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Spinner, Spanner, Stalker?

Die Ausstellung KLIMT/SCHIELE/KOKOSCHKA UND DIE FRAUEN hat sogar einen eigenen Masturbationsraum. Warum? Verstehst du, wenn du das hier gelesen hast, denn wir haben die Psyche der Maler unter die Lupe genommen.

von

Egon Schiele

Egon Schieles Werk "Weiblicher Akt mit gelbem Handtuch"

© Wikipedia

Ab 22.10. hat das Wiener Belvedere einen Masturbationsraum. Nein, nicht zum Selbst-Tätigwerden, sondern als Kuriosum einer Schau über die Zeit sexueller Umbrüche. Nachdem die Rollen jahrhundertelang starr verteilt waren, wurde Wien um 1900 überflutet mit Hypothesen über den Unterschied der Geschlechter, aufkommende Emanzipation, die Untersuchungen Freuds und Verunsicherung der Männer durch die "alles verschlingende femme fatale". Drei österreichische Künstler veränderten in dieser Umbruchszeit das Verständnis der weiblichen Psyche - wenn auch nicht immer aus uneigennützigen Motiven.

GUSTAV KLIMT

FRAUENVERSTEHER & VOYEUR
"Ohne Frauen, die sich seiner Kunst als Morgengabe darbringen, ist Klimt schlichtweg undenkbar", schrieb ein Journalist über den schon zu Lebzeiten berühmten Jugendstil-Pionier. Ihn wünschten sich Damen des neuen, selbstbewussten Großbürgertums von ihren wohlhabenden Ehemännern als Porträtist: Denn zum schönen Bild kam der Nervenkitzel, von jemandem gemalt zu werden, dem der Ruf des triebgesteuerten Sexmonsters vorauseilte.

Egon Schiele Porträt
Gustav Klimt MALER DER FRAUEN. Die Damen der Society rissen sich um die Porträts des Jugendstil-Pioniers.
Gustav Klimt
Seine Modelle animierte er zu sexuellen (Inter-)Aktionen, l. o.: "Freundinnen". Weibliche Selbstbefriedigung wurde unter ihm zum eigenen Genre.
Gustav Klimt

Das war der 1834 geborene Sohn eines Kunstgraveurs natürlich nicht, wenn auch "gradlinig in seinem Denken, egoistisch und zielstrebig in seinem sinnlichen Verlangen", wie ihn Chronisten beschreiben. Die "urwüchsige Kraft, die vor allem auf Frauen gewirkt hat", nützte er zwar ordentlich aus - er schlief regelmäßig mit seinen Modellen, wurde auch mit noblen Kundinnen intim -, doch das geschah mit subtiler Manipulation. "Klimt ließ seine Modelle sich frei bewegen, bis sie eine Pose eingenommen hatten, die ihm zusagte", schreibt Neurowissenschafter und Nobelpreisträger Eric Kandel. "In dieser Atmosphäre der Freiheit ermutigte er die nackten Frauen, ihre eigene Sexualität oder die der anderen zu erforschen: sich selbst zu befriedigen oder untereinander oder mit männlichen Modellen intim zu werden."

PORNOGRAF VS. PIONIER
Die so entstandenen Masturbationsserien gelten als revolutionäre Emanzipationsleistung: die Lust der Frau als etwas Eigenständiges, vom Mann Unabhängiges. "Ganz präzise und aufmerksam beobachtete und zeichnete er alle Phasen der Selbstbefriedigung", so Belvedere-Vizedirektor Alfred Weidinger, "die Stimulierung der Klitoris und der Vagina, die sexuelle Erregung, die körperliche Anspannung, die Phase der Entspannung." Manche würden das Voyeurismus nennen. "Diese Frauengestalten scheinen oft wie in orgastischer Trance versunken", sagt Klimt-Spezialistin Marian Bisanz-Prakken. "Aber natürlich wussten seine Modelle, dass er sie beobachtete, sogar, wenn sie offensichtlich masturbierten. Die Szenen wurden auf seine Anweisung hin gestellt." Klimt behandelte nicht nur als Erster weibliche Selbstbefriedigung als eigenes Genre, er malte mit "Freundinnen" eine der frühesten Ikonen lesbischer Liebe. Viele Zeichnungen zeigen lesbische Paare, obwohl Homosexualität ein Tabu war. Dafür wurde er als Pornograf beschimpft, von anderen als Pinonier gelobt, weil Lesbianismus die Vorstellung weiblicher Unabhängigkeit bekräftige.

