Ressort
Du befindest dich hier:

Was kostet deine Welt? Eine Kunsthistorikerin über ihren Kontostand

Arbeiten, zahlen, leben: Wie viel verdient eigentlich eine freiberufliche Kunsthistorikerin? Und wie viel bleibt am Ende des Monats übrig? Wir haben im Rahmen unserer neuen Serie nachgefragt.

von

Was kostet deine Welt? Eine Kunsthistorikerin über ihren Kontostand
© Melanie Nedelko

"Über Geld spricht man nicht" - das gilt besonders in Österreich. Das eigene Gehalt halten die meisten von uns geheim. Dabei sind wir tagtäglich mit unseren Finanzen konfrontiert. Wo ist der 100er im Geldbörsl schon wieder geblieben? Wie soll ich die Reparatur des Autos bloß bezahlen? Wie schaffen es andere Leute, etwas auf die Seite zu legen? Und wie viel verdienen eigentlich die KollegInnen, die mit mir im Büro sitzen? Nicht zuletzt diese unnötige Verschwiegenheit ins Sachen Einkommen trägt dazu bei, dass Frauen immer noch nicht gleich viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen. Wir sagen: Schluss damit, über Geld spricht man! Deshalb fragen wir im Rahmen dieser Serie Frauen mit den unterschiedlichsten Berufen: Was kostet deine Welt? Wie viel verdienst du? Was bleibt am Monatsende übrig? Im fünften Teil der Serie, haben wir eine freiberufliche Kunsthistorikerin zum Interview gebeten.

Tabia Reinwald ist 30 Jahre alt und hat ein Masterstudium der Kunstgeschichte an der Universität Wien abgeschlossen. Seit September 2016 arbeitet die Mutter einer kleinen Tochter als freie Dienstnehmerin in der Albertina. Als Kunstvermittlerin gestaltet sie Führungen für kunstinteressierte Erwachsene, Schulklassen und Kindergartengruppen. An bis zu 10 Tagen im Monat ist die Wienerin dabei im Einsatz.

Wie viel verdienst du monatlich?
Tabia: Ich kann schwer sagen, wie viel ich verdiene, da es monatlich stark schwanken kann. So habe ich in einem Monat schon mal nur 100 Euro, aber auch schon bis zu 1.000 Euro verdient. Vor allem die Sommermonate, in denen die Schulklassen fehlen sind hart für uns freie Dienstnehmer. Wir werden pro Führung bezahlt inklusive Vor- und Nachbereitungszeit. Ich bekomme 36 Euro pro Stunde. Man kann sich die Zeit sehr flexibel einteilen, was für mich als Mutter toll ist, aber es kann auch vorkommen, dass ich wochenlang gar nicht arbeite.

Wie hoch sind deine Fixausgaben?
Tabia: Die Fixausgaben teile ich mir alle mit meinem Freund. Jeder zahlt ca. 490 Euro im Monat für die Miete und Betriebskosten. Dazu kommen noch Ausgaben für Netflix (10 Euro), Handy, Internet (40 Euro), Haushaltsversicherung, Selbstversicherung (50 Euro), Wiener Linien (30 Euro), Essen (rund 250 Euro) und Kindergarten (80 Euro). Außerdem spende ich jeden Monat 30 Euro für die „Desert Flower Foundation“. Der Film „Wüstenblume" hat mich damals sehr mitgenommen und da ich jetzt selbst Mutter einer Tochter bin, wollte ich einen Beitrag leisten. Zudem habe ich auch ein Patenkind in Sierra Leone.

Hast du eine private Pensionsvorsorge?
Tabia: Nein.


Sparst du Geld und wie legst du es an?
Tabia: Ich würde ja gerne sparen, es geht aber selten, da meist nicht viel oder gar nichts übrig bleibt.

Bist du zufrieden mit deinem Gehalt?
Tabia: Grundsätzlich nicht, da es meist nicht genug ist und ich oft schauen muss, dass es sich ausgeht.

