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Kitzbühel: Mord ist Mord – und nie ein "Beziehungsdrama"

Ein fünffacher Mordfall schockiert aktuell Österreich: In Kitzbühel tötete ein Mann fünf Menschen, darunter seine Ex-Partnerin. Aber nicht nur die Gewalttat selbst, sondern auch die Berichterstattung dazu ist erschreckend.

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Kitzbühel: Mord ist Mord – und nie ein "Beziehungsdrama"
© aradaphotography/ iStock

Am 6. Oktober kam es zu einem schrecklichen Mord in Kitzbühel. Ein 25-jähriger Tatverdächtiger erschoss seine Ex-Freundin, deren Eltern und Bruder sowie ihren neuen Partner. Die Zeitungen sprachen unter anderem von „Beziehungsdrama“, „Eifersucht als Motiv“ und „überraschender und unfassbarer Tragödie“. All diese Schlagzeilen bagatellisieren jedoch die grausame Tat, wie auch Christina Riezler vom Gewaltschutzzentrum Salzburg für Gewaltprävention, Opferhilfe und Opferschutz bestätigt.

Schau dir einen beliebigen Bericht eines Mordes an: Wie wird über den Mörder (leider meist männlich) geschrieben? Wie wird über das Opfer (leider meist weiblich) geschrieben?

In der Berichterstattung von Mordfällen in denen Männer Frauen töten, werden die grausamen und gewalttätigen Täter sehr oft romantisiert, verharmlost und als sympathisch beschrieben: So werden beispielsweise ihre positiven Seiten hervorgehoben, ihre beruflichen, sportlichen oder finanziellen Erfolge erwähnt.

Die uralte Ausrede, dass er von ihr "verschmäht" wurde, und er quasi aus "Liebe" gehandelt hätte, findet sich erschreckenderweise ebenso in vielen Schlagzeilen unhinterfragt wieder. Warum können so viele Medien nicht ohne eine positive sowie sympathisierende Sprache über Männer, die tödliche Gewalt ausüben, berichten? Und vielleicht auch noch dem Opfer eine Mitschuld geben?

Das eigene Zuhause ist für Frauen am gefährlichsten

Der gefährlichste Ort für Frauen und Kinder ist nicht - wie immer wieder leider auch von Medien sowie Politik fälschlich dargestellt - eine dunkle Straße oder ein böser Fremder, sondern das eigene Zuhause und Personen aus dem engsten Umfeld.

Die Polizei rückte in Österreich im vergangenen Jahr 8076 Mal aus, um Wegweisungen und Betretungsverbote nach häuslicher Gewalt auszusprechen. Häusliche Gewalt darf nicht länger als Beziehungsdrama bezeichnet werden, sondern muss als das benannt werden, was es ist – Gewalt gegen Frauen. Und ein Warnsignal beziehungsweise eine Vorstufe für noch Schlimmeres.

"Frauenmord-Land Österreich"

Femizide (Morde an Frauen) sind in Österreich bei Weitem keine Seltenheit. Nach Daten des Statistischen Amtes der EU ist der Anteil weiblicher Opfer bei Tötungsdelikten in keinem anderen EU-Land höher als in Österreich. "Frauenmord-Land Österreich" titelt demnach sogar das Magazin der Österreichischen Vereinigung der Kriminalbediensteten, "kripo.at". Eine Entwicklung, die Opferschutzeinrichtungen bereits seit Jahren alarmiert, wie "profil" berichtete. Aber auch dieses Jahr ist keine Besserung in Sicht.

Vorzeichen: Diese Morde geschehen nie überraschend

Und die Morde an Frauen geschehen auch nie überraschend und unvorhersehbar, sondern meist sind Anzeichen dafür erkennbar, wenn man genau hinsieht. Sämtliche Anzeichen haben wir hier in einem Beitrag zusammengefasst.

Dem Täter geht es darum, Macht und Kontrolle auszuüben. Es geht dabei nicht um Eifersucht, sondern um ein Besitzdenken - um einen vermeintlichen Anspruch, der ihm genommen wird.

Eifersucht kann kein "Grund" für einen Mord sein

Die Abweisung der Partnerin, wie auch das Beenden einer Beziehung, empfindet er als narzisstische Kränkung. In den Augen des Gewaltausübenden darf sich die Partnerin nicht von ihm trennen. Er denkt sich: „Wenn ich dich nicht mehr haben kann, dann niemand!“ Daher kann vor allem die Trennungsphase für Frauen sehr gefährlich werden.

Aber warum sind es vorrangig die Männer, die aufgrund von "Eifersucht" morden? Ein Gefühl, das ja auch Frauen kennen, aber deswegen nicht töten. Denn ja, es gibt auch Frauen, die Männer töten - aber statistisch weitaus weniger und vor allem aus anderen Gründen: Der Mord am Partner durch Frauen ist keine Machtdemonstration, sondern oftmals der letzte Ausweg - Frauen töten eher aus Verzweiflung.

