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"Kind auf Bestellung": Was Leihmutterschaft auch bedeutet

Wer selbst kein Kind bekommen kann, hat dank der modernen Medizin heute zahlreiche Möglichkeiten, dennoch Mutter beziehungsweise Vater zu werden. Aber nur weil etwas technisch machbar ist, ist es auch moralisch vertretbar? Und kann man das eigene Familienglück über das Wohl anderer stellen?

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Kind auf Bestellung
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Der Wunsch nach einem Kind ist in den meisten von uns tief im Lebensplan verankert und groß. Nicht immer wird dieser jedoch auch erfüllt. Aber haben wir tatsächlich auch ein Recht auf Kinderglück? Haben wir das Recht, den Körper einer anderen Frau zu mieten für eine Leihmutterschaft, damit diese mein Kind für mich austrägt?

Das Recht beziehungsweise die Möglichkeit gibt es in zahlreichen Ländern wie den USA, Großbritannien oder Russland - jedoch auch in Ländern wie Indien, Thailand oder Mexiko, wo Frauen aus finanziell schwachen Schichten die Kinder für finanziell sehr gut situierte Eltern aus dem Ausland, die selbst keine Kinder bekommen können, weitaus günstiger austragen. Daher hat sich daraus ein mittlerweile sehr erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt, worin jedoch kaum Rücksicht auf die Situation, Gesundheit oder die psychischen Folgen für Leihmütter oder Kinder genommen wird.

Die Autorin und Journalistin Eva Maria Bachinger hat sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt, mit Eizellenspenderinnen und Leihmüttern gesprochen und ihre eindeutige, aber dennoch sehr differenzierte Meinung in ihrem Buch "Kind auf Bestellung" niedergeschrieben:

WOMAN: Wie sind Sie zum Thema Reproduktionsmedizin beziehungsweise Leihmutterschaft gekommen?
Bachinger: Als 2013 die Stiefkindadoption für homosexuelle Paare diskutiert wurde, habe ich einen größeren Beitrag für die Salzburger Nachrichten geschrieben und bin auf das Thema Samenspende gestoßen. Ich habe mich zunehmend für die Reproduktionsmedizin insgesamt interessiert. Irritiert hat mich als Journalistin, die sich viele Jahre mit Menschenrechtsfragen beschäftigt hat, die ultimative Forderung "Recht auf ein Kind". Warum mich das irritiert, dem wollte ich tiefgehender nachgehen. Besonders die Praxis der Leihmutterschaft hat mir die Augen geöffnet. Auch mir war in dem Bereich vieles nicht bekannt, weshalb ich anfangs auch kein so großes Problem daran erkennen konnte.

WOMAN: Sie schreiben in Ihrem Buch "Kind auf Bestellung" es gibt kein Recht auf ein Kind. Kinder haben hingegen sehr wohl Rechte. Wie werden diese bei Leihmutterschaften eingeschränkt?
Bachinger: Bei der Leihmutterschaft wird die Kinderrechtskonvention in zwei Punkten gravierend verletzt: Das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und seiner Eltern und das Recht des Kindes, nicht gegen Geld gehandelt zu werden.

Zum Ersten: Kinder werden im Ungewissen gelassen, da ja Leihmutterschaft zumeist auf anonymen oder schwer zugänglichen Daten der Leihmutter und der Eizellenspenderin basieren. Selbst wenn die Leihmutter zu einem Kontakt bereit ist, bleibt die genetische Mutter, also die Eizellspenderin, meist anonym. Zu einem Kinderhandel kommt es, weil die Leihmutter in der Regel erst dann ausbezahlt wird, wenn sie ein Kind "liefert". Und dieses Kind muss natürlich gesund sein. De facto kann man sich also heute ein Baby mittels Leihmutterschaft kaufen.