Gustav Klimt lebte wie viele Männer seiner Zeit eine Doppelmoral: Während er mit seinen durchwegs aus der Unterschicht stammenden Modellen 14 uneheliche Kinder zeugte, mit den Müttern emotional aber immer auf Distanz blieb, unterhielt er eine lebenslange platonische Beziehung mit der bürgerlichen Modeschöpferin Emilie Flöge. Er hat nie geheiratet und starb 1918 an einem Schlaganfall.

EGON SCHIELE

SPINNER & SADIST
"In der Früh weckte er sie (seine um zwei Jahre jüngere Schwester Gerti) mit der Uhr in der Hand auf und zählte bis drei, dann musste sie fertig sein, um ihm Modell zu sitzen", beschreibt US-Galeristin Jane Kallir den Jüngling Egon. Als sein Vater, ein Tullner Bahnhofvorstand, 1905 an Syphilis verstarb, übernahm er mit erst 14 das Regiment über seine Mutter und die beiden Schwestern. Die gefügige Gerti stand ihm auch nackt zur Verfügung, so musste Schiele, bei dem alles, auch die Sexualität, von einer existenziellen Angst durchdrungen war, nicht auf einschüchternde Fremde als Modelle zurückgreifen.

Egon Schiele
Egon Schiele DER SEZIERER. Er stellte die Genitalien in den Mittelpunkt, lieferte Frauen gnadenlos dem Blick des Betrachters aus.
Egon Schiele
»Schieles Modelle werden in dessen Werken regelrecht seziert...«

Das änderte sich mit den ersten Erfolgen radikal. "Der Schiele hat immer lauter Mädeln um sich gehabt, lauter Weiber!", bemerkte Zeitgenosse Oskar Kokoschka neidisch. Nach einigen Profi-Modellen, damals oft in Bordellen angeworben, übernahm er mit 21 die 17-jährige Wally Neuzil von Klimt als Muse und Geliebte. Er begann verstörende Bilder zu malen, in denen er die Genitalien schonungslos in den Mittelpunkt stellte. "Schieles Modelle werden in dessen Werken regelrecht seziert", erklärt Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco im Katalog zur Ausstellung. "Sie nehmen Blickkontakt auf, sind einer frontalen Gegenüberstellung mit dem Betrachter ausgesetzt."

GENIALER EGOMANE
Wally wurde von Schiele auch mit versponnenen Ideen traktiert. Er ließ sie etwa eine Erklärung unterschreiben, in der sie bestätigte, nicht in ihn verliebt zu sein. Und er war nicht bereit, ein professionelles Modell, das sozial nicht viel besser gestellt war als eine Prostituierte, zu heiraten. Im Grunde ein Bourgeois, verlobte er sich mit der "bürgerlichen" Edith Harms. Als "Trost" präsentierte er Wally ein Dokument, in dem er sich "verpflichtete", auch als Ehemann weiterhin mit der Geliebten a. D. alljährlich im Sommer eine mehrwöchige Erholungsreise zu unternehmen! Beide Frauen lehnten eine Dreierbeziehung aber rigoros ab.

Trotz seiner Genialität als Künstler war er in fast sadistischer Weise egomanisch. Edith scheute davor zurück, nackt Modell zu stehen, also fand Schiele andere Lösungen. Die Darstellungen seiner masturbierenden Ehefrau, ihr Gesicht verborgen, sind nahezu schmerzlich anzuschauen. Egon Schiele starb 1918 mit 28, nur drei Tage nach seiner schwangeren Frau, an der Spanischen Grippe.

