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Caritas Wien-Chef Klaus Schwertner war in Moria – so geht es den Menschen gerade

Die Corona-Krise überschattet die Berichterstattung der Geflüchtetenlager auf den griechischen Inseln. Doch in wenigen Wochen hält der Winter Einzug. Ein Wettlauf gegen die Zeit. Der Geschäftsführer der Caritas Wien Klaus Schwertner war vor Ort und bei uns im Interview.

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Caritas Wien-Chef Klaus Schwertner war in Moria – so geht es den Menschen gerade
© Klaus Schwertner / Caritas

Während wir uns um einen zweiten Lockdown sorgen und die Entwicklungen in der Corona-Krise verfolgen, verschlimmert sich die Situation in den Geflüchtetenlagern auf den griechischen Inseln. Nach dem Brand in Moria auf Lesbos wurde ein neues Zeltlager errichtet. Die Lage dürfte sich aber verschlimmert haben, berichtete die Hilfsorganisation Oxfam. Die hygienischen Zustände sind verheerend: Die Menschen – 40 Prozent sind Kinder – sind dem Coronavirus hilflos ausgesetzt. Die Menschen waschen sich im Meer, es gibt nur einmal pro Tag etwas zu essen. Der Geschäftsführer der Wiener Caritas Klaus Schwertner kam diese Woche von seinem Einsatz in Moria zurück. Wir haben ihn zum Interview gebeten.

WOMAN: Was machen die Bilder, die du auf Lesbos gesehen hast, mit dir persönlich?
Klaus Schwertner: Sie gehen mir nahe, manchmal lassen sie mich auch ratlos zurück. Ich glaube: Es ist für jede und jeden, die oder der so wie ich selbst Kinder hat, schwer nachvollziehbar, wie Europa es zulassen kann, dass tausende Kinder im Dreck und in Zelten auf europäischem Boden leben müssen. Nach dem Brand von Moria vor einem Monat hieß es von offizieller Seite noch: Jetzt wird alles anders. Einen Monat später sehen wir: An den Bedingungen, unter denen tausende Menschen – 40 Prozent von ihnen sind Kinder – hier leben müssen, hat sich wenig zum Positiven verändert. Während wir unsere Kinder in Österreich mit Masken in die Schulen schicken und Pflegewohnhäuser vor Corona schützen, ist es uns gleichzeitig egal, dass tausende Kinder und alte Menschen auf den griechischen Ägäisinseln und immer mehr auch am Festland unter schwierigsten humanitären und hygienischen Bedingungen leben und dem Virus schutzlos ausgesetzt sind. Diese Gleichzeitigkeit ist für mich und viele andere Menschen in Österreich wirklich schwer auszuhalten.

WOMAN: Wo wird momentan die meiste Hilfe benötigt?
Klaus Schwertner: Während wenige hundert Meter vom neuen Camp, gut ausgestattete Wohncontainer mit 500 freien Plätzen nicht besiedelt werden (das Lager soll mit Jahresende geschlossen werden), gibt es bis heute im neuen Lager keine einzige Dusche.
Die Menschen waschen sich im Meer. Es gibt nur einmal am Tag eine Essensausgabe, einige kochen auf offenem Feuer. Es gibt keine Waschmaschinen, die Elektrizitätsversorgung ist unzureichend und als einzige Toiletten gibt es Chemieklos. Hinzu kommt: Die medizinische Versorgung ist in Zeiten von Corona völlig unzureichend. Mindestens genauso schwierig ist die Situation auf Samos und Chios. Vergangene Woche führten heftige Unwetter mit Starkregen und Sturm erneut dazu, dass viele Zelte weggeblasen wurden wie Kartenhäuser und innerhalb kürzester Zeit unter Wasser standen. Die Menschen haben bis zuletzt verzweifelt versucht, Sandsäcke zu füllen und Dämme zu errichten. Wie es hier in wenigen Wochen aussehen wird, wenn der Winter Einzug hält, ist völlig offen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

WOMAN: An welchen Hürden scheitert man hier als Helferin oder Helfer?
Klaus Schwertner: In den vergangenen Monaten ist es uns mit unseren Partnern trotz schwieriger Bedingungen gelungen, dank Spenden aus Österreich die Hilfe auszuweiten – in Griechenland selbst, aber auch in den Balkanländern. In Moria und anderen griechischen Lagern wurden etwa tausende Hygienepakete verteilt, auf Chios konnte ein Krankentransport sichergestellt werden. Gemeinsam mit "Ärzte ohne Grenzen" sichert die Caritas auf Samos die Wasserversorgung. Und auf Lesbos arbeiten wir mit unseren Partnerorganisationen daran, Wasser-, Sanitär-, und Hygienebedingungen in den Lagern zu verbessern. Auf Lesbos ist auch ein neues Notquartier für alleinstehende, besonders verletzliche Personen entstanden. Und auch in Athen sichert die Caritas Österreich den Betrieb eines Sozialzentrums für Flüchtlinge und Armutsbetroffene. Aber klar ist: Die Hilfe, die wir und ganz viele andere – auch kleinere Initiativen und Freiwillige – hier leisten, kann eine politische Lösung nicht ersetzen. Es ist keine Frage des politischen Könnens, sondern einzig eine Frage des Wollens.

WOMAN: Wo wäre die österreichische Politik gefordert?
Klaus Schwertner: Es könnte auch ohne hässliche Bilder gehen. Auch mit Hilfe Österreichs. Unser Land hat schon oft bewiesen, dass es helfen kann. Österreich sollte an der Seite jener Länder stehen, die zuletzt Bereitschaft gezeigt haben, besonders schutzbedürftige Menschen – etwa Familien mit Kindern – bei sich aufzunehmen. Es ist schon richtig: „Wir können nicht alle retten!“ Doch gar niemanden zu retten sollte aus Sicht Österreichs mit seiner langen humanitären Tradition keine Alternative sein. Für jedes einzelne Kind macht eine Evakuierung einen dramatisch großen Unterschied. Da geht es nicht um Symbole, sondern um konkrete Menschen.

WOMAN: Mit welchen Gedanken bist du wieder heimgekommen?
Klaus Schwertner: Mit gemischten Gefühlen: Dankbarkeit dafür, dass wir in einem so schönen Land wie Österreich leben dürfen und, dass meine Kinder hier behütet aufwachsen können. Andererseits will ich nicht akzeptieren, dass Europa nichts Besseres einfällt, als Menschen auf den griechischen Inseln sich selbst zu überlassen.

Danke allen, die uns in den vergangenen Monaten dabei unterstützt haben, Hilfe umzusetzen und die ihre Stimme erheben angesichts dieser Zustände, hinsehen und nicht wegsehen. All das kann eine politische Lösung nicht ersetzen. Aber sie macht für jede und jeden Einzelnen einen konkreten Unterschied.