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Krisenpflege-Mama: "Zuerst nimmt man jedes Kind in den Arm!"

43 Krisenpflegeeltern gibt es in Wien. Gebraucht werden doppelt so viele. Sabrina Limbeck war 5 Jahre Krisenpflege-Mama. Über den Alltag als Mutter auf Zeit.

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Krisenpflege-Mama: "Zuerst nimmt man jedes Kind in den Arm!"

Sabrina Limbeck: "Ich will den Kindern zeigen, dass die Welt nicht nur schlecht ist"

© Facebook/Privat

Der Anruf kann jederzeit kommen: "Wir haben ein Kind, ein Junge. Die Eltern sind drogenabhängig und können ihn nicht versorgen. Dürfen wir ihn in einer Stunde bringen?"

Es ist der Moment, in dem für Krisenpflegeeltern der Einsatz beginnt. Habe ich genug Windeln da? Babynahrung? Reicht die Kleidung in der Größe? Und natürlich die größte Frage: Wie wird das Kind sein?

Krisenpflege: Das ist Elternschaft auf Zeit. Im Schnitt acht bis neun Wochen bleiben die Kinder, die ihren Eltern abgenommen wurden (die Dauer variiert jedoch nach Fall). Im Fachjargon nennt man das "Abklärungszeit". Während die Kinder im Alter von wenigen Wochen bis zu max. 3 Jahren bei den Krisepflegeeltern sind, entscheidet das zuständige Jugendamt, ob sie zurück zu den Eltern oder zu Langzeitpflegeeltern kommen. 43 Krisenpflegeeltern gibt es aktuell in Wien. Der Bedarf, so Sozialarbeiterin Martina Reichl-Rossbacher vom Referat für Pflegeeltern, wäre aber doppelt so hoch.

Sabrina Limbeck (46), selbst Mutter einer Tochter, hat in den letzten fünf Jahren 14 Kinder als Krisenpflegemama versorgt. Über einen befristeten Einsatz, der an die Grenzen gehen kann – und der trotzdem eine Herzensangelegenheit ist.

»Krisenpflege darf man nicht mit Babysitten verwechseln.«

WOMAN: Sabrina, du hast selbst eine Tochter, du bist Alleinerzieherin. Warum hast du dich vor 5 Jahren entschlossen, Krisenpflege-Mama zu werden?
Sabrina Limbeck: Es war eine absolute Bauchentscheidung. Ich wusste gar nicht, dass es in Wien Krisenpflegefamilien gibt – bis ich eine Bekannte getroffen habe, die bereits Kinder bei sich aufgenommen hat. Ich fand es toll, dass es so etwas gibt. Mir war in der Sekunde klar, dass ich das machen will, dass das meine Aufgabe ist, dass ich dafür brenne.

WOMAN: Hast du nie einen Zweifel gehabt? Schließlich bekommt man plötzlich ein fremdes Kind, möglicherweise traumatisiert. Ich hätte extremen Respekt vor der Verantwortung.
Sabrina: Ist es auch. Gewalt, Drogensucht, Alkoholismus, Vernachlässigung, manchmal auch Missbrauch – das sind die Gründe, warum Kinder ihren leiblichen Eltern abgenommen werden. Aber genau das ist auch mein Antrieb. Ich will, dass die Kinder in der Zeit, in der sie bei uns sind, eine liebevolle und glückliche Zeit erleben. Dass sie irgendwo abspeichern können, dass die Welt auch gut und nicht nur schlecht ist. Und sie auf diese Ressource immer wieder zugreifen können, wenn in ihrem Leben wieder etwas schief geht.

WOMAN: Wie wird man darauf vorbereitet?
Sabrina: Es gibt zuerst Vorgespräche, natürlich muss man einen Strafregisterauszug vorlegen, auch die Wohnung wird gecheckt. Schließlich leben die Kinder in der Zeit durchgehend bei den Krisenpflegeeltern. Wenn alles passt, folgt eine halbjährige Schulung in Modulen, dazu noch ein Vertiefungsseminar. Die Vorbereitung ist wirklich großartig. Man wird sehr realistisch auf all das vorbereitet, was da auf einen zukommt.

WOMAN: Kannst du dich noch erinnern, wie es war, als du das erste Kind übernommen hast?
Sabrina: Es war ein Mädchen, fast drei Jahre alt. Sie ist damals fünf Monate bei uns geblieben. Natürlich war ich zunächst sehr aufgeregt, sicher auch manchmal unsicher. Zum Glück gibt es ein gutes Back-up, man kann bei allen Fragen die Sozialarbeiterinnen anrufen. Meine Tochter Hannah war damals vier Jahre alt, es lief auch deshalb ziemlich gut, weil die beiden Mädchen viel miteinander gespielt haben.

