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Katrin Bauerfeind: Diese Frau ist Viagra für ihr Herz!

Liebe hält in etwa gleich lang wie Dosenravioli. Gefühle kann man "schimpfen". Wer verliebt ist, benimmt sich wie auf Drogen. Das lehrt uns Katrin Bauerfeind. Die deutsche Künstlerin hat dazu sogar eine Bühnenshow kreiert. Und tourt damit auch durch Österreich.

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Katrin Bauerfeind: Diese Frau ist Viagra für ihr Herz!
© Getty Images

Für alle, die Angst haben, es könnte kitschig werden, nur weil es um Liebe geht, hat Katrin Bauerfeind, 36, gleich ein selbst erfundenes Sprichwort parat: "Man kann sich leichter am Hintern kratzen als am Herzen!" Das steht groß auf der Rückseite ihres Buches "Alles kann, Liebe muss" (S. Fischer Verlag, € 15,50) und wird genauso cool auf ihrer Tour "Liebe: Die Tour zum Gefühl" angekündigt. Denn auch wenn es um Amore geht, gibt es da viel zu lachen. Ihr Schmäh hat die Autorin und Moderatorin immerhin so bekannt gemacht. Sie war sozusagen die erste Influencerin im deutschsprachigen Raum. 2005 startete die 36-Jährige ihre Karriere nämlich mit der täglichen Internet-TV-Sendung "Ehrensenf". Danach ging es erfolgreich weiter: TV-Shows, Bücher, Schauspiel-Jobs. Jetzt hat sie sich des schönsten Gefühls der Welt angenommen: "Da draußen ist gerade relativ viel Hass. Die bewerben jetzt sogar Turnschuhe mit 'There will be haters', und dem müssen wir was entgegensetzen." Also, starten wir! Diese Frau hat nämlich ziemlich viel zu sagen:

»Die Lebenslänglich-Kiste ist, was die Gesellschaft uns als erstrebenswert verkaufen möchte.«

WOMAN: Was haben Sie im letzten Jahr über Beziehungen gelernt?
BAUERFEIND: Eine Ehe hält im Schnitt 14 Jahre, unverheiratete Partnerschaften zwischen zwei und sieben Jahren. Das heißt die Liebe hat mittlerweile eine durchschnittliche Haltbarkeit von Dosenravioli. Sechs Prozent der Leute sagen laut Erhebungen nie "Ich liebe dich". Laut Wissenschaftern reicht es, sich dreimal am Tag 90 Sekunden mit dem Partner zu beschäftigen, um eine Beziehung stabil zu halten.

Wie sind Sie, wenn Sie verliebt sind?
BAUERFEIND:
Verliebtheit hat ja denselben Effekt wie Drogen zu nehmen. Ich bin da keine Ausnahme. Man dreht eine Zeit lang durch. Ich find 's toll, aber auch anstrengend.

In einem Interview haben Sie erzählt, dass es immer wieder Momente gibt, in denen Sie sich und anderen beweisen müssten, dass Sie etwas können. Zum Beispiel haben Sie ein Technik- Studium durchgezogen, obwohl Sie immer mies in Mathe waren. Wie zeigt sich das noch?
BAUERFEIND:
Ich will mir einfach ungern sagen lassen, was ich kann oder nicht. Das war schon immer so. Mit 18 wollte ich in meinem Zimmer statt Teppich Laminat. Ich hab meinen Cousin, der Schreiner ist, gebeten, mir zu helfen. Der hatte aber keinen Bock. Ich sagte: "Dann mach ich das selbst." Er sagte: "Das kannst du doch eh nicht." Fünf Stunden später lag ein astrein verlegter Laminatboden in meinem Zimmer. Wenn jemand sagt, dass ich etwas nicht kann, bin ich gewillt, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Ich glaube, der Mensch kann fast alles lernen, wenn er Bock hat. Der Laminat liegt bis heute.

Wessen Anerkennung ist Ihnen besonders wichtig?
BAUERFEIND:
Die ist natürlich immer am schönsten von den Menschen, die einem etwas bedeuten. Ich komme aus Schwaben. Das ist ein Landstrich, in dem das Motto gilt: Nicht geschimpft, ist genug gelobt. Bei uns hieß es früher oft: "Rauch net wieder, komm net so spät, trink net so viel!" Auch das ist Liebe, aber eben geschimpft. Man muss im Laufe der Jahre lernen, das zu decodieren, dann geht 's.

Sie schreiben sehr persönlich von Ihrem Vater, der gestorben ist, während Sie am Buch gearbeitet haben. Wie hat Sie das verändert?
BAUERFEIND:
Ich erzähle die Geschichte, weil mein Vater sehr überraschend gestorben ist und wir keine Zeit mehr hatten, uns wirklich zu verabschieden. Ich will den Lesern sagen, dass man seine Emotionen besser heute los wird, besser jetzt als später. Weil keiner weiß, wie lange es bis später noch ist. Aus allen 26 Kapiteln ist dieses wahrscheinlich das persönlichste.

