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Leben mit der Angst

Angst soll uns vor Gefahren schützen, doch manchmal wird sie selbst zur riesigen Bürde. Phobien und Panikstörungen können das Leben eines Menschen massiv beeinträchtigen. Und niemand ist davor gefeit, wie man an vielen Promis sieht. Wir fragten einen Experten.

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Leben mit der Angst
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Eine Freundin sollte sie eigentlich sein. Eine, die uns wachsam sein lässt und möglichst vor Gefahren schützt. Aber Angst kann auch plötzlich zur Feindin mutieren. Zu einer, die das Leben zur Hölle macht. Rund eine Million Menschen in Österreich wissen, was das bedeutet: Sie leiden an Angsterkrankungen, weitaus mehr Frauen als Männer. Warum, das weiß man nicht. Aber vielleicht ist die Dunkelziffer bei Männern einfach auch höher, hält es Dr. Michael Stuller nicht für ausgeschlossen. Die Herren der Schöpfung suchen bekanntlich generell weniger nach medizinischer Hilfe. Dr. Stuller, Arzt und Therapeut, betreibt das Angstzentrum (angstzentrum.at) in Wien. Furcht, die außer Kontrolle geraten ist, betrifft dabei alle Gesellschaftsschichten, wie der gebürtige Kärntner weiß. Auch Ruhm und Reichtum bilden für das "schreckliche Gefühl", wie es Patienten beschreiben, keinerlei Barrieren. Zahlreiche Promis haben ihre Angststörungen bereits geoutet. Darunter Adele, die befürchtet, auf der Bühne in Panik zu geraten und davonlaufen zu müssen. Oder Goldie Hawn, die neun Jahre gegen Agoraphobie, die Angst vor öffentlichen Räumen und Menschenansammlungen, sowie gegen Panikattacken kämpfte. Sex-Autorin Charlotte Roche gestand, an einer generalisierten Angststörung zu leiden und genauso quälende Angst vor Einbrechern wie vor austretendem Gas zu haben. Barbra Streisand und Johnny Depp kennen wiederum das hässliche Gesicht der Soziophobie. Jener Variante, die durch die Furcht, sich vor anderen zu blamieren oder negativ beurteilt zu werden, gekennzeichnet ist. Dagegen klingt Rihannas Fische-Phobie ja geradezu harmlos. Wenn man allerdings bedenkt, dass sie fürchtet, beim Schwimmen von Fischen angeknabbert zu werden, ist das auch nicht gerade ein Lebensfreude-Booster.

Das Monster entmachten

"Es gibt nichts, vor dem man keine Angst entwickeln kann", bringt es Dr. Stuller auf den Punkt. Wichtig wäre, das Monster jedenfalls ernst zu nehmen und letztlich zu entmachten. Als Ursachen von Angstzuständen kommen u. a. familiäre Prädisposition infrage, Bedürfnisbefriedigungsdefizite in der Kindheit und Traumata nach einschneidenden Erlebnissen. Auslöser können Stresssituationen wie etwa Trennungen, Todesfälle oder Jobverlust sein. Bei Angstpatienten kann man sogar im speziellen CT sehen, dass die Amygdala, jener Teil des Gehirns, wo die Angst sitzt, übermäßig aktiviert ist. Und wie kommt man wieder runter vom hohen Level? Wir wollten es genau wissen.

WOMAN: Worüber klagen die Menschen, die bei Ihrer Tür hereinkommen?

Stuller: Sie haben Ängste. Und diese Ängste sind so groß geworden, dass kein normales Leben mehr möglich ist. Sie beherrschen den Alltag, die Gefühlswelt und die Handlungsfähigkeit. Angsterkrankungen haben Depressionen bei Frauen bereits überholt.

WOMAN: Können einige Betroffene deshalb auch gar keinem Job mehr nachgehen?

Stuller: Das kommt leider vor.

WOMAN: Wäre es, provokant gefragt, ein gutes Ziel, ganz angstfrei zu werden?

