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Warum der Kreuzbandriss weiblich ist

In den Feiertagen freuen sich viele aufs Skifahren. Eine der klassischen Verletzungen, die man sich dabei zuziehen kann, ist der Kreuzbandriss. Gemein aber wahr: Vom Riss des vorderen Kreuzbandes sind meistens Frauen betroffen.

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Warum der Kreuzbandriss weiblich ist
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Der Kreuzbandriss gilt als eine der häufigsten Bandverletzung im Körper, wird in 80 Prozent aller Fälle beim Sport verursacht und tritt in Österreich ca. 8.000 Mal pro Jahr auf. Oftmals mit Fußballern in Verbindung gebracht, sind in Wahrheit vor allem wir Frauen für diese Verletzungsform anfällig. „Man geht davon aus, dass die Bandgewebsstabilität während des Ovulationszyklus variiert, wodurch weibliche Kreuzbänder hormonell bedingt eher zum Reißen neigen.“, erklärt die Fachärztin für Orthopädie und Traumatologie und Kniespezialistin Dr. Magdalena Materzok-Weinstabl, die in der Wiener Privatklinik ordiniert, regelmäßig mit dieser Verletzung konfrontiert ist und bereits selbst betroffen war. Laut manchen Experten haben Frauen außerdem genetisch bedingt eine andere Muskelfettverteilung als Männer, weshalb bei ihnen die funktionelle Kapazität, das Kniegelenk in extremen Situationen zu stabilisieren, negativ beeinflusst wird.

Ursache „Fehlbewegung“

Um das vordere Kreuzband zum Reißen zu bringen, ist eine Außendrehung des Oberschenkels bei fixiertem Unterschenkel und gleichzeitiger Beugestellung im Kniegelenk nötig. Bei starker Überstreckung kommt es häufiger zum knöchernen Ausriss des vorderen Kreuzbandes. Passieren kann das beispielsweise bei Rotations-Sportarten wie Handball oder Basketball, aber sehr häufig auch beim Skifahren. „Ob Profisportlerinnen wie Lara Gut-Behrami oder Hobbysportlerinnen, die sich im Winterurlaub auf die Piste trauen, niemand ist vor dieser Verletzung gefeit.“, gibt Dr. Materzok-Weinstabl zu bedenken. „Eine unglückliche Bewegung, z.B. beim Landen nach einem Sprung oder beim plötzlichen Abstoppen, und das Band reißt. Beim Skifahren ist es die übermäßige Krafteinwirkung auf das Kniegelenk, die dem Kreuzband gefährlich werden kann. Heutzutage wirkt bei den mittlerweile etablierten Carving-Skiern ein wesentlich höheres Drehmoment auf das Kniegelenk.“ Das hintere Kreuzband wiederum kann aufgrund eines heftigen Anpralls auf das Knie verursacht werden.

Kreuzbandriss: Klar erkennbar

Nach erfolgter Kreuzbandruptur, die manchmal mit einem schnalzenden Geräusch einhergeht, stellt sich meist sofort ein stechender Schmerz ein, die Beweglichkeit ist eingeschränkt und das Knie schwillt an, da das gerissene Band eine Blutung im Gelenk verursacht. Bei einem Einriss sind die Symptome viel milder. Daher wird diese Verletzung oft übergangen. Magdalena Materzok-Weinstabl erläutert: „Bei unseren Kreuzbändern handelt es sich um straffe Bandstrukturen innerhalb des Kniegelenks, die es bei Drehbewegungen zweidimensional stabilisieren. Deshalb hat ein Kreuzbandriss extreme funktionelle Auswirkungen.“ Da das vordere Kreuzband das Schienbein mit dem Oberschenkelknochen verbindet, kann (der Unterschenkel nach dem Riss des Bandes gegenüber dem Oberschenkel nach vorne verschoben werden, wenn sich das Knie in Beugestellung befindet. Dies lässt sich mittels dem sogenanntem Schubladen- oder Lachman-Test nachweisen, bei dem im Falle eines Kreuzbandrisses eine erhöhte Verschieblichkeit des Schienbeins nach vorne (oder beim hinteren Kreuzbandriss nach hinten) erkennbar ist. Röntgen und MRT können zum einen die Verdachtsdiagnose bestätigen und die Rissform darstellen und zum anderen aufzeigen, ob noch andere Strukturen wie Meniskus, Seitenbänder oder Knorpel in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Adäquat therapieren

