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Künstliche Befruchtung: Schluss mit dem Tabu

Eine von sechs Personen hat Probleme mit der Fruchtbarkeit. Doch die wenigsten reden darüber, viele fühlen sich allein gelassen. Die Initiative #ivfstrongertogether will dieses Tabu brechen. Wir haben einen Embryologen gefragt, was bei einer künstlichen Befruchtung genau passiert. Eine Psychologin gibt Rat bei unerfülltem Kinderwunsch.

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Eizelle, die mit einer Pipette befruchtet wird.
© istockphoto.com

Louise Joy Brown wird am 25. Juli 2018 40 Jahre alt. Die Britin ist der erste im Reagenzglas gezeugte Mensch. Mit ihr feiert auch die (erfolgreiche) Geschichte der künstlichen Befruchtung Jubiläum. Seither hat sich viel getan, zum Beispiel ist die hormonelle Stimulation weniger belastend, und auch schwache Spermien können heute befruchten. Trotzdem ist bei Weitem nicht jeder Versuch erfolgreich, nur etwa jeder zweite führt auch tatsächlich zu einem Baby. Ein enormer Druck für die Betroffenen – eine künstliche Befruchtung ist ja nicht nur körperlich fordernd, auch psychisch geht es an die Substanz. Viele wollen darüber nicht oder nur mit wenigen Vertrauenspersonen sprechen, dadurch entsteht oft ein Gefühl der Einsamkeit. Das will eine Initiative des englischen Online-Magazins ivf babble jetzt ändern. Der Hashtag #ivfstrongertogether und der Slogan Breaking the Silence bieten Frauen die Möglichkeit, ihre Erfahrungen und Ängste zu teilen. Uns hat ein Embryologe erklärt, was bei der künstlichen Befruchtung eigentlich passiert. Eine Klinische Psychologin weiß, wie man mit der Belastung besser umgeht.

Warum es nicht klappt

Für Unfruchtbarkeit gibt es viele Gründe. „Die häufigsten sind hormonelle Unregelmäßigkeiten, Entzündungen, verklebte Eileiter, Endometriose oder schlechte Spermienqualität“, erklärt Dr. Reinhard Schwarz, Embryologe an der VivaNeo Kinderwunschklinik Dr. Loimer. „Bei etwa 40 Prozent der Betroffenen liegt es an der Frau, bei weiteren 40 Prozent ist die Qualität der Spermien nicht ausreichend. Bei den restlichen 20 Prozent kennt man den Grund einfach nicht.“ Doch wie weiß man, ob eine künstliche Befruchtung nötig ist? „Wenn beide gesund sind und man länger als ein Jahr bei regelmäßigem Verkehr nicht schwanger wird, dann sollte man körperliche Ursachen abklären. Das entspricht auch den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO)“, meint Schwarz. Hat man eine unerfüllten Kinderwunsch, empfiehlt sich der Gang in eine Spezialklinik. Dort werden nämlich gleich alle potenziellen Ursachen abgecheckt. Zunehmend problematisch etwa ist die Qualität der Spermien: „Die ist in den vergangenen 10–20 Jahren signifikant gesunken. Ungesunde Ernährung, Stress, zu wenig Bewegung, aber auch zu viel Alkohol und Nikotin schaden enorm.“

Reinhard Schwarz, Embryologe
Reinhard Schwarz ist Chef-Embryologe in der VivaNeo Kinderwunschklinik Dr. Loimer.

