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Kinderwunsch? Mit einem Klick zum Eltern-Glück

Als Single zum Wunschkind? Klingt schwierig. Muss es aber nicht sein. Die Plattform "Familyship" vermittelt zukünftige Eltern untereinander. Im Fokus: eine freundschaftliche Basis. Auf virtuellem Weg finden Menschen zusammen, die ein Kind möchten. Liebe spielt dabei keine Rolle. Vorwiegend nutzen Singles, Schwule und Lesben die Plattform, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Gründerin Christine Wagner lebt das außergewöhnliche Konzept vor.

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Kinderwunsch
© iStockphoto.com

Vor sieben Jahren war der Kinderwunsch bei Christine Wagner, 36, und ihrer damaligen Lebensgefährtin Miriam Förster, 37, groß: "Aber als lesbisches Paar war das natürlich ein Problem. Eine anonyme Samenspende kam für uns nicht infrage. Wir wollten einen aktiven Vater, doch wir hatten keine Idee, wo wir den finden würden." Vergeblich suchten die beiden Deutschen im Netz, durchstöberten Anzeigen in Magazinen und besuchten eine Kinderwunschgruppe für Lesben und Schwule - ohne Erfolg.

"Eines Abends saßen wir frustriert zu Hause und dachten: Verdammt, warum gibt es denn nichts auf Online-Portalen, das uns weiterhilft? Sonst findet man da ja alles. So entstand 2011 der Gedanke, dass wir einfach selbst eine Plattform starten könnten, auf der sich Menschen mit Babywunsch connecten", erinnert sich Christine.

Familie hat viele Formen

Mit "Familyship.org" treffen Ärztin Christine und IT-Projektleiterin Miriam den Zeitgeist. Das klassische Familienmodell verliert zunehmend an Bedeutung. In Österreich leben etwa 621.000 Ehepaare mit Kindern unter 18 Jahren. Die Zahl der Alleinerziehenden nimmt von Jahr zu Jahr zu. Derzeit sind es 47.800, dazu kommen 148.600 Lebensgemeinschaften mit Kind. Ebenso gründen immer mehr homosexuelle Paare eine Familie. Der aktuelle Stand liegt bei 7.700.

Kinderwunsch als Single? Oder als homosexuelles Paar?

"In den Statistiken werden jedoch jene nicht erfasst, die völlig unabhängig von einer Partnerschaft ihren Kinderwunsch realisieren wollen", sagt Wagner. Ihre Plattform soll als virtueller Ort dienen, an dem Menschen zusammenkommen, die auf freundschaftlicher Basis eine Familie gründen möchten: "Wir wollen das traditionelle Modell nicht abschaffen oder hinterfragen, aber dafür sorgen, dass alternative Formen gesellschaftlich anerkannt werden."

Offenheit ist wichtig

Ein Profil auf "Familyship" kann man ganz einfach einrichten: Foto hochladen, inklusive Wohnort sowie Alter. Dann muss noch klargestellt werden, welche Rolle man später gerne einnehmen möchte. Will man eine aktive Mutter/ein aktiver Vater sein? Oder eher in Onkel- oder Tantenfunktion auftreten? "Leihmutterschaft und anonyme Samenspenden lehnen wir ab. Das Kind soll seine Herkunft kennen. Wir betrachten das als ein Grundrecht eines jeden Menschen."

Das Interesse ist groß. Mittlerweile zählt die Plattform 2.500 Mitglieder, darunter 100 Österreicherinnen und Österreicher. Zwei Drittel davon sind weiblich. "Bei den Frauen überwiegt der Wunsch nach einer aktiven Mutterrolle, bei den Männern ist das Verhältnis ausgewogen", erklärt Christine.

»Vor allem Frauen um die 30, gebildet und mit gutem Job, melden sich bei uns an.«

Zehn bis 20 Stunden pro Woche Arbeitszeit investieren die beiden Gründerinnen in ihre Domain: "Der Aufwand hat in den letzten Jahren zugenommen, da wir durch die steigende Nachfrage professioneller werden mussten." Miriam kümmert sich um alles Technische, Christine um den öffentlichen Auftritt: "Wir vernetzen uns stark mit Verbänden. Und sind natürlich pausenlos in den sozialen Netzwerken aktiv."
Für einen Monat zahlen Mitglieder 19 Euro, für sechs Monate 49 Euro.

Wie kommt das an?