Wer davon ausgeht, man müsse nach erfolgtem Kreuzbandriss umgehend in den OP, irrt, denn: Nicht jeder Kreuzbandriss muss operiert werden. Liegen die Bandstümpfe in ihrem Gleitschlauch aneinander, kann mit konservativer Therapie mittels Ruhigstellung durch eine Schiene sehr oft ein gutes Ergebnis erzielt werden. Vor allem, wenn im Alltag kein funktionelles Defizit vorliegt. Haben die Stümpfe keinen Anschluss oder sind sie eingeschlagen, ist von einer bleibenden Instabilität auszugehen. "Beim akuten Riss kommt es zur physiologischen Gewebsreaktion, wobei der Körper sich auf das verletzte Gelenk fokussiert. Die verursachte Blutung muss abgebaut werden und Reparationsvorgänge werden in Kraft gesetzt. Das passiert ab dem dritten oder vierten Tag. Operiert man zu diesem Zeitpunkt, wird ein zusätzlicher Reiz gesetzt und es kann zu einer überschießenden Gewebsreaktion der gesamten Schleimhaut und damit zur starken Narbenbildung mit Bewegungseinschränkung sowie Schmerzen führen.“, gibt Dr. Materzok-Weinstabl zu bedenken. „Wird das Kniegelenk in dieser subakuten Entzündungsphase operiert, kann das zur Versteifung desselben führen.“ Für einen Operationserfolg sei ein reizfreies, frei bewegliches Kniegelenk Voraussetzung, so die Medizinerin. Davon könne man nach etwa sechs Wochen ausgehen.

Operation mittels "Schlüssellochtechnik"

In der Zwischenzeit seien abschwellende entzündungshemmende Maßnahmen, Schonung, Ruhigstellung und Sicherung des Gelenkes in einer Schiene sowie physikalische Therapie wie Lymphdrainagen und Übungen zur Aktivierung der Oberschenkelmuskulatur sinnvoll. „Nicht immer ist eine Operation erforderlich. Diese Entscheidung muss jeweils individuell getroffen werden und ist von der Verletzungsart sowie den Belastungsansprüchen der Patientin oder des Patienten abhängig. In den meisten Fällen sollte man den Kreuzbandriss chirurgisch therapieren.“ Die Wahl des Operationsverfahrens hängt ebenso von verschiedenen Faktoren ab. Ob körpereigene Transplantate wie am häufigsten die Semitendinosus- und Gracilis-Sehne aus der Oberschenkelrückseite als Kreuzbandersatz oder ein Teil der Patellasehne verwendet werden, entscheiden Patient/in und Operateur/in gemeinsam und nach umfassender Aufklärung über Vor- und Nachteile. „Falls jemand zum wiederholten Male operiert werden muss, empfiehlt sich der Einsatz einer Kniestrecksehne mit einem Knochenblock aus der Kniescheibe oder ein sogenanntes „Allograft“ aus der Spenderbank, welches keine zusätzliche Transplantatentnahme erfordert.“, präzisiert Dr. Materzok-Weinstabl. „Alle Operationsmethoden erfolgen arthroskopisch, also mittels Schlüsselochtechnik, die mit einer geringen Narbenbildung einhergeht.“

Vorbeugung und Rehabilitation

Um einer Kreuzbandruptur vorzubeugen, sollte man sich vor sportlicher Betätigung ausgiebig aufwärmen. Kommt es allerdings doch zu dieser Verletzungsform, ist eine intensive Physiotherapie das Um und Auf, um schnell wieder auf die Beine zu kommen. Dabei spielen die drei Säulen Kraft, Kondition und vor allem Koordination eine entscheidende Rolle. „Die „3K´s“ sollten für jeden Sportler maßgeblich sein, um einen Kreuzbandriss zu verhindern und sind wichtige Bestandteil der Rehabilitation, wenn man sich ein Band gerissen haben sollte.“, erklärt Dr. Materzok-Weinstabl. „Wer davon betroffen ist, sollte bald nach der Operation mindestens eine Stunde pro Tag in sein Knie investieren und zwar in Form von Propriozeptions- und Muskeltraining. Dabei gilt: Nicht in den Schmerz hineintrainieren und nur mit erfahrenen Physiotherapeuten arbeiten. Ein Kniegelenk, dessen Kreuzband gerissen ist, benötigt doppelt so viel Training wie ein gesundes.“ Wenngleich nach erfolgter Operation ca. sechs Wochen eine Schiene getragen werden sollte, kann bereits kurz nach dem Eingriff mit der Physiotherapie begonnen werden.

Nach drei Monaten: Vorsichtiges Lauftraining

Nach Entfernung der Schiene ist Ergometer-Training erlaubt und sinnvoll, nach drei Monaten vorsichtiges Lauftraining bei symmetrischer Oberschenkelmuskulatur. Rotationssport sollte erst nach etwa neun Monaten angedacht werden. Wer aufs Training nicht gänzlich verzichten möchte, kann für eine Weile auf Schwimmen, Radeln und Crosstrainer umsteigen – alles in Absprache mit dem behandelnden Arzt / der behandelnden Ärztin und Physiotherapeuten. Die Physiotherapie sollte, je nach Fitness und Fortschritt, mindestens sechs bis acht Wochen ein- bis zweimal pro Woche erfolgen. Des Weiteren solle die Verletzung auch im Kopf verarbeitet werden, um Vermeidungsbewegungen und Unsicherheit abzulegen. Das Kreuzband lasse sich leider nicht einfach wie ein Ersatzteil austauschen. Sie fügt hinzu: „Patient/innen, die rauchen, haben aufgrund der verminderten Durchblutung eine schlechtere Wundheilung, eine längere Einheilungsphase des Transplantates und benötigen eine längere Rehabilitation als Nichtraucher.“