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Kinderwunsch ist auch ein Männerthema

Bei unerfülltem Kinderwunsch stehen meist Frauen im Vordergrund. Aber auch Männer wünschen sich Kinder und sie leiden, wenn es mit dem Schwangerwerden nicht klappt. Einer von vielen mit einem solchen Schicksal ist Marco.

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Kinderwunsch ist auch ein Männerthema
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Das Thema Kinderwunsch wird meist nur aus der weiblichen Perspektive beleuchtet. Schließlich tragen Frauen die Babys auch aus. Aber zum Kinderkriegen gehören bekanntlich zwei, und auch Männer wünschen sich Nachwuchs. Und leiden, wenn ihre Partnerin nicht schwanger werden kann oder gar eine Fehlgeburt erleidet. So erging es Marco.

Der 38-jährige hat seine Julia auf dem Weihnachtsmarkt kennengelernt und vier Jahre später geheiratet. Der Traum von der kleinen Familie war perfekt. Doch bald stellte sich heraus: Julia konnte nicht schwanger werden. Sie unterzog sich Hormonbehandlungen mit schweren Nebenwirkungen, wurde dann tatsächlich schwanger, verlor das Kind aber in der 17. Woche.

Nach einer tiefen Krise schöpften die beiden wieder Hoffnung. Sie haben eine neue Methode zur Bestimmung der fruchtbaren Tage entdeckt. Jetzt freuen sie sich darauf, im März 2020 Eltern zu werden.

Im Interview erzählen sie von den Behandlungen, Einsamkeit, einer Totgeburt und davon, was ihnen geholfen hat, diese bisher schlimmste Phase ihres Lebens durchzustehen und wieder Hoffnung zu schöpfen. Zudem berichten sie von ihren positiven Erfahrungen mit einem medizinischen Tool zur Zyklusdiagnostik.

Marco und Julia, wann ging es mit eurem Kinderwunsch los?
Marco: Früher wollte ich eigentlich gar nicht Vater werden. Dann habe ich mit 29 Jahren trotzdem ein Kind mit meiner damaligen Partnerin bekommen. Drei Jahre später haben wir uns getrennt und mir war klar, dass ich kein Kind mehr möchte, weil die Trennung für alle Beteiligten, vor allem für meinen Sohn, sehr schmerzhaft war. Das hat sich in dem Moment geändert, als ich Julia kennengelernt habe. Mit ihr ist der Wunsch nach einem gemeinsamen Kind in mir aufgeflammt.
Julia: Das war bei mir ganz anders. Seit ich denken kann, wollte ich Mutter werden. Allerdings war ich im ersten Moment überhaupt nicht überzeugt davon, dass Marco der passende Partner sein könnte. Bei unserer ersten Begegnung dachte ich: Was für ein schrecklicher Angeber. Da hab ich mich zum Glück getäuscht.

Sieht so aus. Sonst hättet ihr ja nicht geheiratet. Habt ihr denn direkt nach der Hochzeit versucht, Kinder zu bekommen?
Julia: Ja, klar. Aber ich hatte schon vor der Hochzeit geahnt, dass es vielleicht schwierig werden könnte. Ich habe jahrelang die Pille genommen und in den letzten Jahren schon keine Periode mehr gehabt. Nachdem ich nach mehreren Monaten noch immer nicht schwanger war und ich keinen Zyklus hatte, wurde aus der Sorge langsam Angst.

Du bist dann zum Frauenarzt gegangen, der bei dir das PCO-Syndrom diagnostizierte. Das ist eine hormonelle Zyklusstörung, die etwas 10% aller Frauen betrifft und die unter anderem zu unregelmäßigem Zyklus führt. Kanntet Ihr dieses Syndrom schon vorher?
Marco: Wir hatten beide noch nie davon gehört. Bei mir war das allerdings auch kein Wunder. Ich hatte mich vorher noch nie ernsthaft mit dem Thema weiblicher Zyklus oder Schwangerschaft auseinandergesetzt. In meinem Kopf wurden alle Frauen halt schwanger, wenn man ungeschützten Sex hat. Die normalste Sache der Welt. Mittlerweile weiß ich, dass das oft gar nicht so einfach ist.
Julia: Die Diagnose war erst mal nicht so schlimm, aber die Überweisung in die Kinderwunschklinik schon. All meine Freundinnen sind einfach so schwanger geworden und der Gang in eine Kinderwunschklinik war eine große Hürde für mich. Ich fühlte mich so alleine und anders als alle anderen.

Welche Auswirkungen hatten die Hormonbehandlungen auf dich, Julia? Und auf eure Beziehung?
Julia: Die Behandlung hatte schlimme Nebenwirkungen: Hautausschlag, Haarausfall und depressive Verstimmungen. Ich bin in ein schwarzes Loch gefallen und hab viel geweint. Das war eine ziemliche Horrorzeit. Außer mit Marco und meiner Mutter habe ich auch mit kaum jemand darüber geredet. Das war ein Fehler, denn nach außen hin habe ich immer schön gelächelt, aber innerlich war ich total verzweifelt.
Marco: Eigentlich sind wir beide sehr positive Menschen, aber plötzlich wurde die Welt für Julia düster. So kannte ich sie gar nicht. Es war schwer für mich, sie aus diesem negativen Denkkreis rauszuziehen. Natürlich habe ich immer versucht, sie aufzubauen, aber gegen eine geballte Ladung Hormone kommt man mit guten Worten nicht immer an.