WOMAN: Deine Tochter Hannah ist heute 8. Jetzt ist es meist schon schwierig, wenn sich ältere Kinder auf ein leibliches Geschwisterkind einstellen müssen. Da ist Eifersucht oft ein Thema. Wie war es für Hannah, dass da immer wieder Kinder kommen, die aufgrund ihrer Vorgeschichte besonders viel Aufmerksamkeit von dir ziehen?
Sabrina: Ich habe mit Hannah im Vorfeld viel gesprochen. Ich habe zu ihr gesagt: "Du weißt, du bist mein Kind, ich bin deine Mutter. Daran wird sich nie etwas ändern. Wir werden diesen Kindern jetzt gemeinsam helfen." Sie hat sich also als Teil eines Teams empfunden und war eigentlich nie eifersüchtig auf die Pflegekinder. Nur ab und zu, etwa wenn wir ein Baby da hatten, das besonders viel Zeit beansprucht hat, da meinte sie schon, sie würde gerne mehr mit mir spielen. Zum Glück ist meine Mutter immer wieder eingesprungen, so konnte ich mir auch Exklusiv-Tage mit Hannah freischaufeln. Und nach jedem Einsatz habe ich eine Pause gemacht. Zwei Wochen oder drei Monate. Das hat dann auch nochmal gut getan. Aber kurz darauf habe ich angerufen und gesagt: "Ich bin wieder bereit."

WOMAN: Hast du den Eindruck, dass sich Hannah dadurch verändert hat?
Sabrina: Auf jeden Fall. Als sie in den Kindergarten gekommen ist, hat sie allen stolz erzählt: "Ich bin Krisenpflegeschwester". Und jetzt in der Volksschule hat ihre Lehrerin bemerkt, dass Hannah besonders hohe soziale Kompetenz hat. Sie bemerkt alle Stimmungen in der Klasse und setzt sich für Schwächere ein. Wir sind beide an der Aufgabe gewachsen.

»Am Anfang nimmt man jedes Kind einmal in den Arm...«

WOMAN: Ich stelle mir die Arbeit als Krisenpflegemama emotional extrem anstrengend vor...
Sabrina: Es kommt ganz darauf an. Wenn du ein Baby übernimmst, dann ist es körperlich anstrengend. Die kurzen Nächte, das Wickeln, das Füttern... Bei 2- bis 3Jährigen steht die Erziehung im Vordergrund. Die Kinder haben schon bewusster mitbekommen, was abgelaufen ist. Eltern, die sie schlagen oder die nicht ansprechbar sind. Diese Zwerge kommen aus Chaos-Systemen nun in eine Familie, in der es Strukturen und geordnete Abläufe gibt. Die Erziehungsaufgabe erfordert eigentlich viel mehr Anstrengung. Aber Kinder sind wunderbare Wesen, extrem anpassungsfähig und stark. Wenn man ihnen Sicherheit gibt, dann kommen sie mit sehr viel zurecht.

WOMAN: Du übernimmst Kinder manchmal innerhalb einer Stunde nach dem Anruf. Was machst du als erstes?
Sabrina: Neben den logistischen Vorbereitungen wie Kleidung und Essen? Ich nehme jedes Kind einmal in den Arm. Dieses Halten, diese Wärme ist ganz wichtig. Die Kinder wurden eben ihren Eltern weggenommen. Viele weinen, rufen nach ihrer Mama. Einmal habe ich ein Kind übernommen, das war im Schlafanzug, komplett verdreckt und schwer verängstigt. Das wurde knapp davor von der Cobra aus der Wohnung geholt. Spielen und Malen hilft. Andere Kinder wollen nur essen, die kompensieren mit Nahrung. Es dauert etwa zwei Wochen, bis die Kinder wirklich ankommen und Vertrauen da ist. Man baut zu den Kindern langsam eine Beziehung auf. Bei manchen bleibt es schwierig, andere wachsen sehr ans Herz.

WOMAN: Trotzdem gibt man sie nach einigen Monaten wieder ab. Ist dir das schwer gefallen?
Sabrina: Zweimal, ja. Da habe ich überlegt, ob ich diese Kinder nicht in Langzeitpflege nehmen soll. Hannah hat mir einmal vorgeworfen, dass wir einen Bub nicht behalten haben. Aber ich bin berufstätig, ich wollte nie ein zweites Kind großziehen. Und eigentlich habe ich bei jedem Kind, egal, woher es kam, immer gehofft, dass die Sache gut ausgeht und es wieder zu seinen Eltern oder zu Pflegeeltern darf, wenn die eigene Familie nicht der richtige Weg für ein Kind ist.