OSKAR KOKOSCHKA

BESESSENER & STALKER
"175-186 cm über dem Boden gehen Hüte spazieren und 15 cm darunter Kleider": Dieses frauenfeindliche Bild hielt der Maler 1907 im Alter von 21 Jahren fest. Er hatte in der Wiener Szene wegen seiner Porträts und Theaterstücke den Beinamen eines "Oberwildlings", lebte privat aber keusch: Seiner Ansicht nach machte sexuelles Verlangen den Mann verwundbar. Er fühlte sich vom aufkeimenden Bestreben der Frauen nach Selbstständigkeit bedroht. "Als er sich von einer Dame, die er in der Schweiz malen sollte, bedrängt fühlte, flüchtete er nachts durch das Fenster und ließ das Porträt unvollendet zurück", schildert Kunsthistoriker Mateusz Mayer.

Oskar Kokoschka Portrait
Oskar Kokoschka DER FRAUENHASSER. Trotz seines Rufs als "Oberwildling" fühlte er sich von der femme fatale bedroht.
Oskar Kokoschka
Alma Mahler öffnete ihn für die Sexualität, seine Liebe wurde zur Obsession. Noch drei Jahre nach der Trennung ließ er nachihrem Bild eine lebensgroße Puppe anfertigen.
»Um sie total zu besitzen, wurde er zum "Stalker"...«

SCHICKSAL ALMA
Das änderte sich schlagartig, als Kokoschka 1912 Alma Mahler traf. Der Sohn eines Handlungsreisenden schwärmte für Frauen, die sozial über ihm standen, und die Witwe Gustav Mahlers, sieben Jahre älter, gelassen und distanziert, wurde für ihn der "Inbegriff der Frau", mit der er "auch das körperliche Glück erfahren hätte". In der stürmischen erotischen Beziehung fühlte sich Kokoschka nie sicher. Er glaubte fest daran, dass seine Kreativität von ihrer Liebe abhängig war. Um sie total zu besitzen, wurde er zum "Stalker", war eifersüchtig auf Vergangenes, schlich um ihr Haus, um Zeichen der Untreue zu entdecken, und überschüttete sie mit Liebesbriefen: "Du wirst mit mir leben, bis ich dir alles aus den Wurzeln gerissen habe, was mich verwirrt ..."

Die Beziehung zerbrach nach drei Jahren, als Alma sein Kind abtreiben ließ. Sie wollte Kokoschka nie wieder sehen, da er "ihr Hirn fast vernichtet hätte", sein Leben beherrschte diese Liebe noch lange. 1918 ließ er sich eine lebensgroße anatomisch korrekte Nachbildung von Alma machen - mit besonderem Auftrag, auch "die Scham üppig ausgeführt und mit Haaren besetzt" zu fertigen. Die Puppe diente als Aktvorlage, bis er sie nach einem rauschigen Fest enthauptete.

Die zehn Jahre jüngere Sopranistin Anna Kallin wurde dann eine Gefährtin, die gewillt war, "sich eines Kindes anzunehmen, das seufzend Mama denkt". Durch sie fand er sich in der Frauenwelt langsam besser zurecht, geheiratet hat er erst mit 55 - eine 26-jährige Jus-Studentin. Oskar Kokoschka starb 1980 94-jährig in der Schweiz.

INFOS ZUR AUSSTELLUNG
Die Ausstellung Klimt /Schiele / Kokoschka und die Frauen und ein spannender Katalog thematisieren die gesellschaftlichen Veränderungen des frühen 20. Jh. - den männlichen Blick und das weibliche Verhalten in Bezug auf die damaligen Emanzipationsleistungen. 11.10.-28.2. Wien, Unteres Belvedere.

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