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Kinderwunsch: Hab ich als Frau versagt?

Wenn der Wunsch nach einem Kind unerfüllt bleibt, verzweifeln viele Frauen. Auch die Beziehung zum Partner wird zur Belastungsprobe. Olivia Wollinger ist selbst betroffen und hilft heute anderen dabei, wieder einen Sinn im Leben zu finden.

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Hab ich als Frau versagt?
© Monika Saulich

"Das ist so ein heikles Thema. Kann ich noch ein wenig darüber nachdenken, ob ich tatsächlich so viel von mir preisgeben möchte?" Olivia Wollingers (45) erste Reaktion auf unsere Interviewanfrage ist nachvollziehbar. Zu tief sitzt der Schmerz bei Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben. Letztendlich stimmte die Trainerin für Körperarbeit einem Gespräch zu und überraschte mit ihrer Offenheit: "Es betrifft ja viele. Ich finde es wichtig, anderen Mut zu machen und zu zeigen, dass sie nicht alleine sind."

In Österreich können etwa 30.000 Paare keine Kinder bekommen, weltweit gesehen sind es 20 Prozent. Olivia Wollinger weiß aus eigener Erfahrung: "Der Wunsch nach einem Kind kann übermächtig werden. Verbissen wird nur mehr ein Lebensziel angesteuert: schwanger zu werden."

WOMAN: Ab wann verspürten Sie die Sehnsucht nach Nachwuchs?
Wollinger: Die war schon immer da. Konkret wurde sie relativ spät. Ich hatte in meinen 20ern eine Essstörung und wollte zuerst mein Leben in Ordnung bringen. Bis es so weit war und ich den passenden Mann fand, war ich 33. Mit 35 fingen wir an zu "basteln". Als nach einem Jahr nichts passierte, wurde ich nervös.

WOMAN: Wie haben Sie reagiert?
Wollinger: Ich habe nichts unversucht gelassen: stundenlang gegoogelt, Tees, Therapien, Massagen, TCM probiert und sogar meinem Partner das eine oder andere "Wundermittelchen" untergejubelt. Mein Fokus lag auf dem Wunschkind, nicht mehr auf unserer Partnerschaft.

WOMAN: Das ist sicher auch für die Beziehung eine große Herausforderung. Haben Sie sich dadurch auseinanderentwickelt?
Wollinger: Ja. Von Zyklus zu Zyklus wuchs mein Druck, gleichzeitig versuchte ich, diese Gefühle vor meinem Partner zu verheimlichen. Ich wollte ihn nicht belasten. Dadurch war ich manchmal sehr einsam mit meinem Kinderwunsch. Irgendwann fingen die Vorwürfe an: "Ich mache so viel. Was trägst du eigentlich bei? Dir ist das doch eh egal!" Mein Partner meinte: "Lass los, entspann dich, das wird schon." Heute weiß ich, dass diese Gelassenheit des Mannes auch Vorteile hat. Es bringt wenig, wenn beide verzweifeln. Doch damals hat mich der Satz "Bleib ruhig" zur Weißglut gebracht. Wie sollte ich mich zurücklehnen, wenn sich mein großer Wunsch nicht erfüllte? Ich hatte Angst, dass mein Leben ohne Kinder keinen tieferen Sinn haben würde.

WOMAN: Welche Auswirkungen hatte das auf Ihr Sexleben?
Wollinger: Es wurde anstrengend. Sex nach Kalender, Lust auf Knopfdruck, das war wenig prickelnd und ließ kaum Raum für Nähegefühle. Viele Paare, die gerne ein Kind hätten, haben sexuelle Probleme. Aus Scham wird aber selten darüber gesprochen. Einige Männer haben Potenzschwierigkeiten, weil der Mann weiß, dass es ohne seinen Samen nicht funktioniert. Ich kenne auch Paare, die schon immer wenig Sex hatten und damit plötzlich Stress bekommen.