Stuller: Nein. Wenn der Pitbull-Terrier mit gefletschten Zähnen auf mich zurennt und ich hab keine Angst, dann würde ich jetzt nicht hier sitzen. Gesunde Angst ist ein wichtiges Gefühl, das uns schützt und hilft, wachsam zu sein. Droht Gefahr, schlägt das Herz schneller, Stresshormone werden ausgeschüttet, um den Körper auf Kampf oder Flucht vorzubereiten. Bei Angststörungen treten die körperlichen Reaktionen ohne reale Bedrohung auf.

WOMAN: Angst vor Höhen, engen Räumen, Spinnen, vorm Fliegen - da kennt jeder von uns Betroffene.

Stuller: Das sind die sogenannten Phobien. Sie sind immer auf bestimmte Dinge oder Situationen gerichtet. Angst vorm Erbrechen, Angst vorm Erröten, Angst vorm Halten einer Rede, Angst vor Blut, vor Vögeln, Angst vor der Angst. Es gibt eigentlich nichts, wo man keine Beklemmungen entwickeln kann. Caesar und Napoleon, diese großen Feldherren, hatten z. B. panische Angst vor Katzen.

WOMAN: Ich kann diese belastenden Situationen doch vermeiden!

Stuller: Das versuchen die Patienten ja auch. Aber es ist oft mit großen Einbußen und Opfern verbunden. Wenn ich Angst vor Spinnen habe, kann ich die Tierchen leichter umgehen als etwa einen Tunnel. Da muss ich auf der Fahrt nach Italien schon mal fünf Stunden Umweg in Kauf nehmen. Wenn ich keinen Zug, kein Flugzeug besteigen kann, werde ich möglicherweise nicht viel von der Welt sehen. Und wenn ich als Soziophobiker soziale Anlässe meide, wird mich das wahrscheinlich einsam machen.

WOMAN: Aber am allerschlimmsten müssen doch Panikattacken sein.

Stuller: Ja, das sind die schlimmsten Reaktionen. Sie werden körperlich am meisten wahrgenommen. Es kommt zu Herzrasen, Atemnot, erhöhtem Puls, Mundtrockenheit, Schwitzen und Todesangst. Die Leute glauben, sie sterben. Dabei ist rein organisch in den meisten Fällen alles in Ordnung. Auch mit dem Herz. Sie leiden eben an einer Panikstörung.

WOMAN: Können nicht doch auch organische Ursachen dahinterstecken?

Stuller: Ja. Herzkrankheiten wie Angina pectoris oder Schilddrüsenerkrankungen oder Depressionen. Eine medizinische Abklärung ist oftmals notwendig. Und dann natürlich auch Süchte. Suchtmittel können in Folge zu einer Angststörung führen.

WOMAN: Kommen Panikattacken aus heiterem Himmel?

Stuller: Ja, sie kommen häufig völlig überfallsartig. Oder aber durch belastende Situationen, wenn etwa, was oft vorkommt, eine Agoraphobie dahintersteckt. Das ist die Angst vor Menschenmengen, öffentlichen Plätzen, das Haus zu verlassen oder ein Geschäft zu betreten. Für die Patienten sind Orte unerträglich, wo Flucht oder Rettung nicht möglich scheint. Sie vermeiden daher öffentliche Verkehrsmittel, Autofahrten auf Autobahnen oder abgelegenen Landstraßen sowie Flüge. Manchmal kommt es zur völligen Isolation, wenn sie ihr schützendes Heim nicht mehr verlassen können.

WOMAN: Wie versuchen Sie, zu helfen?

Stuller: Meine Methode heißt Psychodrama. Es gibt aber auch noch mehr als 20 andere anerkannte, von der Verhaltenstherapie bis zur Existenzanalyse. Ich finde, dass keine Schule besser oder schlechter ist, sondern dass es sehr auf die Beziehung zwischen Therapeut und Patient ankommt.

WOMAN: Wie funktioniert Ihre Methode?

