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Kinderyoga für mehr Ausgeglichenheit

In Deutschland bereits Pflichfach an Schulen, in Österreich im Kommen: Kinderyoga. Yoga sorgt für Ausgeglichenheit – auch bei Kids. Ein Report.

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Kinderyoga für mehr Ausgeglichenheit
© Privat

Wien. Es ist Samstag, 10 Uhr. Noch etwas verschlafen sitzen fünf Kinder auf ihren Matten im Kreis und hören gespannt zu, wie Patrick, 10, von seiner Woche erzählt. In der Hand hält der dunkelhaarige Junge eine große Muschel. Patrick hält kurz inne, presst sie ans Ohr und lauscht gebannt. „Das hört sich an wie Meeresrauschen“, sagt er.

Sogleich strecken sich ihm zehn Kinderhände entgegen, die auch hören möchten. „Ihr könnt sie gleich haben, ich habe noch was vergessen“, sagt Patrick und setzt seine Erzählungen der letzten Woche fort.

Er ist am Wort. Die anderen sollen ihm zuhören. Das weiß Patrick. Denn nur das Kind, das die Redemuschel hält, darf reden.

Kinderyoga: Lachen ist erlaubt!

Patrick macht Yoga. Freiwillig. Der dunkelhaarige Junge ist schon fast ein Profi. Seit zwei Jahren nimmt er regelmäßig an den Kursen teil. Der „Berg“ oder der „herabschauende Hund“ sind für ihn kein Problem mehr. Diese Übungen sind Teil des Sonnengrußes, mit dem der praktische Teil jeder Kinderyoga-Stunde beginnt. Zu einem Lied führen die Kinder eine Abfolge von dreizehn Übungen durch.

Bei dem Textteil „Mein Popo wächst hoch hinaus, vielleicht kommt ein Pups heraus“ kichern sie, während sie sich auf allen Vieren abstützen und ihre Beine und Arme durchstrecken.

Lachen ist erlaubt. Und auch sonst ist Kinderyoga nicht mit einer Erwachsenen-Yogastunde vergleichbar. Es geht vielmehr um Kreativität, Fantasie. Und: „Kinderyoga ist mit sehr viel Spaß verbunden. Das ist die beste Motivation für Kinder. Das bringt den Zappelphilip zur Ruhe und das Aggressionspotential sinkt beachtlich. Auch ihre Aufmerksamkeit und das Durchhaltevermögen, konzentriert bei einer Sache zu bleiben wird bei gutem Kinderyoga erfolgreich trainiert. Die Kinder dürfen nur nicht überfordert werden“, sagt Kinderyoga-Lehrerin Sibylle Schöppel.

Kinderyoga fördert Konzentration und Ausgeglichenheit

Schlechte Aufmerksamkeit – das war auch der Grund, weshalb Patricks Eltern beschlossen haben, ihren Sohn in den Kurs zu schicken. Gelang ihm anfangs eine Übung nicht beim ersten Mal, war er schnell entmutig und enttäuscht. Nur langsam konnte er sich an den Gedanken gewöhnen, dass es nicht darum geht, der Beste zu sein. „Man muss sich voll und ganz auf die Kinder einstellen und sich in sie reinfühlen“, sagt Schöppel und behält recht. Denn länger als 30 Sekunden verharrt kein Kind in einer Yogaposition.

Generell können Kinder ab drei Jahren Yoga praktizieren. Hier werden aufgrund der körperlichen Konstitution nur einfache Übungen gewählt. Ab etwa acht Jahren können dann anspruchsvolle Übungen gemacht werden.
Viele Positionen wurden beim Yoga aus der Natur übernommen, Kinder können also augenblicklich in die Rolle eines Hasen, eines Hundes oder eines Schwans schlüpfen.

Generell gilt: Je jünger die Gruppe, desto spielerischer die Stunde. Atemübungen und geführte Meditation in Form einer Fantasiereise runden das Stundenbild ab.

In Deutschland bereits Pflicht

Was als Versuch vor rund 16 Jahren in Berlin-Kreuzberg begann, wurde mittlerweile von drei Pädagogen wissenschaftlich dokumentiert. Es wurde belegt, dass mit regelmäßigen Yogaübungen die Beweglichkeit und Konzentrationsfähigkeit der Schüler deutlich ansteigt. Darüber hinaus werden die sozialen Fähigkeiten gefördert, was wiederum einen besseren und entspannten Umgang mit den Mitschülern bewirkt.