WOMAN: Warum hat es bei Ihnen nicht geklappt?
Wollinger: Ich hatte Endometriose und Zysten. Nach einer OP empfahl mein Arzt künstliche Befruchtung (IVF). Er meinte: "Sonst wird das nichts." Doch in mir sträubte sich alles, ich entschied mich dagegen. Mich persönlich hätten der IVF-Hormoncocktail und die Achterbahnfahrt der Gefühle zu sehr belastet. Außerdem stimmte in meiner Beziehung vieles nicht mehr. Ein Jahr später kam die Trennung. Ein Schock für mich! 38 Jahre, kinderlos und Single. Damals begann ich, mich von meinem Kinderwunsch zu verabschieden.

Die Trennung war ein Schock für mich: 38 Jahre, kinderlos und Single.

WOMAN: Wusste Ihr Umfeld von Ihren Sorgen?
Wollinger: Anfangs nicht, nach einiger Zeit schon. Ich wollte einfach keine Fragen mehr nach meinem Familienstatus hören. Diese kommen scheinbar ständig, wenn man ein Thema damit hat: "Und, wie ist es mit einem Baby?" Obwohl es nicht böse gemeint ist: Frauen, die einfach nicht schwanger werden, verletzen solche Fragen tief, da sie an ihren großen Mangel erinnert werden. Ich habe sehr genau darüber nachgedacht, mit wem ich meine Gefühle teile, da ich mich damit auch verletzlich gemacht habe.

WOMAN: Wie haben Sie es geschafft, loszulassen?
Wollinger: Das hat noch gedauert, denn ich wurde unglaublicherweise doch noch schwanger. Mit fast 41 lernte ich meinen heutigen Lebensgefährten kennen. Wir waren verliebt, hatten entspannten Sex ohne Hintergedanken, und siehe da, völlig unerwartet passierte es. Ich konnte es gar nicht glauben, doch leider verlor ich das Kind in der neunten Woche. Ein Jahr später wiederholte sich das Ganze.

WOMAN: Wären Sie lieber erst gar nicht schwanger gewesen?
Wollinger: Ich möchte meine Fehlgeburten nicht missen. Diese paar Wochen der tiefen Freude kann mir keiner mehr nehmen. Dieses Gefühl trage ich in mir, und es hat mir Kraft gegeben, mit der Trauer umzugehen. In meiner Praxis erlebe ich oft, dass sich Frauen in der Frühschwangerschaft keine Freude erlauben. Die Angst vor dem Verlust ist groß, und wir denken, dass wir den Schmerz verringern können, wenn wir keine Freude zulassen. Leider funktioniert das meistens nicht. Für mich war der Gedanke wichtig, dass ich für mein Kind in Liebe da sein darf, von Anfang an. Auch wenn es nur kurz bei mir bleiben möchte. Ich habe übrigens bei vielen Klientinnen beobachtet, dass Fehlgeburten nach einer künstlichen Befruchtung noch tragischer wahrgenommen werden.

WOMAN: Weshalb?
Wollinger: Bei einer natürlichen Befruchtung kommt die Regel verspätet und die Frau weiß vielleicht gar nicht, dass sie eine sehr frühe Fehlgeburt hatte. Bei der IVF fängt das Zittern, ob alles okay ist, Wochen früher an. Nämlich sobald die Frau hofft, genug Eizellen zu "produzieren". Hinzu kommen der Hormoncocktail, der Stress und die finanzielle Belastung. Das verstärkt alle Gefühle, auch die Verzweiflung nach einer Fehlgeburt.

WOMAN: Meiden Sie eigentlich den Umgang mit Kindern?
Wollinger: Heute nicht mehr. Aber es gab eine Zeit, da konnte ich an keinem Spielplatz vorbeigehen, ohne mich schlecht zu fühlen. Ich habe nur glückliche Mütter wahrgenommen. Ich war eifersüchtig und wollte auch haben, was sie haben. Heute ist mein Blick realitätsnäher. Ich beobachte, wie gestresst manche Mamas wirken und dass die Kleinen auch ganz schön nerven können. Dann bin ich dankbar, dass mein Leben schön entspannt ist. Früher musste ich aufpassen, mich nicht zu sehr zu isolieren.

