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Situation in Österreichs Kindergärten: "Die Versäumnisse der letzten Jahre rächen sich jetzt"

Die Schließung von Schulen steht seit Tagen zur Debatte. Aber was ist mit den Kindergärten? Wir haben mit der Bildungsexpertin Raphaela Keller über die Versäumnisse der letzten Jahre gesprochen, die während der Pandemie besonders zum Tragen kommen.

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Situation in Österreichs Kindergärten: "Die Versäumnisse der letzten Jahre rächen sich jetzt"
© Privat

Jeder Tag beginnt mit neuen Corona-Meldungen. Aktuell im Brennpunkt: die Schulen. Die Kindergärten scheinen wieder einmal als Bildungseinrichtungen wenig Beachtung zu finden. Während für Schulen ein bundesweites Gesetz gilt, ist der Kindergarten in Österreich Ländersache. Dieser Fleckerlteppich bringt seit Jahren Probleme sowie Unterschiede in den beruflichen Rahmenbedingungen mit sich. In einem Bundesland gibt es mehr Vorbereitungszeit, in einem anderen bekommen PädagogInnen mehr Unterstützung seitens AssistentInnen. Die Kollektivverträge variieren mit den unterschiedlichen Gewerkschaften und Trägern – und davon gibt es einige.

Kindergärten: Gesetzlicher Fleckerlteppich in Österreich

Aber nicht nur auf die ArbeitnehmerInnen wirken sich diese gesetzlichen Unterschiede aus. Die Qualität der Bildung, die im Kindergarten stattfindet, variiert mit den Rahmenbedingungen, die dem Kindergarten zur Verfügung gestellt werden. So profitieren beispielsweise Eltern in Wien vor allem davon, dass es viele ganztägige Kindergartenplätze gibt. Allerdings ist in der Hauptstadt nur eine wöchentliche Assistenz-Zeit von 20 Stunden pro Gruppe gesetzlich vorgeschrieben. Soll heißen: EinE PädagogiI ist zu einem großen Teil mit 25 Kindern alleine. Personalmangel, große Gruppengrößen, Überstunden – das veranlasst viele, den Beruf zu wechseln. Eine Spirale, die sich nach unten bewegt – und das seit Jahren. "Die Bedingungen, die wir seit vielen Jahren bekritteln, rächen sich während der Corona-Pandemie", weiß Raphaela Keller, ehemalige Vorsitzende des Österreichischen Berufsverbandes der Kindergarten- und HortpädagogInnen sowie Bildungsexpertin.

»Die Versäumnisse der letzten Jahre rächen sich. Allen voran: Es gibt zu wenig Pädagoginnen und Pädagogen.«

"Kindergärten sind systemrelevant"

Aufgrund der Corona-Krise stehen Österreichs Kindergärten nun vor neuen Herausforderungen: KollegInnen, die der Risikogruppe angehören und nicht arbeiten können, PädagogInnen und Kinder, die einem hohen Risiko ausgesetzt sind und Eltern, die täglich befürchten müssen, dass ihr Kind in Quarantäne geschickt wird. Zudem gibt es wenig Information und Kommunikation seitens der Behörden, so Keller. "Die Kindergärten sind nicht 'nur' Bildungseinrichtungen, die für die Kinder essenziell sind, sondern sind zudem systemrelevant. Das müsste endlich anerkannt werden", erklärt die Expertin. Wir haben sie zum Interview getroffen.

WOMAN: Kann der Bund coronabezogene Vorgaben machen, wenn doch die Länder über die Kindergärten bestimmen?
Keller: Grundsätzlich gibt es im Kindergarten das Ampelsystem. Allerdings sind das nur Empfehlungen, denn die Kompetenz liegt noch immer bei den einzelnen Bundesländern. Die einzelnen Länder und Leitungen interpretieren diese Empfehlungen sehr individuell. So stand die Art des Ablaufes des Laternenfestes (groß und mit Eltern) in einem Privatkindergarten in Wien zum Beispiel noch immer zur Debatte. Während in Niederösterreich, wo die meisten Kindergärten vom Land selbst betrieben werden, eine klare Anweisung für alle Kindergärten gilt. Hier gibt es sehr wenige unterschiedliche Träger. Aber auch hier ist der Informationsfluss der Entscheidungstragenden in die Einrichtungen nicht optimal. Das ist eigentlich in ganz Österreich so.


Was wünschen sich die Einrichtungen seitens der Politik?
Keller: Es wäre gut, wenn in der ganzen Debatte nicht die Kinder vorgeschoben werden würden, sondern die Politik darüber offen sprechen würde, worum es u.a. geht – die Wirtschaft. Ja, es stimmt, Kinder brauchen außerfamiliäre Bildungsimpulse. Dazu wäre es so wichtig, dass man die Kindergärten als systemrelevante Einrichtungen endlich anerkennt. Der Kindergarten macht es nämlich möglich, Familie und Beruf zu vereinbaren. Aber niemand kümmert sich um die Kolleginnen und Kollegen in den Kindergärten. Zumindest gibt es in einigen Bundesländern die Möglichkeit, sich testen zu lassen. Die Rolle der Kinder bezüglich der Ansteckungen untereinander ist ja noch immer umstritten. Aber was ist mit den Erwachsenen, die sich im Kindergarten bewegen?

