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Migräne: neue Therapien

Viele Betroffene sind verzweifelt. Nichts hilft gegen das quälende Pochen im Kopf. Doch eine neue Spur verspricht Hilfe: Der Bauch kann den Schmerz verursachen. Das führt zu neuen Therapien.

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Frau, Kopfschmerzen
© istockphoto.com

Ein Lieblingsthema der aktuellen Medizinforschung ist der Darm. Der wurde bereits vor vielen Jahrhunderten als Hort der Gesundheit gesehen, komplementärmedizinische Methoden wie TCM oder Ayurveda stellen ihn in den Mittelpunkt. Und auch die moderne westliche Wissenschaft entdeckt seine ganzheitliche Relevanz wieder. Schön und gut, kannst du jetzt sagen, aber was hat das alles mit Migräne zu tun? Eine ganze Menge, wie neueste Studien zeigen. Denn über die Darm-Leber-Achse können Schadstoffe ins Gehirn vordringen und dort die Schmerz-Attacken hervorrufen. Wie das funktioniert und wie man vorbeugen kann, das haben uns Internistin Dr. Vanessa Stadlbauer von der Grazer Medizin-Universität und "Institut Allergosan"-Leiterin Anita Frauwallner erklärt.

Mehrere Auslöser

Was genau eine Kopfschmerzattacke auslöst, weiß man nicht. Die Ursachen reichen von Stress über Hormone bis hin zur Ernährung (siehe auch unten). Von 1-2 Anfällen im Jahr bis zu 20 Schmerztagen monatlich reicht das Spektrum der Leidgeplagten - immerhin jeder zehnte Österreicher, gut zwei Drittel davon Frauen. Ihre Lebensqualität ist oft massiv eingeschränkt, der Schmerzmittelkonsum stark erhöht. Wirksame Migräne-Medikamente, die Triptane, haben beträchtliche Nebenwirkungen. Ein neuer Th erapie-Ansatz nimmt nun den Zusammenhang zwischen der Verdauung und den quälenden Kopfschmerzen unter die Lupe. Denn dass da ein Zusammenhang besteht, weiß man schon länger. Oft gehen Anfälle mit Übelkeit, Verstopfung oder Durchfall einher. Umgekehrt sorgen Darmerkrankungen wie Zöliakie oder Morbus Crohn für ein erhöhtes Migräne-Risiko. Fündig geworden ist man schließlich beim sogenannten Leaky-Gut-Syndrom.

Durchlässig

Der Ausdruck bedeutet so viel wie durchlässiger Darm, und genau das ist das Problem: Das Verdauungsorgan lässt Schadstoffe in den Körper austreten. "Die Darmwand besteht aus zwei Schichten: Innen ist eine 3-5 Millimeter dicke Schleimschicht aus Bakterien, außen kommt eine Schicht, deren Zellen durch Eiweißstrukturen ganz eng verbunden sind", erklärt Internistin Stadlbauer, die intensiv am Zusammenhang zwischen Darmbarriere und Leber und den Auswirkungen auf das Immunsystem forscht. Ist diese Barriere intakt, hält sie alles zurück, was nicht in den Körper und in den Blutkreislauf kommen soll. Nährstoffe und Vitamine werden vom Immunsystem durchgelassen. Durch falsche Ernährung wie etwa zu viel vom Klebereiweiß Gluten im Weizen oder übermäßig Zucker sowie häufige Antibiotika-Gaben, dauernden Stress oder Infektionskrankheiten sterben diese schützenden Bakterien, die Zellwand kann undicht werden. Die Folge: Schädliche Stoffe gelangen in den Blutkreislauf und über die Pfortader in die Leber. Ein Übermaß an Keimen und Entzündungen beeinträchtigt unser größtes Entgiftungsorgan in seiner Hauptaufgabe, das kann verschiedene Krankheiten bewirken. Die Schadstoffe können bis ins Gehirn vordringen. Dort schwächen sie die hirneigenen Immunzellen, die Mikroglia, und lösen Entzündungen aus: Man hat einen Migräne-Anfall. "Diese Erkenntnis über den Zusammenhang der dichten Darm-Barriere und diverser Folge-Erkrankungen ist noch relativ neu", weiß Stadlbauer. "Solche Theorien wurden bisher eher ins alternative Eck gestellt. Doch seit einigen Jahren gibt es naturwissenschaftliche Methoden, mit denen man das nachweisen kann. 2013 gab es dafür sogar den Nobelpreis."

