bist du Tänzerin geworden. Zum Tanzen gehört auch Musik. Wie ist es möglich zu tanzen, wenn man nicht hören kann?
Kassandra: Wenn ein Sinn wegfällt sind andere verstärkt und gleichen diesen in einem gewissen Grad aus. Ich fühle den Bass und habe dadurch den Rhythmus der Musik um mich darauf bewegen zu können.

WOMAN: Macht es für dich einen Unterschied mit oder ohne Musik zu tanzen?
Kassandra: Ja absolut.. ohne Musik tanze ich nach meinem Gefühl oder nach meiner inneren Musik. Aus den Boxen folge ich der vorgegebenen Musik, und nicht der Musik und dem Rhythmus aus dem Herzen. Das ist der Unterschied. Ich kann auch einfach tanzen und die Bewegungen ergeben Musik in meinem Kopf, also anders herum. Meine Bewegungen sind dann sozusagen Musik für mich.

»Ohne Hörgerät kann ich mir selbst und meinem Gefühl vertrauen, wenn ich die Musik klar spüren kann.«

WOMAN: Du hast auch mal ein Hörgerät getragen, es dann aber abgelegt. Warum eigentlich?
Kassandra: Hmmm... Dafür gibt es mehrere Gründe aber hauptsächlich weil ich gemerkt habe, dass ich damit nicht wirklich höre, sondern nur verzerrte Geräusche wahrnehme, wie wenn man eine Brille mit zu dicken Gläsern auf hat und man die Welt nur noch verschwommen wahrnimmt. Mir wurde bewusst, dass ich alles was ich verstehe von den Lippen der Menschen ablese. Ohne das Mundbild in meinem Blick habe ich nichts verstanden. Außerdem transportierten die Hörgeräte die Musik nicht richtig, ich konnte nicht gut dazu tanzen. Diese Faktoren haben mich verunsichert und mich irgendwie gestresst. Es entstand ein Druck die Musik hören zu müssen. Ohne Hörgerät kann ich mir selbst und meinem Gefühl vertrauen, wenn ich die Musik klar spüren kann. Seitdem tanze ich rein nach meinem Gespür.

WOMAN: Wann hast du gemerkt, dass tanzen deine Leidenschaft ist?
Kassandra: Das war schon immer so, das habe ich nicht gemerkt... Als ich 3 Jahre alt war habe ich angefangen und konnte nie wieder damit aufhören.

WOMAN: Du bist Weltmeisterin im Hip Hop. Was ist das Besondere an diesem Tanzstil?
Kassandra: Weil Hip Hop so frei ist und man alle möglichen Moves kreativ erfinden kann. Das liebe ich daran. Er spiegelt die Gesellschaft wieder und so entwickelt sich der Tanz immer weiter und bleibt nicht stehen. Hip Hop kommt von der Straße und ist kein akademischer Tanz mit einem festen Rahmen. Das ist das Schöne daran!

WOMAN: In München unterrichtest du auch an einer Tanzschule. Wie sieht der Unterricht aus? Erzähle ein bisschen davon!
Kassandra: Meine Tanzkurse dort sind meist gemischt, das heißt hörende und gehörlose/schwerhörige Tanzschüler tanzen dort zusammen. Der Unterricht ist in Gebärden und Lautsprache - manchmal nur in Gebärden je nachdem wie es mit den Tanzschülern vereinbart wird.

WOMAN: Du bist nicht nur Tänzerin und Choreographin, sondern auch Schauspielerin. Gibt es eine Verbindung zwischen Schauspiel und Tanz?
Kassandra: Ja absolut! Denn auch Tanz ist manchmal Schauspiel und Emotionen. Außerdem sind beide Ausdrucksformen etwas, das eine Bühne braucht und über Körpersprache transportiert wird.

WOMAN: Wie lange bist du schon Schauspielerin?
Kassandra: Neben dem Tanzen spiele ich seit der Grundschule auch Theater und für mich hat es irgendwie immer zusammen gehört. Ein Schauspieler sollte sich bewegen, seinen Körper beherrschen und die Mimik nutzen können. Der Körper wird zum Werkzeug - egal, ob man tanzt oder spielt.

