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Als Kinderbräute nach China verkauft

Menschenhandel ist leider in vielen Ländern immer noch allgegenwärtig: Mädchen aus Nordvietnam, oftmals nicht nicht älter als 13 Jahre, werden betäubt oder durch falsche Versprechen über die Grenze geschmuggelt. Denn die jungen Frauen werden in China als Bräute verkauft.

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Als Kinderbräute nach China verkauft
© CNN Freedom Project

„Als ich aufwachte, wusste ich nicht, dass ich in China war“, erinnert sich Lan (Name aus Sicherheitsgründen geändert) an die Nacht zurück, die ihr Leben veränderte. Das Mädchen ging in Nordvietnam an der Grenze zu China zur Schule, als eine Freundin sie fragte, ob sie mit zu einem Abendessen mit einer Gruppe von Jugendlichen komme. Als sie müde wurde und nach Hause wollte, überredeten sie die Anwesenden, zu bleiben und noch etwas zu trinken.

Das Nächste, woran sie sich erinnern kann, ist, dass sie nach China geschmuggelt wurde. „Das war der Zeitpunkt, an dem ich weg wollte“, erzählt Lan. „Es befanden sich auch andere Mädchen in dem Auto. Allerdings gab es auch Menschen, die uns bewachten.“

Das ideale Jagdrevier für Menschenhändler

Die Dörfer an der vietnamesisch-chinesischen Grenze sind das ideale Jagdrevier für Menschenhändler. Mädchen, die nicht älter sind als 13 Jahre, werden betäubt oder durch falsche Versprechen per Boot, Moped oder Auto über die Grenze geschmuggelt. Die jungen Vietnamesinnen werden in China als vielgeschätzte Ware gehandelt. In dem Land, das durch die Ein-Kind-Politik einen Frauenmangel zu verzeichnen hat, findet man einfach Abnehmer. In anderen Worten: Chinesische Männer sind auf Bräute aus.

„Für einen normalen chinesischen Mann ist es recht teuer, eine chinesische Frau zu heiraten“, erklärt uns Ha Thi Van Khanh, die Koordinatorin der UN-Organisation, die sich gegen Menschenhandel in Vietnam einsetzt. Traditionellerweise wird von Männern erwartet, dass sie ein aufwändiges Hochzeitsbankett ausrichten und ihrer Braut eine Wohnstätte bieten. „Daher versuchen sie, Frauen aus den benachbarten Ländern wie Vietnam zu importieren.“

Diep Vuong rief die Pacific Links Foundation ins Leben, um Menschenhandel in Vietnam zu unterbinden. Sie berichtet, dass vietnamesische Bräute für 3.000 US Dollar aufwärts verkauft werden und dass sie wegen ihrer kulturellen Nähe zu den Chinesen relativ begehrt seien.

Nguyen (Name ebenso geändert) war 16 Jahre alt, als ein Freund ihrer Freundin sie narkotisierte und nach China verschleppte. Sie versuchte, sich gegen die Zwangsehe zu wehren. Drei Monate lang gelang es ihr – obwohl ihre Peiniger sie schlugen, ihr Essen verwehrten und ihr drohten, sie umzubringen. Am Ende gab sie doch nach. Sie berichtet, dass ihr Mann nett zu ihr gewesen sei. Sie aber nie aufhörte, ihre Familie in Vietnam zu vermissen.

„Mein Heimweh war unbeschreiblich“, so Nguyen. „Ich habe zugestimmt, ihn zu heiraten. Aber ich könnte mit keinem Fremden zusammenleben, ohne Gefühle für ihn zu haben.“

Als ihre Schwiegermutter merkte, dass sie sich nie für ihren Mann erwärmen könnte, brachte die Familie sie zu den Schmugglern zurück. Sie bekamen ihr Geld zurück, erinnert sich Nguyen. Schließlich wurde sie ein zweites Mal gezwungen zu heiraten.

Ein Zufluchtsort für geflüchtete Frauen

Die Pacific Links Foundation hat für Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind, einen Zufluchtsort in der Stadt Lao Cai, im Norden Vietnams, gegründet. Die jungen Frauen bleiben hier im Durchschnitt zwei bis drei Jahre lang. Sie gehen hier entweder zur Schule oder einer Ausbildung nach. Sie machen eine Kunsttherapie, lernen zu kochen, zu nähen oder zu gärtnern. In der Umgebung von Frauen, die das Gleiche, wie sie erlebt haben, hilft ihnen der Zufluchtsort, wieder auf die Beine zu kommen und einen Job zu finden, um sich selbst finanzieren zu können. „Sobald diese Frauen wieder auf eigenen Beinen stehen, fällt es ihnen viel leichter, ihr Leben zu führen“, so Diep.