Lebensqualität

Das war das Stichwort für Anita Frauwallner. "Ich kenne einige Migräne-Patienten. Was die mir erzählt haben, gleicht Horrorgeschichten", berichtet die Leiterin des Grazer "Institut Allergosan". "Viele der Leidgeplagten können während eines Anfalls am täglichen Leben nicht mehr teilnehmen." Die Expertin für Probiotika zur Darmsanierung hat es sich daher zum Ziel gesetzt, die entsprechenden Bakterienstämme zu isolieren. Denn sind ausreichend davon in unserer Mitte vorhanden, halten die nicht nur unser Inneres dicht, sie produzieren auch Futter für die Mikroglia im Gehirn. Erste Erfolge zeigt eine Studie mit dem entsprechenden Präparat, die nun im Fachmagazin Beneficial Microbes publiziert wurde. Insgesamt 27 Probanden mit mindestens vier Schmerztagen pro Monat nahmen das Migränepräparat zwölf Wochen lang ein. Das Ergebnis: Die Anfälle reduzierten sich um durchschnittlich 23 Prozent. "Dieser Erfolg ist wirklich beeindruckend", ist Frauwallner begeistert, "und zeigt ganz klar den Zusammenhang zwischen kranker Darmflora und Migräne."

Sanierung

Für alle, die jetzt etwas für ihr Inneres tun wollen: Auch mit der täglichen Ernährung kann man zu einer intakten Bakterienflora beitragen. Lebensmittel, die dabei helfen, findest du unten. Und eine Entgiftungskur kann wahre Wunder wirken, nicht nur bei Kopfschmerzen, auch bei Hautproblemen, Cellulite und dem einen oder anderen Kilo zu viel. Dafür heißt es: Verzichte drei Wochen lang auf Alkohol, Zucker, Weißmehl und tierische Produkte wie Fleisch und Käse. Stattdessen kommen ausreichend (grünes) Gemüse, Kartoffeln, Vollkorngetreide, hochwertige Öle, Algen und scharfe Pflanzenstoffe auf den Teller. Du wirst sehen: Der Wohlfühlfaktor steigt massiv!

Migräne-Trigger

Diese Auslöser können zu einem heftigen Schmerzanfall führen.

1

Stress: Alles, was den üblichen Tagesrhythmus stört, egal ob ungeplante Überstunden, Streit in der Beziehung oder eine nervige Schwiegermutter. Was genau Stress ist, das ist individuell sehr unterschiedlich.

2

Hormone: In den Tagen vor der Regel sinken Östrogen- und Progesteron-Spiegel im Blut. Bei einigen Frauen kann das zu Kopfschmerz-Attacken führen.

3

Schlaf-Wach-Rhytmus: Durchgemachte Nächte und langes Schlafen am Wochenende bringen den Biorhythmus durcheinander. Achte auf einen regelmäßigen Tagesablauf.

4

Alkohol: Nicht nur Rotwein, auch andere histaminhältige Lebens- und Genussmittel können Migräne triggern. Hände weg auch von Nikotin.

5

Äußere Reize & Wetter: Discolärm, Kindergebrüll, Wetterumschwung: Das Gehirn ist mit der Verarbeitung der Reize überfordert.

Diese Lebensmittel helfen, Migräne vorzubeugen

Darm und Gehirn sind eng miteinander verbunden. Falsche Lebensmittel können Kopfschmerzen triggern. Umgekehrt helfen die richtigen, dem Schmerz vorzubeugen.

1

Papaya: Die tropische Frucht ist voll mit Enzymen, die die Verdauung unterstützen. Besonders effektiv ist es bei der Verwertung von tierischem Eiweiß.

2

Grünes Gemüse: Der hohe Gehalt an Chlorophyll, dem grünen Farbstoff, versorgt uns mit reichlich Antioxidantien, die die Verdauung fördern. Kann man besonders schonend auch als Smoothie genießen: Einfach verschiedene grüne Blätter (z. B. Spinat, Salat, Kohl, Stangensellerie) und einen Apfel im Mixer pürieren und trinken.

3

Süßkartoffel: Die süßlich schmeckenden Knollen sind besonders reich an Inulin, einem Stoff, der die guten Bakterien im Darm füttert und dadurch vermehrt.

4

Leinöl: Die hohe Anzahl an Omega-3-Fettsäuren wirkt entzündungshemmend und hilft, die Zellwände im Darm dichtzumachen. Wem Leinöl zu bitter ist, der kann auch auf Oliven-oder Rapsöl ausweichen. Achtung: Immer kalt gepresste Öle verwenden!

5

Sauerkraut: Milchsauer vergorene bzw. fermentierte Lebensmittel helfen, den Darm zu regenerieren. Dazu zählen Sauerkraut, eingelegte Karotten oder Kohl, aber auch das koreanische Kimchi (fermentiertes Kraut). Achtung: Sollte nicht pasteurisiert sein, das zerstört die Bakterien.

6

Meeresfisch: Vor allem fetter Fisch (z. B. Thunfisch, Lachs, Makrele) ist ebenfallls reich an Omega-3- Fettsäuren. Sie schützen nicht nur die Zellwände, sondern sind auch gut fürs Gehirn.

Kommentare

Autor

Die Überschriften bei den Punkten 5 und 6 also Sauerkraut und Meeresfisch sind vertauscht :)