»De facto kann man sich also heute ein Baby mittels Leihmutterschaft kaufen.«

Das ist ein schwerer Verstoß gegen die Menschenrechte. Es kann kein Recht auf einen anderen Menschen geben. Nehmen wir das Beispiel des Rechts auf Familiengründung, das ist in den internationalen Menschenrechten verankert. Niemand darf mich hindern, eine Familie gründen, aber deswegen gibt es noch lange kein Recht auf einen Partner oder Ehemann. Genauso wenig gibt es ein Recht auf ein Kind. Man sieht: Die meisten Menschenrechte sind keine absoluten Rechte des Einzelnen, sondern können eingeschränkt werden, wenn die Rechte anderer Schutzwürdiger verletzt werden. Menschenrechte wurden auch nicht geschaffen um in erster Linie die Rechte der Stärkeren durchzusetzen, sondern jene der Schwächeren - das sind in Fall von Leihmutterschaft die Kinder.

»Das ist ein schwerer Verstoß gegen die Menschenrechte. Es kann kein Recht auf einen anderen Menschen geben.«

WOMAN: Der Untertitel Ihres Buches lautet "Ein Plädoyer für klare Grenzen": Wofür plädieren Sie genau?
Bachinger: Aufgrund der Kinderrechtskonvention plädiere ich für ein globales Verbot von anonymen Keimzellenspenden und für ein Verbot der Leihmutterschaft. Nationale Verbote reichen in beiden Fällen nicht aus, um die Rechte des Kindes abzusichern. Und es braucht viel mehr Aufklärung, denn oft herrscht sehr viel Unwissen vor, was Leihmutterschaft eigentlich bedeutet und welche Folgen sie hat.

»Oft herrscht sehr viel Unwissen, was Leihmutterschaft eigentlich bedeutet und welche Folgen sie hat.«

WOMAN: Der Kinderwunsch ist ein sehr emotionales Thema und vielfach ortet auch die Politik den Sinn einer Ehe in der Fortpflanzung. Wird daher bei den Problematiken von Leihmutterschaften oft weggesehen?
Bachinger: Ja, ein Kinderwunsch ist emotional und es gibt auch gesellschaftliche Hintergründe: Als Frau nur dann vollständig anerkannt zu sein, wenn sie auch Mutter ist, als Paar erst dann anerkannt zu sein, wenn es genetisch eigenen Nachwuchs hat, ist ein archaisches, konservatives Denken, nun gepaart mit moderner High Tech. Es herrscht hier auch gesellschaftlicher Druck, besonders auf Frauen. Ungewollt kinderlos zu sein bedeutet für die Betroffenen auch viel Schmerz und Leid. Es ist natürlich eine existenzielle Krise. Es gibt aber aus meiner Sicht viel zu wenige alternative Angebote, um auch einen Plan B zu einem genetisch eigenen Nachwuchs entwickeln und ein erfülltes Leben, auch mit Kindern, aber eben nicht mit eigenen, führen zu können.

»Gesellschaftliche Hintergründe: Als Frau wird man nur dann vollständig anerkannt, wenn sie auch Mutter ist.«

WOMAN: Besonders problematisch zeigt sich bei diesem "Geschäftsmodell Leihmutterschaft" bedauerlicherweise die Situation der Frauen, die ihren Körper verleihen, und von den Agenturen mit denen die Wunscheltern Kontakt haben, ausgenutzt werden. Nachdem vor allem wohlhabende Westeuropäer sich Leihmutterschaften in Billiglohnländern leisten - kann man hier plakativ von einer neuen Form des Kolonialismus sprechen?
Bachinger: Aus meiner Sicht ja. Es geht um absolutes Machbarkeitsdenken und Konsumdenken. Wir haben es hier mit einem boomenden Markt zu tun, mit einer Kommerzialisierung existenzieller Vorgänge, des Kindes und des Frauenkörpers.

Leihmutterschaft funktioniert nach Marktgesetzen. Man geht dorthin, wo es am billigsten ist. Das zeigt die Tatsache, dass Amerikaner, Israelis oder Briten auch ins Ausland gehen um eine Leihmutter zu engagieren, obwohl liberale Gesetze es in ihren Ländern erlauben. In ärmeren Ländern ist eine Leihmutter einfach billiger und es gibt schlichtweg auch mehr Frauen, die dazu bereit sind. Wir agieren hier eben auch als Konsumenten. Wir lagern Dienstleistungen aus, zerteilen die Prozesse und schauen nicht genau hin.

