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"Mama, ich bin die Einzige ohne Internet am Handy!"

Wie man als Mutter das Kind vom Internet wegholt, das Kind aufblüht und die Mutter für verrückt erklärt wird. Die Kolumne einer Erziehungs-Arbeiterin.

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"Mama, ich bin die Einzige ohne Internet am Handy!"
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Als Mutter fand ich schon immer, dass das Smartphone das Gegenteil von smart ist. Es tötet die Fantasie und verdirbt auf Dauer die Seele. Natürlich ist das Kind, das inzwischen dieselbe Schuhgröße hat wie die Mutter, anderer Meinung. Kein Internet am Handy zu haben, ist so wahnsinnig uncool, dass es sich überhaupt nicht lohnt, aus dem Haus zu gehen. Das Kind bekam trotzdem kein Internet und überlebte mehr schlecht als recht.

Wenn Freunde des Kindes zu Besuch waren und als Erstes nach dem WLAN-Passwort fragten, antwortete die Mutter nicht. Da das Kind das Passwort nicht wusste, herrschte zuerst Ratlosigkeit beim Gastkind - nach dem Motto: Was tun wir jetzt bloß mit dem nutzlosen Nachmittag? Die ersten Schreckminuten verstrichen, und erstaunlicherweise fand sich immer etwas, das Spaß machte. Denn: Sobald die Fantasie Raum hat, kann sie sich auch entfalten.

Obwohl das Kind Bescheid wusste, wollte es wie die anderen sein und ein smartes Phone haben, nicht nur eines, mit dem man ausschließlich telefonieren und fotografieren kann. Einige Unterstützer - Onkel, Freundin der Mutter, Cousine des Vaters - hatte es bereits um sich geschart, die die Mutter regelmäßig bearbeiteten. Da fielen dann solche Sätze: "Man muss mit der Zeit gehen" und "Verbote sind keine Lösung" und "Das Kind wird zum Außenseiter." Allein und ohne Mitstreiter schwamm die Mutter gegen den Strom, und langsam spürte sie, wie ihre Kräfte zu Ende gingen. Kind: "Du hast ja auch Internet am Handy - wieso darf ich also nicht?" Mutter: "Ich fahre auch mit dem Auto und du nicht." Kind: "Ich bin die Einzige in der Klasse, die ein Smartphone hat, das nichts kann." Mutter: "Wenn ich mir etwas überlege - etwas richtig Tolles -, das nur du hast und sonst keiner, bist du dann bereit, bis zu deinem 14. Geburtstag auf Instagram und WhatsApp und wie das alles heißt zu verzichten?"

Das Kind war skeptisch, fiel ihm doch nichts ein, was sooo toll sein könnte. Der Mutter schon. Sie besorgte dem Kind einen flauschigen Mini-Hund, der nicht größer als ein Zwergkaninchen war. Als der Welpe mit glänzenden Augen zum Kind aufschaute, nickte das Kind und sagte feierlich: "Ja, ich will." Dass ihm die Mutter einen eigenen Hund schenken würde, damit hatte es nicht gerechnet. Der heiß geliebte Hamster hatte ja seinen Geist schon vor Längerem ausgehaucht. Langsam dämmerte es dem Kind, dass das Internet der Mutter richtig Angst machen musste, wenn sie sogar bereit war, einen dritten Hund ins Haus zu holen.

Mutters Freunde erklärten sie für verrückt. Drei Hunde - das sei doch nicht normal? Aber was ist schon normal? Der Mutter war jedes Mittel recht, um das Kind so lange wie möglich von der Elektronik und den damit verbundenen Gefahren und Bildern fernzuhalten. Nicht für immer - aber für jetzt und für morgen und für übermorgen. Je mehr "echte Momente" das Kind in dieser Zeit sammeln würde, umso besser: Sonnenuntergänge, den Duft von gemähtem Gras, Sommerregen auf der Haut, Waldspaziergänge, Vogelgezwitscher.

Seit der kleine Hund ins Leben des Kindes getreten ist, sind vier Monate vergangen. Kind und Hund kleben aufeinander. Das Handy liegt irgendwo, ist völlig uninteressant geworden. Sind Freunde zu Besuch, fragt niemand mehr nach einem Internetzugang. Man geht jetzt mit dem Hund zum Bach, man bringt ihm Kunststücke bei, streichelt ihn, bis er glüht. Man unterhält sich, man plaudert, man lacht. Die Kinder sind wieder Kinder.

Themen: Eltern, Kinder

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