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Die Klimakrise ist kein Schicksal

Juristin Michaela Krömer kämpft vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die Nichteinhaltung der Klimaziele. Was die Advokatin antreibt und was es für ein besseres Morgen braucht, sagt sie im Interview.

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© Mitja Kobal - Greenpeace
© © Mitja Kobal - Greenpeace

Man muss nicht alles einfach hinnehmen", so Rechtsanwältin Michaela Krömer. Die Stimme der Niederösterreicherin klingt freundlich, aber auch entschlossen. "Es gibt Möglichkeiten, die Zukunft zu gestalten. Wir können mehr verändern, als wir oft glauben." Die engagierte Einstellung hat sie von ihrem Elternhaus mitbekommen, einer Advokatenfamilie in vierter Generation. In ihrem Job hat sich Krömer vor allem auf Menschenrechte und klimarechtliche Themen spezialisiert. Aktuell vertritt sie den Fall eines Mannes mittleren Alters, der an Multipler Sklerose leidet (klimaklage.fridaysforfuture.at). Hitze verschlechtert seinen körperlichen Zustand. Bei einer Außentemperatur von 25 Grad ist ihr Mandant auf einen Rollstuhl angewiesen, ab 30 Grad kann er diesen nicht mehr selbst anschieben. "Durch die Klimakrise steigen die Temperaturen auch hierzulande stetig. Das verschärft seine Symptome. Die Auswirkungen der von Menschen verursachten Krise bedrohen das Recht auf Leben und Gesundheit, das in der Europäischen Menschenrechtskonvention verankert ist", erklärt Krömer. Kurz: Der Staat muss etwas dagegen tun. Das will sie jetzt gerichtlich erwirken. Im Herbst soll eine erste Entscheidung getroffen werden. Mit uns sprach die Rechtsanwältin über Krisen, die zum Normalzustand werden, was Indien Österreich in Sachen Umweltschutz voraushat und welche Frage ihr Kind ihr niemals stellen soll.

»Man muss ins Tun kommen, um etwas zu bewegen. «

WOMAN: Sie bringen erstmals eine Klage wegen Nichteinhaltung der Klimaziele vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Was konkret wollen Sie bewirken?

Krömer: Dass sich was tut! Denken wir an das Abkommen von Paris. Das ist wie ein WG-Putzplan. Jeder Staat verpflichtet sich zwar dazu, selbst aufzuräumen, macht er's allerdings nicht, gibt es keine wirklichen Konsequenzen. Zudem sind die Pflichten, die sich die Staaten selbst auferlegt haben, viel zu gering und nicht im Einklang mit den Zielen.

Haben wir Menschen ein Recht auf Klimaschutz?

Krömer: Ja! Temperaturschwankungen, Hitzetote, Ernteausfälle, Überschwemmungen Die Auswirkungen der Klimakrise sind wissenschaftlich erwiesen, und sie werden uns alle betreffen.

»Man darf nicht naiv sein. Österreich hat, wie jedes andere Land der Welt, die Pflicht, uns zu schützen. Es muss gehandelt werden, solange es noch geht.«

Welche Chancen rechnen Sie sich auf einen Erfolg vor Gericht aus?

Krömer: Man kann nie wissen, wie ein Verfahren ausgeht. Ich würde aber nicht so viel Zeit und Mühen in einen Fall investieren, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass die Argumente gut und überzeugend sind.

Auf Ihrer Website thematisieren Sie, dass Krisen nicht zum Normalzustand werden dürfen. Sie sagen, um das zu verhindern, brauche es Veränderungen des Systems. Wie müssen diese aussehen?

Krömer: Es braucht ein gutes Klimaschutzgesetz, klare Verpflichtungen und ein CO2-Budget samt Maßnahmen und Sanktionen, die nicht nur auf Finanziellem basieren. Das tut der Politik nicht weh, wie wir auch durch die Corona-Krise gesehen haben. Sinnvoll wäre es etwa, dass im Falle des Nichteinhaltens der Klimaziele die Höchstgeschwindigkeit auf den Autobahnen reduziert wird. Damit würde auch die Bevölkerung offenkundiger mitbekommen, wo die Politik versagt hat. Außerdem muss die Wissenschaft besser integriert und in den Prozess eingebunden werden. Experten müssen den Politikern erklären, was genau passiert.

Welche Länder sind Vorbilder beim Klimaschutz?

Krömer: Costa Rica zum Beispiel. Dort geht man Probleme sachbezogen, fokussiert an. Oder Ecuador, wo die Rechte der Natur sogar im Verfassungsrang verankert sind. Oft sind es auch Länder, in denen mehr Frauen an der Macht sind wie Island und Finnland. Gewessler kaufe ich zu 100 Prozent ab, dass sie ernsthaft für Klimaschutz kämpft, aber man hat das Gefühl, dass die Dringlichkeit bei vielen anderen nicht ankommt. In Indien habe ich mehr Anti-Plastik-Kampagnen gesehen als hier. Wir ziehen viel zu wenig an einem Strang.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Krömer: Ich bin gerade schwanger und hoffe für mein Kind, dass es in einer Welt aufwachsen wird mit Gestaltungsmöglichkeiten. Es soll schaffen und genießen können, nicht immer nur Krisenbewältigung betreiben und auf Probleme schielen müssen.

In welcher Welt wird es aufwachsen, wenn wir nicht maßgeblich was ändern?

Krömer: In keiner schönen. Konflikte nehmen zu, je weniger Raum wir haben, der lebenswert ist. Es fällt mir schwer, daran zu denken, deshalb kämpfe ich auch so für unsere Natur.

Welche Frage soll Ihnen Ihr Kind einmal nicht stellen müssen?

Krömer: "Warum hast du nichts getan?"

Unternehmerin Cornelia Diesenreiter hat bei uns im Interview gesagt, NegativNews vermitteln uns das Gefühl von Ohnmacht. Wie kann man Menschen positiv zum Umweltschutz motivieren?

Krömer: Indem sich jeder bewusst macht: Die Klimakrise ist kein Schicksal, das wir hinnehmen müssen. Wir können unsere Zukunft aktiv mitgestalten. In Österreich sind wir oft lethargisch und unterschätzen unseren Einfluss, sehen uns gern als Opfer. Konzentrieren wir uns auf das, was geht! Und es geht einiges. Meistens ist mehr möglich, als man glaubt. Man muss nur ins Tun kommen, um auch etwas zu bewegen. Genau das ist es, was mich antreibt: ein idealistischer Realismus. Mir war schon früh bewusst, dass ich, wenn ich mich im System auskenne, innerhalb dessen auch vieles verändern kann -damit wir alle ein gutes Leben führen können.

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