Eine mehr als bedenkliche Norm, die uns auch Laura Wiesböck, erfahrene Soziologin an der Universität Wien, im folgenden Interview bestätigt:

In jeder Schlagzeile zu diesem Mordfall (oder auch zu unzähligen anderen) liest man das Wort „Eifersucht“. Kann dies tatsächlich als Erklärung für so eine Gewalttat genügen?
Wiesböck: Es mag sein, dass der Täter im aktuellen Fall angegeben hat, eifersüchtig gewesen zu sein. Dieses Gefühl kennen viele und das kann schmerzhaft sein, aber das ist noch lange nicht ausreichend, um zu einer Waffe zu greifen. Frauen werden von ihrem Ex-Partner nicht aus Eifersucht getötet, sondern aus einem Anspruchsdenken heraus und der mangelnden Fähigkeit mit Ablehnung gewaltfrei umzugehen.

Die Täter bedienen sich der Waffe als Mittel, um Macht und Kontrolle über deren Ex-Partnerinnen zu gewinnen oder zu behalten bzw. um Rache zu üben. Damit erfüllen sie die Erwartungen an ihr Geschlecht. Dieses Schema ist auch außerhalb von Nahebeziehungen erkennbar. Erinnern wir uns an den Vorfall in Wien Margareten, als ein Mann eine fremde Frau - stellvertretend für alle Frauen, die diesen Mann abgewiesen haben - mit einer Eisenstange lebensbedrohlich verletzt hat. Das entspricht exakt jenem Schema. Und deshalb müssen wir da ganz genau hinschauen und es auch ganz genau so benennen, wenn wir Frauenmorde verhindern wollen.

Der gefährlichste Ort für eine Frau ist das eigene Zuhause. Denn die meisten Gewaltdelikte passieren durch den eigenen Partner oder Ex-Partner. Warum wird das nicht mehr als Phänomen thematisiert?
Wiesböck: Das Problem liegt nicht daran, dass es nicht thematisiert wird, denn das wird es von vielen unterschiedlichen Seiten sehr deutlich: Frauenhäusern, dem weißen Ring, Interventionsstellen, Kriminologinnen, Prozessbegleiterinnen, Soziologinnen, Feministinnen, Männlichkeitsforschern etc.. Das Problem liegt darin, dass diese Stimmen nicht gehört und berücksichtigt werden, weder politisch noch in der öffentlichen Berichterstattung. Medial werden überwiegend PolizistInnen und PsychologInnen befragt, die auf die konkrete Tat oder den konkreten Täter eingehen. Dabei wäre es so wichtig über das dahinterliegende Muster zu sprechen, denn nur so können wir präventiv arbeiten.

Warum ist Gewalt vor allem bei Männern eine massive Problematik oder gar ein Lösungsweg, für den Medien und Gesellschaft eine gewisse Art von Verständnis aufzubringen scheinen?
Wiesböck: Männliche Gewalt ist gesellschaftlich normalisiert. Es ist für uns normal, dass die Polizei in öffentlichen U-Bahnstationen steht, wenn ein großes Fußballmatch stattfindet, damit sich Männer gelinde gesagt “nicht den Schädl einhauen”. Man stelle sich diesen Aufwand nur für Frauen vor, das wäre in keinster Weise normal.

Es ist heute normal, dass wir Wohnhäuser mit verglasten Stiegenhäusern bauen, oder Parkgaragen mit Frauenparkplätzen in der Nähe des Ausgangs - die Gefahr der potenziellen Gewalt von Männern gegenüber Frauen wird selbst in der offiziellen Stadtplanung, etwa bei Parks, miteinkalkuliert.

Männliche Gewalt ist "normal"

Es ist normalisiert, dass junge Frauen vor einem Date der besten Freundin sicherheitshalber die Location schicken und am Nachhauseweg alleine in der Nacht dunkle Parks umgehen, eine Zigarette oder einen Schlüssel als potenzielle Verteidigung bereit halten oder so tun, als würden sie telefonieren.

Und diese Normalisierung ist ein großer Teil des Problems. Es ist an der Zeit diese Normalisierung infrage zu stellen und über die Ursachen von männlicher Gewalt gegen Frauen zu diskutieren, nämlich gesellschaftlich beschädigende Vorstellungen von Männlichkeit, statt über die Abmilderung möglicher Ausprägungen, wie den Ausbau von Überwachung, die Verschärfung des Strafausmaßes oder das individuelle Anpassen der Verhaltensweisen von potenziellen Opfern.

Hier findest du Hilfe

Die Expertinnen der Gewaltschutzzentren Österreichs beraten kostenlos in Notsituationen, aber auch schon bei einem ersten Unbehagen. Solltest du Angst haben, dich zu trennen, da du befürchtest, dein Partner könnte aggressiv werden und dir etwas antun, melde dich bei Polizei und/ oder Gewaltschutzzentren, um eine individuelle Sicherheitsplanung vorzunehmen.

Wenn dir in deiner Beziehung oder bei anderen ähnliche Verhaltensmuster auffallen, dann findest du hier Hilfe:
Polizei: 133
Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800/222555
Frauenhausnotruf Wien: 05/7722
Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie: 01/5853288
Männerberatungsstelle Wien: 01/6032828

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