Hilfe von außen

Im nächsten Schritt geht es an die Stimulierung der Eizellen: „Mit jedem Zyklus reifen zwischen 6 und 20 Eizellen heran. Doch nur eine davon springt tatsächlich, die übrigen baut der Körper ab. Durch die hormonelle Stimulation mit Spritzen über 10–14 Tage bekommen alle diese Eizellen genug Hormone, um vollständig reifen zu können. Diese Follikel werden unter Narkose mittels Punktion vorsichtig aus dem Bauchraum geholt und mit dem männlichen Samen befruchtet. Ihre Entwicklung wird in den nächsten Tagen regelmäßig beurteilt, spätestens am fünften Tag wird dann jene befruchtete Eizelle, die die größte Chance auf ein Baby verspricht, eingesetzt. Auch dafür wird die Frau noch einmal hormonell stimuliert, um so die Wahrscheinlichkeit einer Einnistung zu erhöhen. Sind noch weitere gute Embryonen vorhanden, können diese kryokonserviert, also tiefgekühlt werden für eventuelle weitere Versuche.“ Nistet sich die Eizelle ein, ist das noch keine Garantie für den Nachwuchs. Denn der Embryo kann noch abgehen, genau wie bei einer natürlichen Befruchtung. „Wir können leider keine Garantie für ein gesundes Baby abgeben. Wir optimieren nur die Abläufe“, betont Schwarz.
Entscheidet man sich für eine künstliche Befruchtung, muss man mit 5.000 bis 6.000 Euro pro Stimulationsversuch rechnen. Doch es gibt staatliche Hilfe. Sind die Kriterien der Unfruchtbarkeit erfüllt, ist die Frau unter 40 und der Mann unter 50 und sind die zukünftigen Eltern verheiratet oder verpartnert, übernimmt der IVF-Fond 70 Prozent der Kosten für maximal vier Versuche.

Großer Druck

Was medizinisch betrachtet recht einfach klingt, bedeutet für die Betroffenen aber oft enormen Druck, weiß die Klinische Psychologin Andrea Ertl. Sie unterstützt Frauen mit (unerfülltem) Kinderwunsch: „Der Wunsch nach einem Kind ist etwas ganz Elementares. Ist kein Baby in Sicht, werden viele regelrecht panisch. Sie haben Angst, einen wichtigen Aspekt im Leben zu verpassen, aber auch die Sorge, im Alter allein zu sein.“ Dazu kommt oft ein Gefühl des Versagens: „Es entsteht der Eindruck: Alle werden schwanger, nur ich schaffe das nicht. Doch man muss klarstellen: Die Frauen sind nicht ,schuld‘ daran.“

Andrea Ertl, Klinische Psychologin
Andrea Ertl ist Klinische Psychologin und hat sich auf die Thematik von Frauen mit (unerfülltem) Kinderwunsch spezalisiert.

Kritische Studien

Dazu kommt, dass IVF ein gesellschaftlich viel diskutiertes Thema ist. Fast jeder hat eine Meinung dazu. Studien scheinen zu bestätigen, dass IVF-Kinder krankheitsanfälliger sind und betroffene Frauen trotz Erfolg häufiger von postpartalen Depressionen betroffen sind. Doch in diesen Studiensettings sind oft die Lebensumstände nicht berücksichtigt. Dr. Martin Swoboda, ärztlicher Leiter in der Kinderwunschklinik, betont: „Ja, es gibt diese Studien. Man geht aber davon aus, dass das Risiko die Eltern sind. Denn viele Paare suchen den Weg in Kinderwunschkliniken erst in späteren Jahren oder sind durch chronische Krankheiten kinderlos. Das wird da nicht berücksichtigt.“
Und zu den postpartalen Depressionen meint Psychologin Ertl: „Da herrscht im Vorfeld oft eine enorme psychische Belastung. Jetzt müsste man umso glücklicher sein, weil das ersehnte Kind endlich da ist. Wenn das nicht der Fall ist, kann da schon eine Welt zusammenbrechen."

Alle reden mit

Dazu kommen für die Betroffenen oft noch jede Menge (unerwünschte) Ratschläge von außen. Der mit Abstand häufigste: Entspann
dich, dann wird das schon. „Wenn sich aber fast alles um dieses Thema dreht, ist es schwer, loszulassen. Wird der Druck zu groß, dann hilft es jedoch, sich bei einer neutralen Person Unterstützung zu holen. Und es geht nicht darum, die Frau mental zu ,reparieren‘, damit es endlich klappt. Sondern darum, dass es ihr mit der Situation besser geht. Viele entwickeln ja auch negative Gefühle, sind neidisch auf Mütter mit Neugeborenen. Nicht, weil man das anderen nicht gönnt, sondern weil man es auch möchte.“ Ertl weiß außerdem: „Betroffene führen oft ein Leben in der Warteschlange, verzichten auf Urlaubsreisen oder Jobwechsel, sie könnten ja genau dann schwanger sein. Aber worüber soll man sich freuen, wenn es keine schönen Dinge mehr gibt im Leben?“ Angehörigen und Freunden rät die Psychologin jedenfalls: „Hören Sie zu, versuchen Sie zu verstehen, glauben Sie nicht, Sie wüssten es besser. Fragen Sie einfach: Was kann ich für dich tun? So helfen Sie am besten.“

