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Klatsch beeinflusst unsere Wahrnehmung stark, selbst wenn er völlig unglaubwürdig ist

"Gerüchten zufolge", "angeblich", "wird verdächtigt": Das alles sind Hinweise darauf, dass es sich mehr um Spekulation als um gesicherte Fakten handelt. An unseren Emotionen ändert das aber wenig.

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Klatsch beeinflusst unsere Wahrnehmung stark, selbst wenn er völlig unglaubwürdig ist
© Getty Images/skynesher

Ja, auch wir lieben Gossip. Wer hatte angeblich mit wem eine Affäre? Wer soll jetzt schon wieder Gerüchten zu folge dieses und jenes gemacht haben? Solche Nachrichten funktionieren, geben wir nicht ganz ohne Selbstkritik zu. Was uns jetzt aber schon ein bisschen nachdenklich stimmt: Solche Nachrichten beeinflussen uns laut einer aktuellen Studie mehr als wir gedacht hätten. Denn selbst wenn ziemlich offensichtlich ist, dass es sich bei so manchem Klatsch um reine Spekulation handelt - das ändert offenbar wenig am Einfluss, den diese Nachrichten haben.

„Wörter und Ausdrücke wie "scheinbar", "angeblich" oder "verdächtigt" werden häufig in der täglichen Kommunikation, in sozialen Medien und in der Medienberichterstattung verwendet, um die fragwürdige Richtigkeit von Informationen zu signalisieren. Diese Begriffe dienen sogar einem rechtlichen Zweck und sollen falsche Anschuldigungen, Vorurteile und Diffamierungen verhindern “, so die Studienautorin Julia Baum von der Berliner Humboldt-Universität.

„Bisher ist jedoch wenig darüber bekannt, wie unser Gehirn verbale, personenbezogene Informationen von zweifelhafter Zuverlässigkeit verarbeitet und wie sich dies auf unsere Urteile auswirkt. Berücksichtigen wir die Ungewissheit der Informationen, um unser auf negativen Aussagen beruhendes Urteil über eine Person zu mildern und um Fehleinschätzungen vorzubeugen?", konkretisiert sie ihr Forschungsinteresse.

Beim Versuch: Fakten vs. Gerüchte

In zwei Versuchen mit insgesamt 56 TeilnehmerInnen aus Deutschland stellten die ForscherInnen fest, dass das Urteil der Menschen durch positive oder negative Informationen stark beeinflusst wurde - auch wenn diese Informationen als unsicher dargestellt wurden. Im Rahmen der Untersuchung wurden den TeilnehmerInnen Fotos unbekannter Gesichter gezeigt, dazu erhielten sie verbal Informationen über die Person: Entweder als vertrauenswürdige Tatsache dargestellt (z. B. „Er schikanierte seinen Lehrling“) oder als nicht vertrauenswürdiger Klatsch (z. B. „Er hatte angeblich seinen Lehrling gemobbt“).

Bei späteren Personenurteilen zeichneten die Forscher die Gehirnaktivität der Teilnehmer mit einem Elektroenzephalogramm auf. Sie waren besonders an zwei neurophysiologischen Markern interessiert, die als "Late Positive Potential" und "Early Posterior Negativity" bezeichnet werden und beide mit der emotionalen Verarbeitung zusammenhängen.

"Menschen beurteilen stark emotional"

„Die Experimente zeigen, dass wir Menschen tendenziell stark emotional beurteilen, auch wenn dieses Urteil wissentlich auf unzuverlässigen Beweisen beruht. Wir sollten uns daher bewusst sein, dass das verbale Markieren von Informationen, die nicht vertrauenswürdig sind („angeblich“), nicht die wünschenswerten Konsequenzen der Verhinderung von Vorurteilen oder Verleumdungen zu haben scheint “, so Baum gegenüber der Wissenschafts-Plattform PsyPost. "Zukünftige Studien sollten die Umstände untersuchen, unter denen die Unzuverlässigkeit personenbezogener Informationen berücksichtigt wird, um unsere emotionalen Reaktionen und Urteile zu regulieren", sagte Baum.