Kritik gibt es selten. Ab und zu heißt es, das sei doch egoistisch und gleiche Car-Sharing mit Menschen: "Einige können sich das Konzept für sich nicht vorstellen. Das ist okay, wir müssen ja nicht jedem gefallen. Das Wichtigste ist doch, dass ein Kind in einem liebevollen und empathischen Umfeld aufwachsen kann." Die Familienkonstellationen, die sich letztendlich ergeben, sind so unterschiedlich wie die Menschen hinter den Profilen: "Jeder gestaltet, zusammen mit dem potenziellen Vater oder der Mutter, ein individuelles Modell."

»Leihmutterschaft und anonyme Samenspenden lehnen wir ab. Das Kind soll seine Herkunft kennen.«

Schon lange zeigen nicht nur Homosexuelle Interesse: "Vor allem Frauen um die 30, gebildet und mit gutem Job, melden sich bei uns an. Sie haben mit der Liebe in der Vergangenheit einfach nicht viel Glück gehabt und wünschen sich dennoch ein Baby. Es gibt auch Männer, die gerne Kinder hätten, sich aber nicht als Familienmenschen sehen. Solche suchen sich zum Beispiel ein lesbisches Paar. So haben sie die Möglichkeit, regelmäßig Kontakt zu halten, müssen aber nicht zu viel Verantwortung übernehmen."

Ob sich dabei auch schon einmal ein Couple verliebt hat, wissen Christine und Miriam nicht: "Viele Rückmeldungen bekommen wir nicht. Von einem Beispiel haben wir durch einen Radiobeitrag erfahren: Ein schwules Paar hat ein lesbisches kennengelernt. Inzwischen haben sie zwei Häuser gebaut. Nebeneinander. In dem einen wohnen die Männer, in dem anderen die Frauen. Und mittendrin ihr Sohn, ein weiteres Kind soll bald folgen. Sie teilen sich die Verantwortung und treffen sich im Sommer oft auch im eigenen Garten. Solche Geschichten bestätigen unsere Arbeit und freuen uns natürlich ganz besonders." Und was wurde aus Miriams und Christines Kinderwunsch? Er wurde erfüllt, wenn auch nicht so, wie ursprünglich geplant.

Das Glück gefunden

"Miriam und ich haben uns vor einigen Jahren getrennt, ich wollte dennoch ein Baby. Den Vater meiner Tochter Millie habe ich dann tatsächlich auch über 'Familyship' gefunden", freut sich Christine. Sie hat sich einen aktiven Papa gewünscht. Gefunden hat sie den mit dem schwulen Theatermanager Gianni Bettucci, 44: "Wir haben uns anfangs nur so getroffen und ganz normale Sachen miteinander unternommen, wie ins Kino gehen oder essen. Wir wollten uns zuerst wirklich genau kennenlernen, immerhin ist man bestenfalls ein Leben lang durch ein gemeinsames Kind miteinander verbunden. Nach einem Jahr wussten wir beide: Das passt."

Einige Versuche waren notwendig - "Es war gar nicht so einfach, da Gianni beruflich sehr viel im Ausland unterwegs ist" -, bis Christine via Bechermethode schwanger wurde: "Die Freude über die positive Nachricht war unheimlich groß. Millie ist jetzt fünf Jahre alt und unser ganzer Stolz." Und Christine und Gianni wohnen mittlerweile sogar in einer WG zusammen: "Anfangs hatten wir zwei Wohnungen nebeneinander, irgendwann haben wir aber eine Wand durchgebrochen. So ist es natürlich einfacher für alle. Vor allem Millie kann hin und her flitzen." Das Sorgerecht wird geteilt, Erziehungsthemen werden gemeinsam diskutiert. Angst, dass Millie die außergewöhnliche Familienstruktur später einmal hinterfragen könnte, hat Christine nicht. "Wir werden versuchen, ihr immer alles zu erklären und möglichst transparent zu leben.

Die Beziehungsqualität steht an oberster Stelle und nicht, wer mit wem in einem Bett schläft. Manchmal fragt Millie ihren Vater schon nach seinem Partner. Sie versteht das noch nicht und bezeichnet ihn als Papas besten Freund. Wir bessern sie dann aus und sagen, dass das sein richtiger Freund ist. So zeigen wir ihr, dass es viele Arten von Familien gibt. Und wir sind eine davon."

Themen: Eltern, Kinder

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