Wie viel Mut hat es Sie gekostet, so offen damit umzugehen?
BAUERFEIND:
Jeder weiß, wie es ist, einen Menschen zu verlieren. Zumindest kann sich jeder vorstellen, dass das schmerzhaft ist. Ich glaube, dass wir das alle sehr ähnlich empfinden und dieser Schmerz, genauso wie viele andere Emotionen, eine große Gemeinsamkeit ist. Mir geht es darum, eine Verbindung zu den Leuten herzustellen, weniger um meine persönliche Geschichte.

Ihre Oma, sagen Sie, kann "Ich liebe dich" nicht sagen, sie bäckt. Wie drücken Sie Ihre Emotionen aus?
BAUERFEIND:
Ich hatte schon immer viel Herz auf der Zunge und tue mir relativ leicht, es einfach direkt zu zeigen, aber auch ich hab durch die Beschäftigung mit dem Thema gelernt, noch verschwenderischer damit umzugehen.

Schon einmal enttäuscht worden?
BAUERFEIND:
Der erste Junge, mit dem ich geschmust habe, sagte: "Mit dir kann man nicht knutschen, deine Zähne sind zu weit vorne!" Da dachte ich, mein Leben sei gelaufen, ich bin heulend nach Hause gerannt. Das war eine herbe Enttäuschung. Ich bin froh, dass seitdem keine Klagen mehr kamen.

Haben Sie eigentlich schon mal einen Liebesbrief geschrieben?
BAUERFEIND:
Früher habe ich viele geschrieben. Schule ohne Liebesbriefe wäre sonst eine sehr langweilige Angelegenheit. Ich hab sie sogar alle zurückverlangt, damit niemand später drüber lachen kann - außer ich selbst. Sehr weise, nicht? Ihr Privatleben halten Sie bedeckt.

Wie würden Sie aktuell Ihren Beziehungsstatus beschreiben?
BAUERFEIND:
Gut.

Mit Hochzeit und Ehe können Sie nicht viel anfangen, so viel verraten Sie. Wie kommt's?
BAUERFEIND:
Wahrscheinlich zu liberal erzogen. Mir hat nie einer das Gefühl gegeben, dass das zu einem erstrebenswerten Leben dazugehört. Liebe schon, Ehe nicht. Ich halte sowohl Staat als auch Kirche nicht für geeignete Veranstalter, wenn es darum geht, wie ich meine Zweisamkeit zelebrieren möchte. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass das größte Geschenk in meinem Leben Freiheit ist. Die Freiheit, im Rahmen der Möglichkeiten zu tun und zu lassen, was man möchte. Auch in diesem Fall. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Lässt es sich leichter lieben, wenn man nicht den Druck hat, dass es für die Ewigkeit sein muss?
BAUERFEIND:
Nein, ich glaube, das Herz denkt nicht in diesen Kategorien. Diese Lebenslänglich-Kiste ist, was die Gesellschaft uns als erstrebenswert verkaufen möchte. Aber gerade Liebe ist in meinen Augen wahnsinnig individuell. Manche finden den einen und verbringen glücklich ihr Leben mit ihm. Jemand, der zehn erfüllende Beziehungen und Menschen an seiner Seite hatte, ist deswegen nicht weniger froh. Viele finden's allein am besten. Man muss auf sein Herz hören, nicht auf die anderen.

Frédéric Beigbeder hat über die Halbwertszeit der Liebe geschrieben: erstes Jahr Leidenschaft, zweites Jahr Zärtlichkeit, drittes Jahr Langeweile. Kennen Sie das?
BAUERFEIND:
Es soll wohl so sein, dass die Liebe verschiedene Phasen durchläuft. Das ist normal, wie bei allen Prozessen. Man bleibt ja auch nicht immer 20 und geht drei Tage am Stück feiern. Deswegen finde ich das Leben oder die Liebe aber nicht direkt langweilig. Und ganz ehrlich: Wem nach drei Jahren mit dem anderen schon die Füße einschlafen, weil 's nicht fetzt, der hat 's entweder nicht gepeilt oder ist vielleicht wirklich noch nicht in der richtigen Beziehung.

Soll man sich trennen, wenn der erste Zauber verflogen ist?
BAUERFEIND:
Man sollte sich trennen, wenn man nicht mehr zusammen klarkommt. Das Leben ist nicht durchgehend zauberhaft. Da liegt eine falsche Annahme zugrunde. Das kann man aber nicht der Liebe in die Schuhe schieben.

BAUERFEIND LIVE. Im Dezember kommt sie mit "Liebe: Die Tour zum Gefühl" nach Österreich: 11.12. Wien, Theater Akzent; 12.12. Linz, Posthof; 13.12., Graz, Orpheum. Da gibt's die volle Ladung Gefühle: "Man kann Liebe nicht aufsparen. So wie Oma früher ein Geschirr für gute Gäste hatte. Komischerweise sind die aber nie gekommen."