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Die letzten Wochen meiner Großmutter

Marisa Vesco hat Leberkrebs, unheilbar. Sie wird sterben. Ihre Enkelin, die Star-Fotografin Gaia Squarci, dokumentiert ihre letzten Wochen in Würde.


Die letzten Wochen meiner Großmutter
© Reuters/Gaia Squarci

"Meine Großmutter starb im vergangenen Oktober. Sie wusste, dass sie schwer krank war. Und sie wusste ab einem gewissen Punkt, dass ihr Leben zu Ende geht." Die Star-Fotografin Gaia Squarci, die für die Vogue oder den britischen Guardian um die Welt reist, trifft eine Entscheidung. Sie bricht ihre Zelte in London ab und zieht zurück in den kleinen italienischen Ort Cossato um ihre Oma, die an unheilbarem Leberkrebs erkrankt ist, bis zu ihrem Tod zu begleiten.

"Meine Großmutter Marisa, die ich "Nonna Dida" nannte, war immer für mich da. Ich wollte sie in ihren letzten Monaten nicht alleine lassen. Es war die wertvollste Zeit meines Lebens. Die Familie war wie ein Kokon für Oma, in dem sie behütet wurde, der ihr half, die Schmerzen zu ertragen – und der ihr ein Sterben inmitten von Liebe ermöglicht hat."

Die letzten Monate im Leben ihrer geliebten Oma hielt die Fotografin in einem traurig-schönen Fotoprojekt fest:

"Meine Oma auf ihrem Bett in Cossato. Der Leberkrebs hat sie ausgezehrt, sie hatte durch die Behandlung kaum Appetit. Eiscreme zu essen war eines der wenigen Vergnügen, auf die sie noch Lust hatte. Also hatten wir immer Eiscreme zuhause."

"Oma konnte nicht mehr viel unternehmen, war zu schwach, um ihr Zimmer zu verlassen. Ich habe alle Fotos auf ihrem Bett ausgebreitet und mit ihr ein Familien-Fotoalbum gebastelt. Wir haben Erinnerungen aufgewärmt und Tränen der Freude und Trauer geweint."

"Die Pillen, die meine Oma schlucken musste, um die Symptome des Leberkrebs zu mildern. 'Ich kriege das nicht runter' hat sie geklagt. Aber am Ende dann doch geschluckt."

"Dieses Foto zeigt meine Mama, die ihre kranke Mutter badet. Für meine Mutter war es sehr schwer. Früher hat sich meine Oma um sie gekümmert. Jetzt war auf einmal Oma wie ein Kind, das Hilfe braucht. Das hat meiner Mutter schier das Herz zerrissen."

"Oma hat immer gerne gelesen, sie war verrückt nach Klatschzeitungen. Sie wusste alles über italienische Schauspielerinnen und TV-Ansagerinnen – und hat sich lustig über die Gerüchte gemacht. Als sie krank wurde, haben wir ihr immer neuen Nachschub an Magazinen gebracht."

"Den letzten Monat ihres Lebens verbrachte meine Oma in einem Hospiz. Hier umarmt meine Mutter sie zum Abschied. 'Ich will dich nicht loslassen,' hat sie gesagt."

"Auf diesem Bild legt meine Großmutter ihren Kopf in meinen Schoß. Es war einer dieser letzten Momente, ehe sie für immer Ruhe fand."

"Meine Großmutter wurde eingeäschert. Sie wollte, dass wir die Asche an ihrem Lieblingsort verstreuen. Nahe des Waldes von Cossato, dort, wo sie aufgewachsen ist."