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Mein Kind bricht die Schule ab – und was jetzt?

Rund 10 Prozent aller Jugendlichen in Österreich schmeißen vorzeitig die Schule. Es drohen Arbeitslosigkeit und Bildungsarmut. Wie Eltern und Lehrer dem Schulabbruch entgegen treten können.

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Teenager sitzt über seinen Schulbüchern.

Kinder werden in der Schule von Anfang an permanent darauf hingewiesen, was sie falsch machen.

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Du kommst in die Schule, gerade als du dich an den Kindergarten gewöhnt hast: Du kennst dich dort aus, weißt, wo die Spiele sind, und hast Freunde, aber nun ist es aus mit Spielen, jetzt wird gearbeitet. Damit du dich daran gewöhnst, hast du anfangs nur einige Stunden Unterricht, aber bald werden es mehr, und mit Spaß hat das nichts mehr zu tun.

"Kinder kommen als lernfreudige und wissbegierige Wesen auf die Welt. Eigentlich sind sie damit bestens ausgestattet für die Schulzeit, die dem Lernen gewidmet ist," so Univ. Doz. Dr. Brigitte Sindelar, spezialisiert auf Teilleistungsschwächen und Forscherin an der "Sigmund Freud PrivatUniversität Wien". Trotzdem passiert es immer häufiger, dass sich lernfreudige Kleinkinder zu lernunwilligen Schulkindern entwickeln. Die Motivation geht flöten, dem Lernen wird eine Absage erteilt. Und im schlimmsten Fall die Schule abgebrochen. Rund 10 Prozent der österreichischen Jugendlichen verlassen vorzeitig die Schule, begeben sich lieber in die Unsicherheit drohender Arbeitslosigkeit als weiter über Mathe- und Lateinbüchern zu sitzen. Wir sprachen mit Expertin Brigitte Sindelar über die Gründe – und wie man vorbeugen kann.

»Wann haben wir eigentlich aufgehört, Spaß am Lernen zu haben?«

WOMAN: Woran liegt es, dass sich eigentlich lernfreudige Kinder zu Lernmuffeln entwickeln?
Brigitte Sindelar: Es liegt an uns Erwachsenen, dass es uns offensichtlich nicht gelingt, den Forschungs- und Betätigungsdrang, den Kindern von Beginn an haben, in der Schule nicht zu bremsen und behindern. Schulrealität ist derzeit, dass die Interessen des Kindes und die Forderungen der Schule allzu oft aufeinanderprallen – daraus resultiert Langeweile. Bei den Schülern genauso wie bei den Lehrern.

WOMAN: Aber Langweile führt doch noch nicht zur Lernunwilligkeit, oder?
Sindelar: Nein. Aber dazu kommt, dass dem Kind mit Schulbeginn ein Begleiter zur Seite gestellt wird, der systematisch jede Lernfreude verhindert. Dieser Begleiter ist der Fehler. Kinder werden in der Schule von Anfang an permanent darauf hingewiesen, was sie falsch machen. Dabei wissen wir seit langem, dass das Hinweisen auf den Fehler die Leistungsmotivation senkt. Trotzdem werden immer noch in schriftlichen Arbeiten, die Kinder in der Schule leisten, die Fehler mit Rotstift korrigiert und dadurch markiert, werden die Fehler gezählt und unter die Arbeit geschrieben. Oft wird auch noch eine traurige Bemerkung wie: „Leider viele Fehler“ hinzu geschrieben.
Eigentlich ist es eher verwunderlich, dass wir uns wundern, warum Kinder zu Lernmuffeln werden, wo doch mit Schuleintritt so viel dazu getan wird, um Kindern die Lernfreude auszutreiben.

WOMAN: Aber man kann die Fehler doch nicht einfach ignorieren?
Sindelar: In einer Untersuchung über vier Jahre konnte ich nachweisen, dass Kinder, die in den ersten vier Schuljahren nicht auf ihre Fehler hingewiesen wurden, sondern darauf, was sie richtig gemacht hatten, sowohl in ihrer Leistungsmotivation als auch im Lesen, Rechtschreiben und Rechnen deutlich besser abgeschnitten haben als die Kinder, deren Arbeiten in der üblichen Art durch das Kennzeichnen von Fehlern korrigiert wurden.