Das haben Lehrer in Deutschland bereits vor einiger Zeit erkannt und Yoga an Grundschulen (Volksschule) als Pflichtfach eingeführt.

Auch in Österreich werden immer mehr Kurse für Kinder ab drei Jahren angeboten. Eine einheitliche Ausbildung gibt es dafür aber noch nicht. Vor schnellen Diplomen wird gewarnt: „Diese Eintages-Seminare sind schlicht hinweg ein Witz und in meinen Augen auch Betrug. Ein guter Yogalehrer, dem man guten Gewissens auf ihn vertrauende Menschen loslassen darf, muss fundiertes Wissen über die Anatomie des Menschen besitzen und die Psyche samt Unterbewusstsein verstehen, damit er früh genug erkennt, wann einer seiner Schüler eine Übung gefährlich durchführt, um eingreifen zu können. Vor allem dieses zu können verlangt viel Wissen und langjährige Erfahrung“, so Schöppel. Nur dann, so die Yogaexpertin, würden Kinder sowohl körperlich als auch auf sozialer Ebene davon profitieren.

Von Löwen und Krokodilen

Zurück zur Yogastunde: Ein Mädchen setzt sich nach dem Sonnengruß erschöpft im Schneidersitz auf ihre blaue Matte und schaut die Lehrerin erwartungsvoll an. Nora ist elf Jahre alt. Ihre Eltern sagen, sie sei hyperaktiv, könne nicht eine Sekunde an einem Fleck bleiben. Die folgende Entspannung tut ihr sichtlich gut. Die Kinder legen sich hin und bekommen ein Stofftier auf ihren Bauch gelegt. Nun lernen sie, tief durch die Nase einzuatmen, in den Bauch hinein. Dabei können sie ihre Tiere beobachten wie diese sich heben. Nora macht mit und schafft zehn Atemzüge. Vor zwei Monaten schaffte sie gerade mal zwei, bevor ihr langweilig wurde.
Nun kommt ihre Lieblingsübung: Der Löwe. Dabei knien die Kinder auf der Matte und dürfen so laut brüllen wie das Tier. Das soll Anspannungen lösen und Stress abbauen.

„Nochmal“, ruft Nora. Noch ein Mal wird der Löwe nachgeahmt, dann dürfen sich die Kids bei einer Fantasiegeschichte in weitere Tiere hineinversetzen. Gespannt hören sie der Yogalehrerin zu und dehnen und strecken sich in die Yoga-Position, die sie raushören können. „Das ist nicht das Krokodil, was du da machst“, kichert Nora und zeigt ihrer Freundin, wie es geht. Dann geht’s gleich weiter in den Baum. Aufrecht hinstellen, Bein anwinkeln, Arme über dem Kopf zusammen legen. Tief ein- und ausatmen. Die Kinder wackeln, kippen um. Lachen.

Zum Abschluss legen sich die Kinder nochmal auf ihre Matten und lauschen einer Fantasiereise in den Wald. Dabei sollen sie Arme, Beine, Kopf, Nacken und Schultern entspannen. Eine große Herausforderung für die Kleinen. Ein Gekicher da, ein Kommentar dort, heimlich werden die Augen geöffnet. Nora guckt zu ihrer Nachbarin rüber. Und dann: Ruhe. Die Geschichte ist doch interessanter. Die Kids schalten ab und genießen einfach das Nichtstun, bevor es wieder in den Lotussitz geht und die Stunde mit einem gemeinsamen „Namasté“ beendet wird.

„Tschüss, bis nächste Woche“, ruft Nora und stürmt zu ihrem Vater, der bereits auf sie wartet. Auch die anderen sind voller Energie. Mama und Papa werden sich freuen.

Auf einen Blick: Das bringt Kinderyoga

• höhere Konzentrationsfähigkeit
• bessere Haltung
• verbesserte Wahrnehmung
• verbesserte Körper- und Feinmotorik
• bewusste Atemwahrnehmung
• mehr Flexibilität
• gestärktes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein
• Kräftigung der Muskulatur
• Aufmerksamkeit und Anerkennung für andere
• Entdeckung der eigenen Kreativität
• Akzeptanz und Erkennen der eigenen Grenzen
• Mehr Ruhe und Ausgeglichenheit

Redaktion: Monika Dlugokecki