WOMAN: Hatten Sie Kontakt zu Freundinnen mit Kindern?
Wollinger: Zwei enge Freundinnen waren ebenfalls ungewollt kinderlos. Da war das gegenseitige Verständnis groß. Die Freundschaft zu einer anderen ist zerbrochen. Das lag aber nicht daran, dass sie ein Kind hatte, sondern viel mehr an unserer unterschiedlichen Entwicklung. Da war einfach keine Verbindung mehr zwischen uns.

WOMAN: Wie schwierig ist es für Sie, wenn Sie heute in Ihrer Praxis schwangere Frauen betreuen?
Wollinger: Als mein Exfreund und ich anfingen, an einem Baby zu basteln, habe ich fast gleichzeitig mit meiner Arbeit als Körpercoach begonnen. Da wusste ich noch nicht, was auf mich zukommen würde. Ich musste lernen, klar zwischen eigenen und fremden Themen zu unterscheiden. Aber ich gebe zu, einmal fiel es mir schwer. Als ich gleichzeitig mit einer Klientin schwanger wurde und sie ihr Baby behalten durfte und ich eben nicht. Ich machte Supervisionen, und dadurch gelang es mir, die Klientin mit ihren Themen gut zu begleiten und meine Emotionen an einem anderen Ort zu bearbeiten.

WOMAN: Welche Gefühle belasten Frauen, die vergebens auf ein Baby hoffen?
Wollinger: Viele Betroffene fragen sich: "Habe ich als Frau versagt?" Kinder zu bekommen, liegt in unseren Genen, und wenn man diese scheinbar natürlichste Sache der Welt nicht hinbekommt, schmerzt das. Ich war auch neidisch und stellte mir die Frage: "Warum hat die ein Kind und ich nicht?" Themen wie Leistung und Kontrolle spielen eine große Rolle. Wir sind es gewohnt, zu erreichen, was wir wirklich wollen: ein Studium, ein Haus. Wenn man es nicht schafft, schwanger zu werden, ist das eine bittere Enttäuschung. In mir hat das viele Gefühle erzeugt: von Ohnmacht über Angst, Trauer, Wut bis hin zu Selbsthass.

WOMAN: Weshalb ist das Familienthema bei vielen Frauen so dominierend? Und bei anderen hingegen gar nicht?
Wollinger: Ich glaube, dass es übermächtig wird, sobald man in mehreren Lebensbereichen unzufrieden ist. Ich habe viele Klientinnen erlebt, die unglücklich im Job sind, keine Erfüllung im Leben finden und den Tunnelblick starr auf ein Kind ausgerichtet haben: "Wenn ich schwanger werde, kann ich in Karenz gehen und muss meinen lästigen Job nicht mehr ausüben." Oder man befindet sich in einer langweiligen Partnerschaft und glaubt, ein Baby würde frischen Wind bringen.

WOMAN: Wie gelingt es, dass einen der Schmerz nicht ein Leben lang begleitet?
Wollinger: Indem man ihn zulässt, statt ihn wegzudrängen. Ich habe ihn als Teil von mir akzeptiert, und er wird jedes Jahr leichter. Im Alltag ist er mittlerweile fast nie da. Witzigerweise hat es mir geholfen, als ich letztes Jahr meine erste Hitzewallung hatte. Ich spüre, dass es mit der Fruchtbarkeit langsam zu Ende geht. Es ist gut, wie es ist. Jetzt dürfen die Falten kommen. (lacht)

Unterstützung

Hier hat Olivia Wollinger Rat und Kraft gefunden: kinderwunsch.de

Thema: Kinder