WOMAN: Vor allem in der Pubertät verweigern Kinder auf einmal die Schule....
Sindelar: Der Verzicht auf die Befriedigung von Wünschen fällt in diesem Alter besonders schwer, die Vernunft spielt eine Nebenrolle in der inneren Welt des pubertierenden Kindes. Die Frustrationstoleranz ist daher geringer als noch in der Lebensphase davor. Kinder in diesem Alter können daher tatsächlich weniger gut Strukturen einhalten, Selbstdisziplin fällt in diesem Lebensalter ganz besonders schwer, meistens den Buben noch schwerer als den Mädchen.
Dafür aber sind sie in diesem Lebensalter besonders aktiv in ihrer Fantasie, besonders kreativ. Eigentlich sollte die Schule auf diese Veränderung, die im Zuge der Pubertät stattfindet, eingehen, diese hohe Kreativität und Fantasietätigkeit nutzen und daher den Lehrplan für diese Schuljahre anpassen. In diesem Lebensalter wäre eine Umverteilung des Lehrplans mit einer Schwerpunktsetzung in kreativen und geisteswissenschaftlichen Fächern, also weg von den naturwissenschaftlichen Fächern, angebracht.

WOMAN: Hausaufgaben werden nicht mehr gemacht, die Schule geschwänzt. Was sind die Warnsignale, auf die Eltern achten sollten?
Sindelar: Für Eltern ist wichtig zu wissen, dass ein Abfall um eine Note in der Pubertät ein völlig normaler Verlauf ist und an sich kein Anlass zur Beunruhigung. Natürlich ist es schwierig, darüber nicht beunruhigt zu sein, wenn dieser Abfall von der Note genügend ausgeht. Warnsignale für Eltern sollen sein, wenn das Kind zu lügen beginnt, Rückmeldungen von der Schule, Einladungen zu Sprechstunden, Schularbeitshefte nicht mehr den Weg nachhause finden, wenn es Unterschriften unter den so genannten "Entschuldigungen für das Fernbleiben vom Unterricht" fälscht.
Denn das heißt, dass es einem Konflikt, einer Herausforderung ausweicht, weil es sich nicht zutraut, sich dieser zu stellen. Absolut verkehrt ist, darauf jetzt mit Moralpredigt oder gar Strafen zu reagieren. Wer schon mutlos ist, braucht keine Strafe für die Mutlosigkeit, sondern Stärkung, um wieder Mut zu fassen.

WOMAN: Wie können Eltern lernunwillige Kinder auffangen?
Sindelar: Was lernunwilligen Kindern keinesfalls hilft, ist vermehrter Lerndruck, der Entzug von Zuwendung oder, wie schon gesagt, gar Strafen. Lernen ist nur dann erfolgreich, wenn es von positiven Gefühlen begleitet ist. Zu beachten ist auch: Kinder imitieren, Kinder nehmen uns Erwachsene zum Vorbild, allerdings können wir Erwachsene uns nicht aussuchen, welche unserer Verhaltensweisen und Einstellungen Kinder zum Vorbild nehmen. Wenn Kinder erleben, dass auch die Eltern ihrer Arbeit unwillig begegnen, so wird das den Kindern die Botschaft geben, dass Arbeit etwas Unangenehmes ist, das es unbedingt zu vermeiden gilt. Die Schule ist die Berufswelt des Kindes, die Vorbilder, wie mit einer Berufswelt umzugehen ist, geben wir Erwachsenen unseren Kindern.
Auffangen können Eltern Kinder am besten, indem sie sich interessiert zeigen an dem, was das Kind in der Schule macht, dem Kind helfen, Vernetzungen des Schulstoffs mit den Aufgaben, die sich außerhalb der Schule stellen, zu erkennen. Ob das nun der Einsatz von Malrechnungen bei einem Kochrezept oder die Anwendung der Prozentrechnung bei der Verwaltung des Familienbudgets oder der Geometrie beim Ausmessen für ein neues Möbelstück ist - die Gelegenheiten dafür sind vielfältig...