Weißt du, was deine KollegInnen verdienen?
Tabia : Ja, also nur bei jenen die eine fixe Anstellung haben. Bei den anderen Freiberuflern weiß ich natürlich nicht genau, da es auch bei ihnen schwankt, aber es wird offen darüber gesprochen.

Wofür gibst du gerne Geld aus?
Tabia: Für Essen und die Kleidung meiner Tochter. Sie ist eineinhalb Jahre alt.

Wofür würdest du gern mehr Geld haben?
Tabia: Fürs Reisen, eine größere Wohnung und unsere Hochzeit im Mai.

Sprichst du im Freundeskreis über Geld?
Tabia: Ja, wir sprechen ganz offen darüber.

Gibt es sonstige Einnahmen?
Tabia: Bis vor kurzem erhielt ich noch ein Stipendium (ca. 560 Euro), aber das verfiel natürlich als ich mit dem Master fertig war. Das Kinderbetreuungsgeld (875 Euro) kommt noch hinzu.

Was ist dein größter Luxus?
Tabia: Da wir kein eigenes Auto besitzen, nutze ich häufig Car2go. Da gehen sicher auch 150 Euro im Monat drauf.

Kannst du dir die Dinge leisten, die du haben möchtest oder musst du auf etwas verzichten?
Tabia: Nicht immer. Manchmal ist der Wunsch sich etwas zu gönnen größer als die Vernunft. Aber das sind Kleinigkeiten und bedrohen das Familienüberleben nicht.

Würdest du von dir selbst behaupten, dass du gut mit Geld umgehen kannst?
Tabia: Ja, Verzicht gehört leider manchmal dazu. Manche Dinge zahle ich auf Raten.

Würdest du lieber mehr verdienen oder eher weniger arbeiten und dafür halt auch weniger haben?
Tabia: Ich bin froh, dass ich einen hohen Stundensatz habe und daher mit weniger arbeiten auch überleben kann und daher auch me hr Zeit mit meiner Tochter verbringen kann. Ich weiß aber auch, dass ich das nicht für immer machen kann, wenn ich mir und vor allem unserem Kind etwas bieten möchte. Also ja, ich möchte gerne mehr arbeiten und auch mehr verdienen.

Und wie wichtig ist dir Arbeit generell? Welchen Stellenwert nimmt sie in deinem Leben ein?
Tabia: Die Sache ist so: ICH LIEBE MEINEN JOB. Es macht mir unglaublich viel Freude und auch das Museum, in dem ich arbeite, ist exzellent. Dennoch ist es schade, dass man mit einem Masterabschluss und einem Job als „freier Dienstnehmers“ kaum Rechte hat: Keine Pensionsvorsorge, keine Versicherung, nicht einmal Wochengeld habe ich erhalten kurz vor der Geburt. Somit habe ich relativ lange, im achten Schwangerschaftsmonat, noch gearbeitet und drei Monate nach der Geburt schon wieder. Wenn man krank ist, fängt einen eben niemand auf. Es war nicht einmal sicher, ob ich meinen alten Job zurückbekomme - man bleibt austauschbar. Ich finde das unglaublich schade und ungerecht. Unser Beruf ist wichtig! Kunst ist wichtig! Und ein Master macht sich nicht von allein. Ebenso wenig wie die Fähigkeit vor Menschen mit Leidenschaft zu sprechen (auch nach der vierten Führung an einem Tag). Viele Menschen wissen nicht, wie anstrengend (vor allem stimmlich), energieraubend und aufbrausend unser Beruf sein kann. Aber auch wie wunderschön und bereichernd, wenn man merkt, dass besonders Kinder etwas Wertvolles bei uns erleben. Fakt ist, ich würde es gerne hauptberuflich machen, so lange ich aber keine fixe Anstellung im Team erhalte, kann ich das nicht. Daher würde ich mir wünschen, dass freie Dienstnehmer in Österreich mehr Unterstützung bekommen.

Was kostet deine Welt? Alle Teile der Serie

Hier findest du alle bisher erschienen Teile der Serie.