Stuller: Es wird versucht, das innere Erleben szenisch darzustellen und der Seele durch Spontanität und Kreativität auf den Grund zu kommen. Der Patient gibt etwa seiner Angst einen Namen und eine Stimme, spricht einmal für sie und einmal für sich. Er fragt zum Beispiel: " Angst, warum bist du da? Was brauchst du von mir?" Die Angst antwortet: "Ich bin so aufgewühlt, so schusselig." "Und was brauchst du, damit du nicht mehr so schusselig bist?" "Zuwendung." Da kommen sehr spontane, spannende Gespräche zustande. Es geht manchmal so weit, dass die Angst getröstet werden muss. Das sind sehr emotionale Momente. Wir machen das einzeln oder in der Gruppe. Die Gruppe ist für viele Angstpatienten ein enormer Rückhalt. Amanda zum Beispiel kommt schon seit zwei Jahren zu den Treffen, obwohl es ihr schon ziemlich gut geht.

WOMAN: Irgendwann geht die Angst aber?

Stuller: In der Mehrheit der Fälle, ja. Immer wenn sie wiederkommt, soll ihr der Patient zu verstehen geben: Du brauchst mich nicht. Beruhige dich!

WOMAN: Welche Ursachen können hinter einer Angststörung stecken?

Stuller: Defizite beim Trösten aus frühester Kindheit etwa, aber die kann man nachnähren. Sehr ausschlaggebend ist auch die familiäre Prädisposition. Traten bei zwei Verwandten Angstphänomene auf, liegt die Wahrscheinlichkeit, auch zu erkranken, bei 8:10. Manches kann auch angelernt sein. Waren die Eltern überbesorgt, übernimmt ein Kind diese Einstellung möglicherweise. Das kann bis zur generalisierten Angststörung gehen.

WOMAN: Was ist das genau?

Stuller: Eine chronisch quälende Ängstlichkeit. Die Betroffenen machen sich in übertriebener Weise ständig Sorgen um alles. Gesundheit, Finanzlage, Job, Familie usw.

WOMAN: Muss man manchmal trotz Psychotherapie auch Medikamente geben?

Stuller: Ja, manchmal geht es nicht anders. Meist nur anfänglich zur Überbrückung der ärgsten Symptome, bei manchen Patienten auch längerfristig. Meistens gibt man Antidepressiva. Beruhigungsmittel, sogenannte Benzos, darf man höchstens zwei Wochen lang nehmen. Sie haben ein hohes Suchtpotenzial. Antidepressiva nicht.

WOMAN: Die Patienten rennen aber wahrscheinlich bei den ersten Anzeichen eh gleich zum Arzt oder Therapeuten!

Stuller: Im Gegenteil. Vom ersten Gedanken an Hilfe, bis sie dann bei meiner Tür reinkommen, da vergeht im Schnitt ein Jahr.

WOMAN: Wieso das?

Stuller: Menschen mit psychischen Erkrankungen fürchten, stigmatisiert zu werden. Und es ist ihnen extrem peinlich, wenn andere sie in dem Zustand der Angst oder Panik sehen. Sie treiben daher einen Riesenaufwand, alles zu verheimlichen. Sie meinen oft, sie sind die Einzigen, denen es so geht, und hoffen, dass es von selbst wieder verschwindet. Was aber so gut wie nie der Fall ist. Ihre Vermeidungsstrategie beinhaltet auch das Hilfesuchen.

WOMAN: Wie soll man reagieren, wenn ein anderer eine Panikattacke hat?

Stuller: Dem Betroffenen vermitteln, dass das bald wieder vorübergeht. Ein Cooldown durch verständnisvolles Reden unterstützt auch. Keinesfalls sagen: "Steigere dich nicht so rein!", "Das verstehe ich jetzt gar nicht!" Auch die Aufforderung "Beruhig dich doch!" ist kontraproduktiv. Wenn er wüsste, wie er sich beruhigt, würde er's tun!

WOMAN: Es heißt auch, dass Panikattacken Alarmsignale der Seele sein können, dass man Dinge im Leben verändern sollte.

Stuller: Das ist durchaus möglich. Stellt sich aber im Zuge der Therapie ohnehin heraus, wenn es da etwas gibt. Ich sage: Ausschließlich den Grund hinter der Angst erforschen zu wollen, bringt wenig. Mein Ziel ist es nicht, die Leute darauf hinzuweisen, was sie ändern sollen. Sondern sie sollen durch Spontanität und Kreativität die Lust verspüren, in einer altbekannten Situation neu zu reagieren.

Thema: Psychologie

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