»In ärmeren Ländern ist eine Leihmutter einfach billiger und es gibt schlichtweg auch mehr Frauen, die dazu bereit sind. Wir agieren hier eben auch als Konsumenten.«

Ich kenne keine mittellosen Paare, denen eine wohlhabende Leihmutter geholfen hat. Es gibt natürlich nicht nur Leihmütter, die sich ausgebeutet fühlen, sondern es als „Arbeit“ sehen. Schwangerschaft und Geburt als „Arbeit“ zu definieren, die man „autonom“ ausführen könne, sehe ich als höchst problematisch an. Ist das Kind dann das "Produkt" dieser "Arbeit"? Und selbst wenn es "fair trade" wäre, also wenn die Bedingungen dieser Arbeit fair gestalten werden würden: Es wäre immer noch ein Handel mit Menschen, der eben aus gutem Grunde verboten ist.

»Schwangerschaft und Geburt als „Arbeit“ zu definieren, die man „autonom“ ausführen könne, sehe ich als höchst problematisch an. Ist das Kind dann das "Produkt" dieser "Arbeit"?«

Würde Leihmutterschaft als "Arbeit" anerkannt, werden zudem die hohen internationalen Standards bei der Adoption in Frage gestellt. Abgesehen davon ist es fast eine Ironie, hier von Autonomie zu sprechen, wie es Befürworter tun: Eine Leihmutter kann nicht "autonom" agieren, da sie - wenn sie nicht die genetische Mutter des Kindes sein will - immer abhängig von künstlicher Befruchtung und damit Ärzten ist. Es ist wohl auch kaum möglich die Rechte der Leihmütter auf diesem kommerzialisierten Markt zu verbessern, denn welche Wunscheltern und welche Ärzte würden der Leihmutter frei überlassen, wie sie die Schwangerschaft gestaltet, ob sie einen Abbruch durchführt oder nicht, wie sie entbinden will?

WOMAN: In welchem Zusammenhang stehen Sie zur Initiative "Stoppt Leihmutterschaft", die international dieses Geschäft komplett verbieten möchte? Beziehungsweise warum unterstützen Sie diese?
Bachinger: Nach Publikation meines Buches bin ich von mehreren Experten und Expertinnen mit unterschiedlicher Weltanschauung gebeten worden, ein Treffen zu Leihmutterschaft zu vermitteln. Offenbar hatten alle Teilnehmenden Vertrauen zu mir und durch meine Vermittlung haben sich alle an einen Tisch gesetzt, was bei anderen Themen wie Schwangerschaftsabbruch sehr schwierig bis unmöglich ist. Die Expertenrunde wollte sich der internationalen Kampagne "Stop Surrogacy Now" anschließen und sich unabhängig von der jeweiligen Weltanschauung für ein globales Verbot der Leihmutterschaft und für mehr Wissensvermittlung einsetzen. Ich unterstütze diese Forderungen aufgrund der Menschenrechts- und Kinderrechtskonvention.

WOMAN: Verbote haben in anderen Bereichen beziehungsweise Ländern (wie Drogen oder Prostitution) dazu geführt, dass es die Geschäfte dennoch weiterhin gibt, aber eben illegal am Schwarzmarkt. Das würde die Lage der Leihmütter jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit verschlimmern. Wie stehen Sie zu diesem Argument?
Bachinger: Ein Verbot verhindert problematische Vorgänge nicht immer, aber ein Verbot bedeutet auch eine ethische Botschaft, nämlich insofern, dass die Gesellschaft bestimmte Vorgänge nicht wünscht, vulnerable Personen geschützt und Verstoß auch geahndet werden. Sonst dürfte man auch kein Don't Smoke-Volksbegehren starten. Entweder stehen wir zu der Anerkennung von internationalen Konventionen oder eben nicht. Es passieren täglich Menschenrechtsverletzungen wie Menschenhandel, Ausbeutung und mehr und trotzdem steht nicht zur Debatte Menschenhandel wieder zu erlauben, nur um einen Schwarzmarkt zu verhindern. Die Absicherung des Menschenrechts nicht gegen Geld gehandelt zu werden in der Kinderrechtskonvention verpflichtet alle Staaten, die sie anerkannt haben (alle außer USA) dementsprechende Gesetze zu erlassen, damit Ärzte, Bestelleltern oder Leihmütter eben nicht Kinder gegen Geld handeln können.

Kind auf Bestellung
Eva Maria Bachinger
Eva Maria Bachinger