Euren Tiefpunkt hattet ihr, als Julia schwanger wurde ist und ihr dieses Baby in der 17. Woche verloren habt. Das ist der Albtraum aller werdenden Eltern. Wie seid ihr da wieder rausgekommen?
Marco: Das war das Schlimmste, was mir je passiert ist. Ich kam mir so hilflos vor. Wir haben viel geweint. Mir sind auch bei der Arbeit oft die Tränen gekommen.
Julia: Die Zeit nach dem Verlust unseres Babys war grausam. Es hat Monate gedauert, bis es mir mental wieder besser ging. Aber durch die Schwangerschaft hatte sich etwas in meinem Körper geändert. Plötzlich kam mein Zyklus von alleine in Schwung. Mir wurde klar, dass ich die Kinderwunschklinik nicht unbedingt brauchte, um noch einmal schwanger zu werden.

Wie haben denn eure Kolleginnen und Kollegen reagiert?
Marco: Irgendwann habe ich einfach angefangen, mit ihnen über das Thema zu sprechen. Und das Feedback hat mir sehr geholfen. Nachdem ich mich geöffnet habe, habe ich von immer mehr Menschen erfahren, die ähnliche Schicksale erlitten hatten.
Julia: Bei mir hat es länger gedauert, bis ich da drüber sprechen konnte. Für lange Zeit war die einzige Frage zum Thema Kinderkriegen, die mir gestellt wurde: Na, wann ist es denn bei euch soweit? Diese Frage an Frischverheiratete sollte übrigens verboten werden. Aber natürlich konnten die Fragenden nicht wissen, dass es bei uns nicht so einfach ist. Und wahrscheinlich hätte ich viel früher offen mit unseren Problemen umgehen sollen.

Mittlerweile teilt ihr eure Erlebnisse auf Instagram unter dem Profil julie_s_blog. Das ist ein geradezu offensiver Umgang mit dem Thema. Wie kam es dazu?
Julia: Mir ist es anfangs leichter gefallen, mich über soziale Medien auszutauschen. Über Instagram habe ich Frauen kennengelernt, die ähnliche Geschichten durchlebt hatten. Erst viel später haben wir mitbekommen, dass auch in unserem Bekanntenkreis Paare einen unerfüllten Kinderwunsch haben oder ein Kind verloren hatten. Obwohl das so häufig passiert, ist es halt noch ein totales Tabu-Thema und mir ist es ein großes Anliegen, so vielen Betroffenen wie möglich das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine sind.
Marco: Männer reden gar nicht über sowas. Auch nicht in sozialen Medien. Die leiden still. Dabei wirkt Reden so befreiend. Und ich habe von meinen Arbeitskollegen wie auch von Julias Instagram-Followern viel positives Feedback für meine Offenheit bekommen. Besonders als Mann, der darüber redet.

Und jetzt ist Julia wieder schwanger. Wie war der Weg zur zweiten Schwangerschaft?
Marco: Easy. (lacht)
Julia: Erstaunlicherweise tatsächlich viel entspannter als bei der Ersten. Wie gesagt, ich hatte ja wieder einen Zyklus. Allerdings keinen regelmäßigen. Also habe ich angefangen meinen Zyklus zu monitoren, um das fruchtbare Zeitfenster zu bestimmen. Zuerst mit einem Thermometer, dann mit OvulaRing, einer Methode, die dauerhaft die Temperatur im Körperinneren misst und mit einem medizinischen Algorithmus auswertet.
Marco: An das Thermometer erinnere ich mich noch. Jeden Morgen bin ich von dem Piepen aufgewacht. Das ist es natürlich wert, aber ein wenig genervt hat es trotzdem.
Julia: Mich hat dieses ständige Messen auch genervt. Es war umständlich und hat wieder Druck aufgebaut. Deswegen war ich extrem froh, als ich von OvulaRing erfahren habe. Damit musste ich nicht täglich zu bestimmten Zeiten daran denken. Ich konnte also entspannt bleiben und hab trotzdem den Überblick behalten. Ich bin mir sicher, dass die Entspanntheit dazu beigetragen hat, dass ich wieder schwanger wurde.

Marco, bist du durch eure gemeinsame Geschichte zum Schwangerschafts-Experten geworden?
Marco: Also die Zykluskurve meiner Frau kann ich noch immer nicht richtig deuten, aber zum Glück zeigt die Software das ziemlich idiotensicher an. Tatsächlich finde ich die Vorgänge interessant und bin froh, mittlerweile so viel mehr über den Ursprung des menschlichen Lebens, auch die damit verbundenen Schattenseiten, gelernt zu haben. Unsere Freundinnen und Freunde wissen jetzt, dass wir immer ein offenes Ohr haben. Die Instagram-Follower sowieso. Und wenn dadurch auch nur ein einziges Paar mutiger mit dem Thema Kinderwunsch umgeht, ist das schon total super.

Marco & Julia

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Themen: Eltern, Kinder

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