Ressort
Du befindest dich hier:

Haben Kinder während des Studiums einen Unterhaltsanspruch?

"Studium? Du bist 18 Jahre alt und ab jetzt musst du selbst für dein Leben aufkommen!" Warum Eltern sehr wohl auch nach der Matura für den Unterhalt ihrer Kinder aufkommen und beispielsweise ein Studium finanzieren müssen. Und aus welchen Gründen dieses Recht verfallen kann.

von

Haben Kinder während des Studiums einen Unterhaltsanspruch?
© iStock

Viele Studenten und Studentinnen bekommen keine finanzielle Unterstützung mehr von ihren Eltern und sind daher gezwungen, zusätzlich zum Studium einem Nebenjob nachzugehen. Grund dafür ist nicht immer die fehlende finanzielle Leistungsfähigkeit der Eltern. Manche Eltern sind auch der Meinung, dass ihre Kinder mit dem Erreichen der Volljährigkeit auch finanziell auf eigenen Beinen stehen sollen. Das führt häufig zu Streitigkeiten, die mitunter auch vor Gericht ausgetragen werden.

Unterhaltspflicht der Eltern endet nicht mit der Volljährigkeit des Kindes

Denn entgegen einer weit verbreiteten Meinung endet die Unterhaltspflicht der Eltern nicht mit der Volljährigkeit des Kindes, einem bestimmten Alter oder dem Ende der Familienbeihilfe, sondern erst mit der Selbsterhaltungsfähigkeit, also wenn das Kind in der Lage ist, seinen Lebensunterhalt durch eine zumutbare Erwerbstätigkeit selbst zu bestreiten.

Im Regelfall muss das Kind ein eigenes monatliches Einkommen von ca. EUR 1.000,-- (brutto) erzielen können. Die Selbsterhaltungsfähigkeit tritt grundsätzlich erst mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung ein, es sei denn, dass Kind trifft am Scheitern einer angemessenen Berufsausbildung ein Verschulden.

Wenn das Kind die Matura absolviert hat, müssen die Eltern ihm unabhängig von ihrem eigenen Ausbildungsgrad auch ein Studium ermöglichen, sofern ihnen die Beteiligung an den Kosten aufgrund ihrer finanziellen Verhältnisse möglich und zumutbar ist. Das gilt nicht nur für die AHS, sondern auch für berufsbildende Schulen wie z.B. eine HTL oder HAK.

Auf die bisherigen schulischen Leistungen des Kindes kommt es nicht an. Ein Unterhaltsanspruch während dem Studium besteht daher auch, wenn das Kind in der Schule schlechte Noten hatte oder eine Schulklasse wiederholen musste.

Unterhaltsanspruch besteht nur bei entsprechenden Studienerfolg

Voraussetzung ist aber, dass das Studium ernsthaft und zielstrebig betrieben wird, sodass ein Studienabschluss in der durchschnittlichen Studiendauer realistisch ist. Einen Abschluss in Mindestzeit können die Eltern nicht verlangen. Auch ein einmaliger Studienwechsel in den ersten beiden Semestern schadet grundsätzlich nicht, sofern das neue Studium ernsthaft und zielstrebig (also in der durchschnittlichen Dauer) betreiben wird. Bei einem späteren Wechsel verkürzt sich die Dauer des Unterhaltsanspruches für das neue Studium entsprechend.

Muss man dem Kind auch ein Masterstudium oder ein Doktorat ermöglichen?

Bei einem Bachelorstudium mit anschließendem Masterstudium ist das Kind mit dem Abschluss des Bachelors grundsätzlich noch nicht selbsterhaltungsfähig, sodass auch für ein anschließendes Masterstudium noch ein Unterhaltsanspruch besteht.

Dies gilt aber nur, wenn die durchschnittliche Studiendauer nicht schon beim Bachelorstudium deutlich überschritten wurde. Anders sieht es hingegen bei einem Zweit- oder Doktoratsstudium bzw. Post-Graduate-Lehrgängen aus. Hier ist einerseits eine besondere Begabung (also ein überdurchschnittlicher Studienerfolg im bisherigen Studium) erforderlich, zum anderen müssen sich die Berufs- und Einkommensaussichten dadurch deutlich verbessern.

Außerdem kommt es darauf an, ob die Eltern auch in einer intakten Familie ein solches Studium finanziert hätten. Die finanziellen Verhältnisse der Eltern spielen hier also eine wesentlich größere Rolle.

Müssen Kinder neben dem Studium arbeiten gehen?

Grundsätzlich können Eltern von ihren Kindern nicht verlangen, dass sie neben dem Studium arbeiten gehen. Eine Ausnahme besteht bei einer weiterführenden Ausbildung (z.B. bei einem Zweitstudium oder dem Doktorat). Hier kann unter Umständen eine zumutbare Nebenbeschäftigung erwartet werden. Wenn das Kind einem Nebenjob nachgeht, sind seine Einkünfte auf den Unterhalt zum Teil anzurechnen und reduzieren den Unterhaltsanspruch. Dies gilt allerdings nicht für die Studienbeihilfe, Leistungsstipendien und kurzfristige Einkünfte aus einem Ferialjob. Außerdem sind eigene Einkünfte nicht auf den Unterhalt anzurechnen, wenn das Kind nur deshalb dazu gezwungen ist, einer Erwerbstätigkeit nachgehen muss, weil die Eltern ihrer Unterhaltspflicht nicht nachkommen.

Carmen Thornton ist Rechtsanwältin und spezialisiert auf Scheidung und Obsorge.


Weitere Artikel von Rechtsanwältin Carmen Thornton

OGH entscheidet: Exfrau muss mit neuer Freundin wohnen
Rechtsauskunft: Wann haftet Arzt oder Ärztin für ein behindertes Kind?
Ist eine heimliche Abtreibung ein Scheidungsgrund?

Über die Autorin: Mag. Carmen Thornton ist selbständige Rechtsanwältin in Wien und schreibt regelmäßig juristische Artikel für WOMAN.at - zuletzt etwa über Zahnspangenkosten. Ihre Kanzlei ist spezialisiert auf Scheidungen, Obsorge und Unterhaltsverfahren. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Themen: Kinder, Eltern

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .