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Wer haftet, wenn sich ein Kind im Kindergarten verletzt?

Kinder rutschen im Kindergarten, eines verletzt sich. Wer haftet? Welche Folgen das Urteil des Obersten Gerichtshofs auf Eltern und Erzieher haben kann.

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Wer haftet, wenn sich ein Kind im Kindergarten verletzt?
© iStockphoto

Turnstunde im Kindergarten. Die Kinder rutschen auf einer Langbank, die im Turnsaal an der Sprossenwand eingehängt ist. Die Kindergärtnerin kümmert sich im Raum kurz um eine andere Sache, die Kinder rutschen – wenig überraschend – weiter. Ein 5-Jähriges Kind fällt aus einer Höhe von unter einem Meter von der Rutsche auf die darunterliegende Turnmatte und verletzt sich.

Der Vater klagt die Kindergärtnerin auf Schadensersatz. Das Gericht kam zu einem überraschenden Ergebnis: Die Betreuerin habe ihre Aufsichtspflicht verletzt, obwohl sie alleine auf 20 Kinder aufpassen musste und deshalb nicht ununterbrochen neben der Rutsche stehen konnte. Für den Schaden aufkommen wird die Gemeinde als Halterin des Kindergartens.

Anwältin Carmen Thornton (thornton-law.at) erklärt, welche Folgen dieses Urteil für Eltern und Aufsichtspersonen bedeuten kann:

OGH-Urteil: Ist die Turnstunde jetzt Geschichte?

Dieses Urteil ist - vornehm ausgedrückt - diskussionswürdig. Die Anforderungen, die hier an die Aufsichtspflicht einer Kindergärtnerin gestellt werden, sind nämlich schlichtweg nicht erfüllbar. Alle Eltern, die schon einmal mit nur zwei Kindern einen Spielplatz besucht haben, wissen aus Erfahrung, dass es nicht möglich ist, ständig hinter beiden Kindern herzulaufen. Wie das dann bei einer Gruppe von 20 Kindern möglich sein soll, fragt man sich schon.

Bezeichnenderweise setzt sich das Gericht auch gar nicht damit auseinander, wie es in der Praxis funktionieren soll, dass eine Kindergärtnerin, die 20 Kinder zu beaufsichtigen hat, ständig hinter jedem Kind steht. Leider sind genau solche Entscheidungen der Grund, dass Gerichtsurteile manchmal als lebensfremd kritisiert werden.

Als zweifache Mutter weiß ich leider nur allzu gut, dass man Stürze auch mit der größtmöglichen Aufmerksamkeit nicht verhindern kann. Das endet dann zwar meistens mit einem fürchterlichen Geschrei, glücklicherweise passiert aber nur in den seltensten Fällen etwas Schlimmeres. Wenn ein Vorschulkind aus einer Höhe von knapp einem Meter auf den Boden fällt und sich dabei verletzt, ist das zwar tragisch, aber schlicht und ergreifend Pech und sicherlich kein Fall für die Gerichte.

»Für Kindergärtnerinnen ist dieses Urteil ein Schlag ins Gesicht«
Carmen Thornton ist Rechtsanwältin in Wien

Für Kindergärtnerinnen ist dieses Urteil natürlich ein Schlag ins Gesicht, vor allem wenn man bedenkt, dass die Kindergärtnerin möglicherweise nur deshalb alleine auf 20 Kinder aufpassen musste, weil sich aufgrund der unzureichenden Bezahlung nicht genügend Betreuungspersonen finden. Dass solche Entscheidungen wohl kaum dazu beitragen, den Mangel an Kindergärtnerinnen zu beheben, sei nur am Rande erwähnt.

Aber auch Eltern sollte dieses Urteil zu denken geben, weil so ein Unfall natürlich genauso gut auch passieren kann, wenn die Kinder nicht im Kindergarten sind. Darf man sein Vorschulkind jetzt nicht mehr alleine rutschen lassen, ohne seine Aufsichtspflicht zu verletzen?

Und müssen wir als Eltern möglicherweise sogar strafrechtliche Konsequenzen befürchten, wenn unser 5-jähriges Kind am Spielplatz unglücklich von der Schaukel fällt und sich ein Bein bricht, während wir gerade seinem kleinen Geschwisterchen nachlaufen, weil es versucht, ein Klettergerüst hinaufzuklettern? Ein Spielplatzbesuch, bei dem die Kinder immer nur abwechselnd schaukeln oder rutschen dürfen, könnte jedenfalls spannend werden.

Und ist es überhaupt sinnvoll, ständig hinter seinem Kind herzurennen, damit es nur ja nicht hinfällt (mit dem Ergebnis, dass die Kinder niemals selbständig werden)? Außerdem: Wollen wir wirklich, dass unsere Kinder im Kindergarten den ganzen Tag still auf der Bank sitzen müssen, weil die Kindergärtnerin sonst befürchten muss, geklagt zu werden, wenn sich ein Kind beim Turnen verletzt?

Wenn sich solche Entscheidungen häufen, wird die tägliche Turnstunde wohl bald Geschichte sein.

Über die Autorin: Mag. Carmen Thornton ist selbständige Rechtsanwältin in Wien. Ihre Kanzlei thornton-law.at ist auf Scheidungen, Obsorge- und Unterhaltsverfahren spezialisiert. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Themen: Eltern, Kinder,

Kommentare

Silvia Schaffner-Eder

Vielen Dank für diese Sichtweise von einer Juristin. Ich frage mich nämlich oft wo wir noch hinkommen wenn die Eltern "frisch und fröhlich" herumklagen.

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