Es bräuchte nun flächendeckende Vorgaben, die für alle Kindergärten gelten. Zudem wäre es gut, wenn die Pädagoginnen für die Erschwernisse, denen sie ausgesetzt sind, entschädigt bzw. anerkannt werden.

»Während der Arbeit mit jungen Kindern, ist es schwierig einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.«

Wie sieht es mit dem Mund-Nasen-Schutz für das pädagogische Personal aus?
Keller: Je jünger die Kinder sind, desto stärker sind sie von der Mimik der Betreuungsperson abhängig. Nur, wenn sie die Gruppe verlassen, muss er aufgesetzt werden. Eltern sind verpflichtet, einen Mundschutz zu tragen, wenn sie ihr Kind nicht direkt am Haupteingang übergeben. Die Bring- und Abholsituation ist wiederum sehr individuell gestaltet. Die Kinder bei der Tür abzuholen und ihnen beim Umziehen zu helfen, braucht wiederum mehr Personal, das knapp ist.
Zudem darf man eines nicht vergessen: Kinder brauchen die körperliche Nähe. Eine Lösung für Abstandhalten oder Mund-Nasen-Schutz in den Gruppen gestaltet sich also schwierig.

WOMAN: Was wäre eine mögliche Lösung, um den Betrieb aufrecht zu erhalten?
Keller: Es müsste zuerst einmal räumlich anders gelöst werden. Es sind zu viele Kinder in einer Gruppe. Tatsache ist: Es gibt morgens und nachmittags noch immer Sammelgruppen (Anmerkung: Morgens versammeln sich in größeren Kindergärten alle Kinder in einer Gruppe, bis die Kinder aufgeteilt werden), und natürlich lässt sich das Ganze personell nur sehr schwer lösen. Die Auflage besagt ja, dass immer dieselben Kinder mit den selben Erwachsenen zusammenkommen. Mit weniger Kindern in einem Raum würde das Risiko minimiert werden. Dazu braucht es aber Personal. Dieses fehlt aber schon seit Jahren.

»Es ist nicht möglich, ein Kind nicht in den Arm zu nehmen, wenn es getröstet werden will.«

WOMAN: Wie könnte man dem Personalmangel in den Kindergärten entgegenwirken?
Keller: Der Grund, warum viele gar nicht in den Beruf einsteigen oder ihn nach wenigen Jahren verlassen, sind die großen Gruppengrößen, wenig Vorbereitungszeit, wenig Pausen und vor allem auch der Ausbildungsweg der Pädagoginnen. Mit 13 Jahren entscheiden sie sich für die Ausbildung. Wir plädieren schon seit Jahren für eine Ausbildung auf Hochschulebene. Wir haben bereits 1992 ein Konzept dafür entwickelt. Aber auch dieser Umstand wird seit Jahren ignoriert. Es bräuchte einen Etappenplan für die Reduzierung der Kinder in den Gruppen und einen für mehr Supervision für die Kolleginnen und Kollegen.

WOMAN: Wie sieht es mit dem Gehalt aus?
Keller: Da hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Die Bezahlung wurde besser. Das Hauptproblem der Kolleginnen und Kollegen, die nicht in den Beruf gehen, ist nicht das Geld, sondern die vielen Kinder, für die sie zuständig sind und die Bildungsarbeit, die sie nicht durchführen können. Theorie und Praxis sind demnach kaum kompatibel. Von den Überstunden und den flexiblen Dienstplänen ganz zu schweigen.

Was sagen die Kindergartenpädagoginnen selbst?

Die Herausforderung bestehe nicht nur im Fachkräftemangel, sondern auch im täglichen Ablauf, der sich seit der Pandemie geändert hat. Mehr Reinigungs- und Büroarbeiten treffen die ohnehin schon schlecht besetzten Kindergärten. "Zudem gibt es jeden Tag neue Infos oder Empfehlungen, wobei für uns oft nicht klar ist, wie diese zu interpretieren sind", so die Kindergartenpädagogin, die anonym bleiben möchte. Der Umgang mit Verdachtsfällen gestalte sich manchmal ebenfalls schwierig: "Nicht immer bekommen wir genaue Auskunft, was genau zu tun ist. Die Kommunikation wurde im Laufe der Pandemie besser, aber bei positiven Fällen oder Kontaktpersonen muss man erstmal durch eine Menge Büroarbeit. Und das manchmal mitten in der Bildungszeit", erklärt die Pädagogin. "Das isolieren er Gruppen gestaltet sich oft schwierig. Und auch der persönliche Kontakt zu den Eltern fehlt – der ist besonders im Kindergarten äußerst wichtig. Die Kinder müssen auf Ausflüge oder Feste schon lange verzichten", so die Pädagogin.

Ob weitere Maßnahmen der Regierung zu erwarten sind, wird sich zeigen. "Im Laufe der nächsten Woche muss die Stabilisierung gelingen", erklärte Gesundheitsminister Rudolf Anschober. Auch in der Wissenschaft werden Kindergartenkinder häufig ausgeblendet. Die sogenannte "neue Gurgelstudie" befasste sich mit schulpflichtigen Kindern (Volksschule und Mittelschule & AHS-Unterstufe).