Ihre Organisation schult in gemeinnütziger Arbeit auch junge Frauen und Mädchen, um sie gegen potenzielle Menschenhändler zu wappnen. Etwa einmal im Monat besucht eine Gruppe von ehemaligen Opfern den Markt von Bac Ha, einem regionalen Knotenpunkt für Lebensmittel, Stoffe und Nutztiere. Auch an diesem Tag stehen sie auf einer Bühne, den Markt überblickend, und teilen ihre Erfahrungen, beantworten Fragen und spielen Spiele mit den Einkaufenden. Wenn sie die Menge nach ihrer Erfahrung mit Menschenhandel befragen, melden sich fast immer um die 20 Personen.

„Ich denke, dass das Schaffen von Bewusstsein für dieses Thema das einzige Instrument ist, das dagegen hilft“, erklärt Diep.

Ha von der UN-Organisation pflichtet ihr bei. Die Sensibilisierung für Menschenhandel sei vor allem in den armen, ländlichen Gegenden entlang der Grenze zu China sehr wichtig. Sie glaubt auch, dass der Kampf gegen Armut dabei helfen könnte, Frauen davon abzuhalten, nach China auszuwandern und nach Arbeit vor Ort zu suchen. Denn das Versprechen von Arbeit ist ein weiterer Trick der Menschenhändler.

An der Grenze gerettet

Mit CNN International-Korrespondentin Pamela Boykoff nahm während ihrer Reise zur vietnamesischen Grenze, die Polizei Kontakt auf und berichtete, dass es ihnen soeben gelungen sei, fünf Mädchen zu retten. Ein Menschenhändler war gerade dabei, sie über die Grenze zu bringen. Sie traf die Mädchen, die erst 14 Jahre alt waren. Sie berichteten, dass ihnen ein Nachbar aus ihrem Dorf 600 Dollar versprochen habe, wenn sie zum Arbeiten nach China kommen würden. Sie erzählten ihren Eltern nicht, was sie vorhatten. Der Nachbar wurde nun verhaftet.

Wie man an diesem Beispiel sieht, gelingt es der vietnamesischen Polizei manchmal die Mädchen zu retten – auch wenn sie bereits in China sind. Dabei helfen ihnen auch die chinesischen Behörden. Nguyen Tuong Long, Leiterin der Sozialen Präventionsabteilung in Lao Cai berichtet, dass im vergangenen Jahr 109 Mädchen aus den Klauen der Menschenhändler befreit werden konnten. „Dank der Kooperation der Behörden beider Länder gelingt es uns manchmal sogar die Mädchen aus den Bordellen im Inneren des Landes zu befreien. Denn sie werden nicht immer als Bräute verkauft. Manchmal werden sie auch zur Prostitution gezwungen“, so Nguyen.

Als Kinderbräute nach China verkauft
Die einstige Kinderbraut im Interview

Frauen, die nicht von den Behörden gerettet werden können, versuchen es auf eigene Faust. Manche von ihnen erzählen, dass es ihnen gelang, Familienmitglieder in China zu kontaktieren. Diese konnten aber meistens nicht die Polizei informieren, weil sie nicht wussten, wo sich die Mädchen aufhielten.

Lan und Nguyen landeten in der gleichen chinesischen Stadt. Nach zwei Jahren gelang es ihnen, die Häuser, in denen sie lebten, zu verlassen und ein Taxi zur nächsten Polizeistation zu nehmen. Die ganze Zeit über hatten sie Angst, dass die Familien ihrer Ehemänner sie finden würden. Nach den Ermittlungen der Polizei wurden die beiden Mädchen zurück nach Vietnam gebracht.

Ein tragischer Preis für die Flucht

Die beiden Frauen kamen zwar frei. Sie bezahlten aber einen hohen Preis dafür: Sie ließen ihre beiden Babys in China zurück.

Lan erzählt, dass sie – falls sie ihre Tochter jemals wieder sehen sollte – sich bei ihr entschuldigen würde, sie alleingelassen zu haben. „Ich hoffe, dass sie dort ein besseres Leben hat.“

Sowohl Lan als auch Nguyen erinnern sich daran, von ihren Lehrern in der Schule vor Menschenhändlern gewarnt worden zu sein. Damals wollten sie es nicht wahrhaben...

Im folgenden Video erfährst du noch mehr von den mutigen Frauen, die gegen den Menschenhandel kämpfen:

Thema: Report