WOMAN: In welchen Situationen ist es schwierig und hart, nicht hören zu können? Wann schränkt es dich ein?
Kassandra: In der Schule zu sitzen und nichts zu verstehen, weil nicht gebärdet wird, ist schrecklich und reine Zeitverschwendung. Stell dir mal vor du gehst jeden Tag in die Schule und verstehst weniger als die Hälfte? Sehr sinnvoll, oder?
Mühsam ist es auch, wenn Musik läuft, die man nicht fühlen kann und auf die man tanzen soll. Oder, wenn Filme laufen und keine Untertitel vorhanden sind, die man einstellen kann. Im TV sind 10% der Sendungen mit Untertitel... die Gehörlosen Community fordert jetzt 100%, wie es in einigen anderen Ländern schon lange der Fall ist.

WOMAN: Kannst du auch Gespräch mit Menschen führen, die keine Gebärdensprache beherrschen?
Kassandra: Ja ich bin bilingual, meine Muttersprache ist sprechen und Lippenlesen meine zweite Sprache ist Gebärden. Aber Lippenlesen klappt nicht immer, es gibt Menschen die verstehe ich gar nicht, mit denen muss ich dann schreiben!

WOMAN: Viele Menschen sind der Meinung, die Welt ist lauter geworden. Wie ist das für dich?
Kassandra: Sicher ist sie das, man muss sich nur umsehen... ich sehe viel visuellen Lärm. Dazu muss man sich nur auf den Weg in die Stadt machen, all die Ohrstöpsel in den Ohren, die Autos, die Menschen, die Ampeln, die Lichter, die Postings im Internet.

»Stille bedeutet für mich nicht unbedingt, die Abwesenheit von Klängen und Geräuschen - eher ist es die Abwesenheit von Gedanken.«

WOMAN: Was bedeutet für dich Stille?
Kassandra: Bei mir zu sein und ich glaube fast, dass ist für jeden Menschen so - ganz unabhängig von seinem Hörstatus. Wenn ein Mensch bei sich ist - also nicht denkt, sondern einfach nur ist… Wie man "Stille" empfindet, ist dann wieder unterschiedlich. Die einen entspannen, die anderen machen etwas. Stille bedeutet für mich nicht unbedingt, die Abwesenheit von Klängen und Geräuschen - eher ist es die Abwesenheit von Gedanken. Denn auch Gedanken können wie Lärm sein, oder? Ich denke Stille ist einfach ein Gefühl...

WOMAN: Wenn du träumst, gibt es da manchmal Geräusche? Stimmen und Klänge?
Kassandra: Gute Frage, das kann ich gerade nicht beantworten, das müsste ich mal in meinem Traum beobachten. Eine gute Idee... Wie ist es denn bei euch? Hört ihr Geräusche und Stimmen in euren Träumen?

WOMAN: Ja! Denke ich zumindest... bin mir aber auch gerade nicht sicher!
Kassandra: ;)

WOMAN: Schreibst du eigentlich Tagebuch?
Kassandra: Ab und zu, wenn mir danach ist, mittlerweile hab ich ein Online-Tagebuch für unterwegs auf dem Handy. ;)

WOMAN: Wie sieht es aus, wenn sich Gehörlose streiten?
Kassandra: Verschieden... manche haben dann plötzlich ihre Stimme dabei, andere nicht. Jedenfalls kann man auch das erkennen, wenn ihre Mimik sich verzieht, die Gestik, Gebärden und Atmung sich intensivieren und beschleunigen. Gebärdensprache unterscheidet sich also nicht großartig von anderen Sprachen - außer, dass sie eben visuell ist. Deutsche sind beispielsweise sehr steif, sie nutzen ihre Hände beim Sprechen kaum. Südländer hingegen gestikulieren viel mehr, da muss man sich nur seine Nachbarn in Italien ansehen. Das ist für uns Gehörlose super... mit denen kann man auch kommunizieren, wenn man kein Italienisch kann.

WOMAN: Zum Abschluss: Was würdest du gerne einmal hören, wenn du könntest?
Kassandra: Die Natur, einen Liebesakt *lach*, schöne Musik, meine Stimme, den Regen... ich mag Regen.
Und am liebsten alles Schöne.. auf den Rest kann ich verzichten.

Thema: Report