WOMAN: Wie vermittelt man Kindern Freude an der Schule, am Lernen – und ab wann sollte man anfangen?
Sindelar: Kinder sind Forscher. Dieser Forschergeist zeigt sich natürlich in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen in unterschiedlicher Form. Dazu ein Beispiel: Sobald ein Baby greifen kann, versucht es, die Welt zu begreifen mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen: In diesem Lebensalter begreift das Baby am besten, indem es Gegenstände in den Mund steckt, weilseine Empfindungsfähigkeit im Mundbereich am weitesten entwickelt ist. Wird ein Kind nun daran gehindert, die Gegenstände, die es erforschen will, in den Mund zu nehmen, dann wird es auch in seinem Forschergeist behindert.
Erwachsene haben daher die Aufgabe, einfach nur dafür Sorge zu tragen, dass sich das Kind durch seinen Forschergeist keinen Schaden zufügt, aber ihm die Möglichkeit erhalten bleibt, mit dem Mund erforschend zu lernen.

WOMAN: Wie können Eltern im beruflichen Stress auch noch die Lernfreude der Kinder fördern, wenn sie diese erst am späten Nachmittag, frühen Abend wirklich sehen?
Sindelar: Die Lernfreude der Kinder zu fördern ist keine Frage der Zeit und auch kein Förderprogramm. Wichtig ist, die Zeit, die man mit den Kindern verbringt, nicht nur mit schulischen Angelegenheiten zu füllen – das wäre der sicherste Weg, die Lernfreude zu vernichten.
Wenn beim Abendessen die Hausübung abgefragt wird, Vokabeln geprüft werden, Predigten über die Einteilung von Lernstoff für die nächste Schularbeit gehalten werden, so ist das absolut kontraproduktiv, denn damit mutieren Eltern zu Nachhilfelehrern. Viele Eltern lassen sich von der Schule ihr Kind nehmen, sobald ein Kind in die Schule eingetreten ist, ist es in der Familie nurmehr als Schulkind sichtbar.

WOMAN: Wenn man ein Kind hat, dass die Schule komplett verweigert und abbricht – wie soll man da als Elternteil reagieren?
Sindelar: Keinesfalls ist Strafe oder Liebesentzug eine passende Reaktion. Zuerst einmal muss den Eltern klar sein, dass sie offensichtlich etwas übersehen haben, was das Kind in seinem Bildungsweg belastet, denn sonst wäre es nicht so weit gekommen. Nun den Schuldigen für den Schulabbruch zu suchen ist zwar eine verständliche, aber keinesfalls hilfreiche Strategie.
Es geht darum, herauszufinden und zu verstehen, was das Kind dazu motiviert, die Schule zu verweigern und im nächsten Schritt brauchbare Alternativen zum Schulabbruch zu finden. In dieser Situation rate ich den Eltern unbedingt, professionelle Hilfe zu suchen, um herauszufinden, was das Kind dazu bringt, die Schule zu verweigern und abzubrechen.

WOMAN: Meist wird ein Kind von Schule zu Schule weitergereicht, ehe klar wird, dass es absolut nicht mehr will. Was würden Sie Eltern raten? Andere Schulmodelle ausprobieren, in der Hoffnung, dass sich die richtige Schule für das Kind findet? Oder lieber aussitzen und versuchen, mit den Lehrern ein Modell zu finden, in dem sich das Kind wohl fühlt und gefordert wird?
Sindelar: Auszuprobieren und zu hoffen, das Richtige zu finden, ist vielleicht ein zielführender Weg beim Kleiderkauf, aber bestimmt nicht sinnvoll, wenn es darum geht, eine für das Kind passende Schule zu finden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Schulwechsel allein das Problem nur in den seltensten Fällen tatsächlich lösen kann.
Meist steckt hinter dem Schulabbruch weit mehr als ein Fehler bei der Auswahl der Schule. Aussitzen ist natürlich auch nicht möglich, wenn das Kind die Schule abbricht und den Schulbesuch verweigert. Wir müssen dabei auch unterscheiden zwischen dem Schulschwänzen oder dem Schulabbruch und der Schulphobie, wobei Letztere nichts mit der Schule zu tun hat, sondern eine psychische Störung, die unbedingt der psychotherapeutischen Behandlung bedarf.
Also: Herausfinden, was dahinter steckt, durchaus mit professioneller Begleitung, und dann dementsprechend den Weg gestalten, und zwar der Individualität des Kindes und nicht den Vorstellungen und Ansprüchen der Eltern gerecht.