WOMAN: Als Krisenpflege-Mama hat man ja auch Kontakt zu den Eltern. Wie ging es dir damit? War da Wut? Oder Sorge?
Sabrina: Wut war da nie. In den meisten Fällen lieben diese Eltern ihre Kinder. Sie kommen nur oft ebenfalls aus dysfunktionalen Systemen und haben nie die Fähigkeit erlangt, sich um sich selbst, geschweige denn um ihre Kinder zu kümmern. Der Erstkontakt ist dann trotzdem extrem emotional. Ich bin sehr nah am Wasser gebaut, ich musste mich da jedes Mal wappnen.

WOMAN: Bist du einmal an deine Grenzen gelangt?
Sabrina: Ein einziges Mal. Da habe ich ein vier Wochen altes Schrei-Baby übernommen. Der Bub hat acht Wochen lang jede Nacht durchgebrüllt, dazu hatte er eine Windel-Dermatitis. Ich war nur mehr ein Schatten, das ist an die Substanz gegangen. Die Sozialarbeiterinnen haben mich schon gefragt, ob ich einen Krisenpflege-Wechsel brauche. Aber eine andere Mutter hat mir ein homöopathisches Mittel empfohlen. Zincum Valerianicum d6 – ein echter Tipp. Das hat Wunder gewirkt. Er hat dann durchgeschlafen.

WOMAN: Wie ist das eigentlich mit den Kosten für Medikamente oder Kleidung? Bekommt man die erstattet?
Sabrina: Nicht in der Form. In der Zeit, in der man ein Kind versorgt, trägt man auch die Kosten. Aber man bekommt 1.000 Euro Aufwandsentschädigung, damit deckt man dann die Alltagskosten wie Nahrung, die Windeln, Kinderwägen oder Mobiliar, die Kleidung, Medikamente, Arztbesuche – außer, es sind natürlich spezielle Therapien nötig. Spielsachen und Kleidung gibt man den Kindern dann mit, wenn sie wieder zu den leiblichen Eltern oder Pflegeeltern kommen. Außerdem erhält man 350 Euro "Gehalt".

WOMAN: Seit November ist "Krisenpflegeeltern" ein echter Beruf mit Anstellung...
Sabrina: Vor zwei Jahren habe ich zusammen mit Ursula Baumgartl, einer zweiten Krisenmutter, den Verein "Artemes" gegründet. Gemeinsam mit dem Referat für Pflegeeltern konnten wir unser Ziel durchsetzen: Ab jetzt gibt es endlich eine Vollzeitanstellung, zum Glück. Neu ist, dass Krisenpflegeeltern nun um die 1.100 Euro netto im Monat verdienen. Allerdings dann, wenn sie mindestens zwei Kinder zur gleichen Zeit nehmen und mehr Zeit zur Verfügung stellen – also auch am Wochenende und in den Nachtstunden immer erreichbar sind. Dazu kommt dann noch das Pflegegeld. Damit wollten wir erreichen, dass die Mütter bei den Kindern bleiben und trotzdem die Miete zahlen können, während sie etwas Gutes für die Gesellschaft tun. Außerdem steigt dann vielleicht die Bereitschaft, auch Geschwisterkinder aufzunehmen.

WOMAN: Welche Voraussetzungen braucht es deiner Ansicht nach, um Krisenpflege-Elternschaft zu übernehmen?
Sabrina: Sehr viel Liebe, enorme Flexibilität und Abenteuerlust. Wenn der Anruf kommt: "Sabrina, wir haben ein Mädchen, zehn Monate, Mutter alkoholsüchtig und obdachlos," dann geht es los.

WOMAN: Du machst jetzt mal Pause?
Sabrina: Ja. Meine Tochter Hannah macht jetzt Leistungssport, ich bin berufstätig. Es geht sich im Moment mal nicht aus, mit Ende Jänner habe ich das letzte Kinder abgegeben. Aber ich sage niemals nie...

Mehr Infos:

Themen: Kinder, Report

Kommentare

Ossi Oberhauser

Krisenpflege es werden Krisenmütter gesucht? Warum werden dann von MA11 Krisenmütter gekündigt!! oder solange kritisiert bis sie selbst gehen. MA11 unterstützt die Krisenmütter nicht die sind eher der Gegner!!! nicht die Helfer - Danke soziales Wien.

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