Fünf Gründe für Unfruchtbarkeit

PCO. Beim Polyzystischen Ovarialsyndrom sind die Zyklen sehr unterschiedlich lang, teilweise ohne Eisprung. Eine Lifestyle-Änderung kann helfen, hormonelle Dysbalancen auszugleichen.
Endometriose. Das ist ein hormonell bedingtes, entzündliches Geschehen im Körper. Dadurch kann sich die Eizelle oft nur schwer einnisten.
Eileiterprobleme. Wenn die Eileiter verstopft oder verschlossen sind, können Spermien und Eizelle nicht durch. Medizinisch ist meist keine Therapie möglich, nur künstliche Befruchtung.
Alter. Je älter die Frau ist, desto schlechter ist die Qualität der Eizellen. Dadurch sind sie bei der Zellteilung fehleranfälliger. Oft sind auch nur noch wenige Eizellen vorhanden. Diese sind zahlenmäßig bereits bei der Geburt festgelegt, bilden sich nicht nach – im Gegensatz zum Spermium.
Spermienqualität. Anzahl, Beweglichkeit und Formung der Spermien werden immer schlechter. Hauptschuldig ist ein ungesunder Lebensstil.

#ivfstrongertogether

Eine von sechs Personen kämpft mit Unfruchtbarkeit, das sind etwa 16 von 100 Menschen. Zählt man dazu Partner, Familie, Freunde, haben ca. 50 von 100 Personen mit dem Thema zu tun. Trotz dieser Zahlen sprechen die Betroffenen oft nicht über ihre Probleme – auch aus Angst vor den vielen wenig hilfreichen Meinungen und Ratschlägen. Das britische Online-Magazin zum Thema Fruchtbarkeit ivfbabble möchte dieses Schweigen brechen. Unter dem Hashtag #ivfstrongertogether teilen Userinnen auf Instagram oder Twitter ihre Geschichten, Erfahrungen, Ängste und Sorgen. Künstliche Befruchtung soll entstigmatisiert werden, die Betroffenen Mut schöpfen. Frei nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stärker! Symbol für die Kampagne sind zwei lächelnde Ananasse. Die gibt es auch als Ansteck-Pin, der soll das Bewusstsein für die Problematik stärken.

Ananas als Symbol für #ivfstrongertogether
Die beiden Ananasse sind das Symbol der Kampagne #ivfstrongertogeher, mit der das Tabu der künstlichen Befruchtung gebrochen werden soll.
Thema: Kinder

Kommentare

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sehe ich darin noch keine Propaganda.

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und Beziehung passt. Und das kann (muss nicht, aber kann) auch vor den Grenzen des medizinisch machbaren liegen. Schon allein ein Kinderwunsch kann (nicht muss, kann) durchaus eher extrinsischen als intrinsischen Gründen entspringen, und dann wäre es vielleicht besser, die Beziehung nicht der Zerreißprobe auszusetzen, die allein schon die Diagnose sein kann.Wenn jemand das einfach zu bedenken gibt

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Ich bin dafür, möglichst viele Wege gangbar zu machen und zu halten. Sogar den Weg der leihmutterschaft kann man in Betracht ziehen. Aber ich bin auch dafür, darüber zu sprechen, was die spezifischen Schwierigkeiten der jeweiligen Wege sind. Erst dann kann sich ein Paar doch wirklich entscheiden, welcher Weg zur eigenen Persönlichkeit, Biografie